Kulturkadaver

Kadaver, heute mal (wieder) anders: erstens aus Venedig und zweitens ein Nachruf auf einen der größten Ausnahmekünstler Deutschlands. +++ Der Deutsche Pavillon in den Giardini der Biennale in Venedig mit seinen vier mächtigen rechteckigen Säulen an der Front ist ein monumentaler nationalsozialistisch anmutender Bau. Nach jahrelang kontrovers geführten Debatten um Abriss oder Erhalt dieses Baus, hatte sich der vergangene Woche verstorbene Christoph Schlingensief, der den deutschen Pavillon bei der nächsten Kunst-Biennale 2011 gestalten sollte, wie immer auch dazu unverblümt geäußert. Wenn man ihn frage, so wünschte er sich den Bau auf Knopfdruck wegklicken zu können. +++ Nun wurde das Gebäude in diesem Jahr von einem deutschen Architektur-Team, das sich auch noch den affektierten Namen Wa(h)lverwandschaften, frei nach dem Titel eines Romans von Goethe gegeben hat, mit dem Thema „Sehnsucht“ bespielt. Im Katalog wird mit Bildern von Kaspar David Friedrich und Motiven aus der deutschen Romantik geworben. In Deutschland scheint man sich eben auch unter Architekten nach Normalität zu sehnen und beansprucht zunächst die Freiheit für sich, Sehnsucht zu empfinden. „Die Freiheit der Sehnsucht“ hieß denn auch ein Theaterstück, das kurz nach der feierlichen Eröffnung des Deutschen Pavillons in Venedig am vergangenen Samstag dort gespielt wurde. In einer erzählerischen Lesung wurden Texte von Michel Houellebecq, Peter Sloterdijk und – es könnte nicht besser in diesen Rahmen passen – Martin Heidegger präsentiert. Dabei sollte ein literarischer Bilderbogen gespannt werden, um hin zu den drängendsten Sehnsüchten der Architektur zu gelangen. In diesem Stück sehnte man sich nach einem Leben im Einklang mit der Natur… Was bedeutungsschwer angelegt war, geriet zur bedeutungslosen Inszenierung, in der die fünf Schauspieler vergeblich um die Aufmerksamkeit des gelangweilten Publikums rangen. Sehnsucht verspürte man allein nach Schlingensief. +++ Schlingensief wollte eine Kunst, die lebte und diese Vision lebte er uns vor. Ob er die Köpfe berühmter deutscher Politiker forderte, sich vor laufenden Kameras auszog und prügelte, mitten im Wiener Stadtzentrum einen begehbaren Abschiebecontainer für Asylanten aufstellte, im deutschen „Kettensägenmassaker“ zeigte, wie die Westdeutschen die Ostdeutschen fraßen oder seine Zuschauer wild beschimpfte: Immer folgte er impulsiv seinen Gedanken in Auflehnung gegen alles, was ihn störte und was er gesellschaftlich anprangern wollte. Als er schließlich von seiner Krebskrankheit erfuhr, begann er erst recht gegen alle gesellschaftlichen Tabus zu verstoßen, indem er diese in die Öffentlichkeit trug und sie sogar öffentlich zelebrierte. Mit dem Stück „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ inszenierte er seine eigene Totenfeier. Der Theatersaal wurde zur Kirche ausstaffiert und neben Chören wurde ein Röntgenbild von seiner ausgeräumten Brust gezeigt. Als er im vergangenen Dezember  sein Stück „Sterben lernen“ uraufführte, inszenierte er das Ende eines Lebens als Countdown, „noch 57 Minuten bleiben Dir, um Tee zu trinken“. Indem er seinen Tod enttabuisierte und sich mit seinen Leiden in die Menge warf, blieb er sich selbst bis zuletzt treu.


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