BUCH: Magnetisiert

„Magnet L“ nennt sich ein kürzlich erschienenes Buch des Journalisten Stefan Kunzmann mit Fotografien von Patrick Galbats. Das Band ist ein Versuch, das Thema Immigration in Luxemburg von einer neuen Seite zu beleuchten – in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit.

„Magnet L“ stellt die Frage der Immigration neu: Nicht indem es die Perspektive des einen oder anderen annimmt, sondern als Überblick über ein Phänomen, das unsere Gesellschaft ständig verändert und erneuert.

Das Thema Immigration hat in den letzten zwei Jahren der globalen Wirtschaftskrise die öffentliche Debatte so stark dominiert wie selten zuvor. Auch wenn es vor dem Crash der Lehman Brothers und dem Niedergang der Wall Street häufig in den Debatten auftauchte, ist das Problem der Einwanderung doch erst durch die Krise zu einem Zentralthema in der öffentlichen Auseinandersetzung geworden. Seien es die Roma in Sarkozys Frankreich, die abstrusen, kruden Theorien eines Thilo Sarrazin in Deutschland, gestrandete Flüchtlinge im Mittelmeer oder der Kampf um die Grenze zwischen den USA und Mexiko: Stets geraten die Immigranten, Nomaden und Kosmopoliten dieser Welt als erste in das Fadenkreuz konservativer und reaktionärer Gedankengänge. Und werden schnell als Wurzel allen Übels identifiziert.

Dabei ist das Reiseleben, die Erforschung fremder Länder und Kontinente, eigentlich etwas Positives. Auch wenn man dafür die Heimat zurücklässt, mehr oder weniger freiwillig. Das Kosmopolitische ist auch ein wichtiger Zug der Persönlichkeit des Autors Stefan Kunzmann: Der aus Pforzheim stammende Journalist hat auf mehreren Kontinenten gelebt, ehe er sich in Luxemburg niederließ und für die woxx und anschliessend für die Revue aktiv wurde.

Wohl deshalb reagiert er mit einem etwas ungläubigen Augenzwinkern, wenn man ihn fragt, wieso in „Magnet L“ zwar so ziemlich jede Ausländergruppe im Großherzogtum dokumentiert wird, die Geschichte der deutschen Immigration – die sich schließlich synchron zu den italienischen und polnischen Einwanderungswellen eingangs des 20. Jahrhunderts vollzog – unerwähnt bleibt. „Das ist, als ob man in den USA ein Buch über kanadische Immigration schreiben würde“, antwortet er, „Da sind die mexikanischen Migranten doch auch viel interessanter. Für uns war das nicht so relevant. Wir mussten uns eh beschränken, und so beschlossen wir, weder Deutsche, Franzosen noch Belgier in Luxemburg in das Buch einzubeziehen. Auch, weil wir uns da der Grenzgängerthematik genähert hätten, die ja noch ein ganz anderes Kapitel darstellt“.

So geht es in „Magnet L“ auch nicht darum, das Thema Einwanderung zu studieren und zu theoritisieren, das Buch verfolgt eher den Zweck, diese – Luxemburg-spezifisch – zu illustrieren und die Augen zu öffnen für die Vielfalt und den Reichtum, die das Land, ausserhalb seiner fetten Bankkonten, besitzt. Das Buch beginnt mit der Geschichte eines wahren Kosmopoliten, des aus Malta stammenden Dichters Antoine Cassar, der als Übersetzer für die EU-Kommission in Luxemburg landete und für den Luxemburg mittlerweile das sechste Land ist, in dem er lebt und arbeitet. Ein typisch-untypischer Migrant in großherzoglichen Gefilden also, der mehreren Welten gleichzeitig angehört: Dem Kosmopolitismus, der Arbeitsmigration, der aber – als Poet ? auch ein Suchender ist.

Die darauffolgenden Kapitel beschäftigen sich mit den „Klassikern“ der Immigration nach Luxemburg, wobei – unvermeidlich – das erste den Italienern gewidmet ist. Eine Einwanderungswelle, die für viele Luxemburger auch heute noch als Paradebeispiel für erfolgreiche Integration gilt. Die Geschichten der Immigranten, die vor noch nicht allzu langer Zeit häufig mit Rassismus auf der Straße, in der Schule und in verschiedenen Institutionen konfrontiert waren, muten heute fast niedlich an. Gibt es doch inzwischen italienischstämmige Minister, Bürgermeister, Dichter und Unternehmer im Lande.

Doch auch die „Vorzeigemigranten“ kommen nicht an der Frage vorbei, was Integration denn nun eigentlich heißt. „Bedeutet sich zu integrieren, dass man sich total assimiliert? Oder dass man einen politischen Maulkorb akzeptiert? Dass man sich verstecken muss? So gesehen ist Integration ein reaktionäres Konzept, das nicht viel mit der Realität zu tun hat“, meint Stefan Kunzmann. Zwar sind die meisten Italiener hierzulande inzwischen luxemburgische Staatsbürger und können als solche am öffentlichen Leben teilhaben, doch trifft dies eben nicht auf alle zu. „Noch immer gehen in Luxemburg weniger als 50 Prozent der Bewohner zur Wahl, trotz der allgemeinen Wahlpflicht. Sie dürfen es nicht, weil ihnen die Staatsbürgerschaft fehlt. In diesem Punkt mangelt es der Politik immer noch an Mut“, so der Autor.

Magnete können auch polarisieren.

Dies trifft immer noch auf viele portugiesische Staatsbürger in Luxemburg zu, auch wenn ihnen der Zugang zur Politik durch die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft erleichtert worden ist. Andere Gruppen hingegen bleiben komplett außen vor: Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien oder von den Kapverden zum Beispiel, und natürlich die sogenannten „Illegalen“ – Menschen, die sich oft nicht einmal vor die eigene Haustür trauen aus Angst, in eine Polizeikontrolle zu geraten, obwohl sie oft schon seit Jahren im Land leben, arbeiten und Steuern zahlen. Eine Ungerechtigkeit von der viele Arbeitgeber schamlos profitieren, sind diese Menschen wegen ihrer Schutzlosigkeit doch das ideale Arbeitsvieh.

Doch „Magnet L“ beschränkt sich keineswegs darauf, sich jede Einwanderergruppe einzeln vorzunehmen und durch Portraits in einen schönen Rahmen zu setzen. Vielmehr erforscht das Buch durch viele verschiedene Faktoren das Leben der Zugezogenen in Luxemburg. So zum Beispiel das Kapitel „Fatima im Norden“, das ganz dem religiösen Empfinden der ausländischen Communities gewidmet ist. Hier geht es nicht nur um die alljährliche, von der portugiesischen Gemeinschaft getragene Wallfahrt nach Wiltz, das Buch entführt den Leser auch in die Hinterhöfe der Hauptstadt, wo viele verschiedene religiöse Gemeinschaften – auch eher zweifelhafter Natur – den Immigranten Zusammenhalt bieten. Schonungslos geht „Magnet L“ auch dieser Seite der Immigration und ihren Paradoxien nach: Einerseits lindern die Hinterhofkirchen das Heimweh, andererseits werden viele derer, die Zuflucht bei ihnen suchen, schamlos ausgenutzt. Ein positives Gegenbeispiel dazu ist der Sport, dem mit einem Kapitel über den „RC Hamm Benfica“ ein interessanter Beitrag gewidmet ist.

Auch dass Immigranten nicht nur arme Schlucker sind, die der Misere oder der Verfolgung im Heimatsland entkommen sind und Luxemburg vor lauter Dankbarkeit die Füße küssen, illustriert „Magnet L“. Gleich drei Kapitel handeln von Einwanderern aus verschiedenen EU-Staaten, aus Polen, Holland, Skandinavien und Großbritannien, die wegen der Arbeit und Karriere nach Luxemburg gekommen sind – auch wenn viele von ihnen das Großherzogtum nur als Etappe sehen. In diesem Teil des Buches fällt vor allem auf, daß diese Sorte Immigranten nicht demselben Integrationsdruck ausgesetzt sind wie zum Beispiel Menschen aus Afrika oder aus Osteuropa: Immigration ist offenbar nicht gleich Immigration. Auch eine Einsicht, die „Magnet L“ uns vermitteln will.

Weiterhin befasst sich das Buch sich auch mit den Lebensbedingungen im Miteinander der Kulturen. So begegnen wir Ausländern, die sich gezwungenermaßen selbständig machen, ausländischen Senioren, die ihr ganzes Leben hierzulande gearbeitet haben und nun hin- und hergerissen sind zwischen alter und neuer Heimat, und wir erfahren, wie versucht wird, ausländische Kinder, die oft keine der Landessprachen beherrschen, in das hiesige ziemlich versteifte Schulsystem zu integrieren.

„Immigration ist ein schier unerschöpfliches Thema“, meint Stefan Kunzmann denn auch, „Das Sinnbild dafür könnte ein endloses Labyrinth sein, bei dem sich immer neue Türen öffnen“. Wie weit Ideen zu dem Thema auseinanderliegen können – selbst wenn konservatives Stammtischgerede aus der Betrachtung ausgeschlossen bleibt – zeigen auch Prolog und Epilog des Buches, in denen zwei frei erfundene Gestalten, H. Dante und Daedalus Oesterheld, über verschiedene Auslegungen der Immigration diskutieren. Während der eine jede Art von nationaler Identität leugnet und meint, die Menschen würden sich lediglich über ihre Aktivitäten definieren – worin eben das Wesen einer Multikulti-Gesellschaft eigentlich bestehen sollte – ist der andere überzeugt, dass in vielen Bereichen, wie dem Sport oder der Musik, die ethnische Zugehörigkeit immer noch eine Rolle spielt. Am wahrscheinlichsten erscheint uns die Theorie des im Prolog zitierten deutschen Publizisten Mark Tessedekis: Statt sich an den Traum eines Multikulti-Miteinanders zu verlieren sollte man sich an die pragmatische Wirklichkeit einer Interkulturalität gewöhnen und das Zusammenleben aus dieser Perspektive verbessern. Denn die Interkulturalität verlangt die Integrationsanstrengung nicht nur von den Einwanderern, sondern auch vom Staat, der seine Institutionen denen, die in ihm leben – und von denen er selbst letztlich auch lebt – öffnen muss. So betrachtet, repräsentiert „Magnet L“ eine neuartige Sichtweise der für Luxemburg überlebensnotwendigen Immigration, und man wünscht dem Buch, nicht zuletzt, weil es ohne Kochrezepte, rote Löwen und Radsportler auf dem Cover auskommt, viel Erfolg in den Bücherregalen.

„Magnet L“, erschienen bei Editions Revue


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