KRIEG & NATIONALISMUS: Bittere Erinnerung

Anfang der Neunzigerjahre berichtete Miljenko Jergovi´c aus dem belagerten Sarajewo. Nun hat der 44-Jährige einen fantastischen Roman über den Zustand der postjugoslawischen Gesellschaft geschrieben.

Der 66-jährige Karlo Adum ist Gymnasiallehrer für Geschichte und lebt vereinsamt in einer Hochhaussiedlung in Zagreb. Seit seiner Pensionierung und dem plötzlichen Tod seiner Frau hat für ihn das Leben jeden Reiz verloren. Eigentlich wartet er nur noch auf den Tod, bis ihn ein Telegramm aus seiner Lethargie reißt. Er soll nach Sarajewo zur Testamentseröffnung seines Onkels kommen. Sarajewo, das ist der Ort seiner Kindheit, den er vor über fünfzig Jahren mit seiner Mutter verließ, um nie mehr zurückzukehren. Karlo besorgt sich eine Pistole, steigt in seinen treuen alten Volvo und bricht auf.

Was nun beginnt, ist eine klassische Roadnovel. Eine Reise, die Karlo Adum nicht nur durch die zerstörten Dörfer der Posavina, über neue Grenzen, an Minenfeldern und Friedhöfen vorbei bis nach Sarajewo führt, sondern auch tief in sein eigenes Leben, das mit der konfliktreichen Geschichte des ehemaligen Jugoslawien vom Zweiten Weltkrieg bis heute verbunden ist. Einen Teil dieser Konflikte hat Miljenko Jergovi´c, der Autor dieses beeindruckenden Romans „Freelander“, unmittelbar selbst erlebt. Er ist 1966 in Sarajewo geboren, berichtete während des Krieges aus der belagerten Stadt. Seit 1993 lebt und arbeitet er in Zagreb, unter anderem als politischer Kolumnist für kroatische, serbische und bosnisch-herzegowinische Zeitungen. Wie schon in seinen anderen Romanen entfaltet sich auch in „Freelander“ die Geschichte an kleinen Details, Situationen und Beobachtungen.

Bereits der Anblick des orangefarbenen Volvo zu Beginn seiner Reise löst in Karlo eine Flut an Gedanken aus. Zum Entsetzen des ganzen Lehrerzimmers hatte er den teuren Wagen 1975 gekauft, voller Euphorie im Hinblick auf das, was noch kommen würde. Aber es kam nichts mehr. Bitter stößt es ihm auf, dass er bis heute in Novi Zagreb lebt, dem Ghetto der Erfolglosen, der Zugewanderten. Und noch bitterer fällt ihn der Grund dafür an: Es war sein türkischstämmiger Name, der ihm die bereits sicher geglaubte Karriere an der Uni versperrte und obendrein für Hohn sorgte. Denn Adum kommt von Hadum und das bedeutet Kastrat.

1975 blickte Karlo voller Euphorie auf das, was noch kommen würde. Aber es kam nichts mehr.

Auf einem Parkplatz erinnert er sich daran, wie ihn seine Mutter im Mai 1948 in den falschen Bus zur Kur am Meer gesetzt hatte. In dem ehemals deutschen Gefährt mit den notdürftig übermalten Frakturbuchstaben saßen nur Kinder mit geistigen Behinderungen. Für den Jungen stand fest, dass sie alle sterben mussten. Bis heute trifft es ihn, dass seine Mutter die einzige war, die zum Abschied nicht winkte. Und da steigt auch schon übermächtig das Bild seiner lasziv-schönen „Mama Cica“ in ihm auf, die ihn während des Krieges vor ihrer Kundschaft in der schwarzen Ustascha-Uniform aufmarschieren ließ. Als Karlo viele Jahre später bei einer Sicherheitsprüfung von einer Genossin befragt wird, ob er im Krieg Uniform getragen habe, gerät er ins Stottern. Seine Bewerbung für den Auslandsdienst wird abgelehnt. Als „Serbenschlampe“ bezeichnet er daraufhin die Genossin vor dem Lehrerkollegen und kann nächtelang nicht einschlafen aus Angst, dieser könnte ihn wegen Nationalismus anzeigen.

Durch Jergovi´cs assoziativen Erzählstil bekommt das Buch etwas Treibendes. Mit jedem zurückgelegten Kilometer komplettiert er die Lebensgeschichte seines Protagonisten. Das liest sich umso spannender, als sich der anfangs nur unglücklich wirkende Karlo immer mehr als ein Mann entpuppt, der von Verfehlungen und Ressentiments nicht frei ist. Böse zieht er über die kroatische Kultur her, die außer der Ustascha noch nie etwas Eigenes hervorgebracht habe, das Kyrillische der Serben sei die Schrift des Todes und der Minenfelder. Und der Islam ist für ihn eine heimtückische Religion, die die Liebe zum Hass auf die Ungläubigen predige.

Es ist ein düsteres Bild, das Jergovi´c von der postjugoslawischen Gesellschaft zeichnet. Auch Jahre nach dem Krieg sind die Menschen noch immer voller Hass, Aggression und Rachsucht. Als Karlo im Restaurant einer Tankstelle Touristen aus Polen beobachtet, sinniert er: „Wer denkt bei einer Fahrt ans Adriatische Meer, an die schönste und abwechslungsreichste Küste der Welt, schon darüber nach, ob bei den letzten Massakern mehr Serben von Kroaten oder mehr Kroaten von Serben umgebracht wurden.“ Aber immerhin wüssten die Gäste, dass es den „Südslawen im Blut liegt, sich nichts schuldig zu bleiben, und dass sie die heute offenen Rechnungen in fünfzig Jahren begleichen werden, so wie die von vor fünfzig Jahren gestern beglichen wurden.“

Als Karlo schließlich in Sarajewo ankommt, hat er sein ganzes Leben Revue passieren lassen, wie um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Während auf dem Hotelparkplatz der alte Volvo schon auseinandergenommen wird, dämmert Karlo seinem Ende entgegen.

„Freelander“ ist ein kühnes, bewegendes und mitunter makaberes Buch über einen gezeichneten Mann, der in einem noch immer nicht zur Ruhe gekommenen Land lebt. Ein Buch über das Erinnern und das Trauern. Unbedingt lesenswert.

Miljenko Jergovi´c – Freelander“.
Schöffling & Co, 231 Seiten.


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