SPIEL MIT REALITÄTEN: Los des Verschwindens

In seinem Roman „Unsichtbar“ spielt Paul Auster auf bewährter Klaviatur: Ohne sich neu zu erfinden, komponiert der Amerikaner immer wieder aufs Neue den Identitätsverlust seiner Protagonisten.

Liebt es, seine Leser an der Nase herumzuführen: Der Schriftsteller Paul Auster.

„Seine Bücher sind gespickt mit intellektuellen Fallen, Anspielungen und Geheimsystemen – und sie sind wunderbar unterhaltend“, schrieb Paul Auster einmal über Georges Perec. Gleiches trifft auf ihn selbst zu. Der mittlerweile 63-jährige US-Schriftsteller zieht die Leser in seinen Romanen mit voller Sogkraft in ein reflexives Spiegelkabinett, in dem die Protagonisten ein ums andere Mal den Boden unter den Füßen verlieren. Austers Sprache bleibt dabei klar und ohne jeden Schnörkel. Die Bücher des Amerikaners lassen sich leicht und schnell lesen. Sie sind spannend. Dies gilt auch für seinen dieses Jahr auf Deutsch erschienen Roman „Unsichtbar“, in dem der Autor, der seine meisten Fans in Europa hat, in bewährter Weise Lesererwartungen weckt, um diese dann ziemlich schnell wieder zu zerstreuen. Kurz: Er führt seine Leser an der Nase herum.

Der erste Teil der Geschichte wird noch konventionell aus der Ich-Perspektive des 20-Jährigen Adam Walker erzählt: Der Literaturstudent und Möchtegerndichter lernt auf einer Party im Jahr 1967 den reichen Franzosen Rudolf Born und dessen attraktive Freundin Margot kennen. Der undurchsichtige Gastdozent schlägt Adam gleich in seinen Bann und bietet ihm an, eine von ihm finanzierte Literaturzeitschrift aufzubauen – überdies fordert er den Studenten unverhohlen zu einer Affäre mit Margot auf. Adam beginnt eine kurze, aber heftige Beziehung mit der verführerischen Schönen. Kurz darauf ist er Zeuge, wie Born einen jugendlichen Straßendieb eiskalt mit einem Messer tötet. Adam will die Tat der Polizei melden. Doch Born flieht nach Frankreich. Die Handlung bricht ab.

Im zweiten Teil des Buches wechselt Auster die Perspektive: Der erfolgreiche Schriftsteller James Freeman erhält 40 Jahre später einen Brief von seinem früheren Kommilitonen Adam. Dieser ist an Leukämie erkrankt und bittet Freeman, nach Adam das zweite Alter Ego Austers, sich als Lektor eines Manuskriptes anzunehmen. Dabei entpuppt sich der erste Teil von „Unsichtbar“ als Fiktion in der Fiktion. Einmal mehr kommt es zum Perspektivenwechsel: Die Geschichte wird fortan in der zweiten Person Singular erzählt, als Adam seine sexuellen Fantasien schildert, die in einem inzestuösen Verhältnis zu seiner Schwester Gwyn münden. Der Leser erfährt zudem von dem kleinen Bruder der beiden, der im Alter von sieben Jahren bei einem Badeunfall ums Leben kam.

Der dritte Teil handelt in dritter Person von Adams Aufenthalt in Paris. Dort trifft er Born wieder, wird durch ein Komplott des Drogenbesitzes beschuldigt und des Landes verwiesen. Er verschwindet, wird „unsichtbar“. Was bleibt, ist sein Text. Sein Nachlassverwalter Freeman beginnt selbst zu recherchieren. Gwyn bestreitet den Inzest und fordert von ihm, die Personen umzubenennen und den Text zu publizieren. Das klingt alles recht verwirrend, steht aber zugleich in bester Auster-Tradition. Der 1947 in Newark/New Jersey geborene Schriftsteller bekam nach seiner „New-York-Trilogie“ in den Achtzigerjahren den Stempel „kafkaesk“ aufgedrückt, genauso gut könnte man seinen Romanen das Etikett „austerlich“ verpassen.

Seine Stärke beweist Paul Auster immer dann, wenn er sich der Dekonstruktion der Identität widmet.

Schicksalhafte Begegnungen und sonderbare Zufälle, Fragen der Identität und der Verlust derselben, das Spiel mit unterschiedlichen Realitätsebenen – auch „Unsichtbar“ besitzt die typischen Merkmale eines Auster-Romans und zeigt die zentralen Themen: Verlust, Entfremdung, Scheitern, das Leben als Dauerkrise. Auster verwendet dafür unterschiedliche Mittel und changiert zwischen Briefroman und Tagebuch. Es ist ein Vexierspiel, in dem der Leser zunehmend Zweifel an dem hegt, was der Autor ihm auftischt.

„Unsichtbar“ ist ein Roman über das Verschwinden. Eigentlich geht es bei Auster immer darum: Seine Protagonisten lösen sich im Laufe der Geschichten langsam auf. Sie sind von ihrer Umwelt entfremdet und am Ende von sich selbst. Mit ihnen gerät die Wahrheit aus dem Blick.

Wie gewohnt versteckt der Autor auch in „Unsichtbar“ Elemente aus seiner eigenen Biografie: Adam studiert wie Auster an der Columbia-Universität und hat dasselbe Alter; wie der reale Schriftsteller lebt er eine Zeit lang in Paris, und wie fast immer bei Auster ist der Roman voll mit Anspielungen und Querverweisen auf seine früheren Romane. Darüber hinaus bleibt er sich treu, wenn er, wie so oft in seinen Werken, auf andere literarische Werke verweist: auf Dantes „Inferno“ oder auf den mittelalterlichen Troubadour Bertran de Born.

Kritiker haben Auster in den vergangenen Jahren stets vorgeworfen, seine Romane seien zu experimentell konstruiert und stilisiert. Doch genau dies macht ihren Reiz und ihre Suchtwirkung aus. Bis heute wird Auster an seinen Frühwerken gemessen. Neu erfunden hat er sich seither nicht, obwohl er sich an einem stärkeren Realismus ebenso versuchte wie an der fantastischen Literatur. Seine Stärke beweist er immer dann, wenn er auf allen Schnickschnack verzichtet und sich der Dekonstruktion der Identität widmet: „Der Mond über Manhattan“ und „Die Musik des Zufalls“ sind Meilensteine. Mit „Unsichtbar“ hat Paul Auster wieder einen davon gesetzt.

Paul Auster – Unsichtbar. Rowohlt Verlag, 320 Seiten.


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