FRAUENBEWEGUNG: Vom Kampftag zum Feiertag?

Pünktlich zur 100. Wiederkehr des 8. März lanciert das Frauendokumentationszentrum Cid-femmes eine neue Homepage, die exklusiv der Geschichte des Internationalen Frauentags gewidmet ist. Christa Brömmel vom Cid-femmes hat die Idee umgesetzt.

Christa Brömmel, Beauftragte für Frauen- und Gesellschaftspolitik im Cid-femmes – Fraueninformations- und Dokumentationszentrum „Thers Bodé“.

woxx: Als 1911 der erste Frauentag gefeiert wurde, blieb Luxemburg außen vor Hat dieser Tag hierzulande überhaupt eine geschichtliche Bedeutung?

Christa Brömmel: Die historischen Forschungen, die die Historikerin Nadine Geisler für unsere Homepage zusammengetragen hat, zeigen, dass diese Bedeutung zumindest anfangs für Luxemburg begrenzt war. Der Frauentag stammt aus der Arbeiterbewegung; die aber war in Luxemburg nicht so stark wie in anderen Ländern und organisierte auch nicht gezielt die Frauen. Erst in den Zwanzigerjahren griffen der kleinbürgerliche Verein „Action féminine“ und das proletarische „Foyer de la Femme“ die Idee des Frauentags auf: Beide pflegten internationale Kontakte und übernahmen so die die im Ausland lancierten Forderungen des Frauentags.

Welche Momente ragen in der Geschichte der Mobilisierung für Frauenrechte heraus?

Zentral ist schon in frühen Jahren das Thema der rechtlichen Gleichstellung. Die Frauen stellten am eigenen Leib fest: Sobald ich verheiratet bin, habe ich einen schlechteren gesellschaftlichen Status und weniger Rechte. Eigentlich ungeheuerlich – trotzdem haben die Frauen, bis auf wenige Ausnahmen, die Ehe als solche nicht in Frage gestellt. Wohl aber haben sie gegen ihre Folgen gekämpft: Frauen durften nach der Vereiratung nicht mehr erwerbstätig sein, nicht mehr über ihr Geld verfügen usw. Es ging aber nicht nur um ihre eigenen Interessen: Schon zur Zwischenkriegszeit spielten Frieden und Abrüstung eine wichtige Rolle, und während des Kalten Krieges militierten die „Femmes socialistes“ und die kommunistische „Union des femmes“ mit dem Frauentag für den Frieden. Dieses Thema ist heute kaum noch präsent.

Mittlerweile ist der Frauentag in manchen Milieus zu einem reinen Feiertag geworden, an dem man Frauen Blumen schenkt.

Seit 1992 gibt es keine Kundgebungen mehr im Stil des Mouvement de Libération des Femmes (MLF), der in den Achtzigern Frauenforderungen auf die Straße brachte. Aber kommunale Gleichstellungsämter und Genderkommissionen haben den 8. März wieder aus der Versenkung geholt. Aus dem Kampftag wurde ein Feiertag mit Begegnung, Konferenzen oder kulturellen Veranstaltungen. Trotzdem werden durchaus realpolitische Forderungen mit dem 8. März verknüpft, und viele Kulturinstitutionen greifen mit kritischen Theaterproduktionen Aspekte wie Gewalt oder sexuelle Selbstbestimmung auf. Diese Form zu feiern hat also durchaus ihren Wert, stößt aber an ihre Grenzen, wenn das Politische zu kurz kommt. Manches Kabarettprogramm gleitet leider ab in Allgemeinplätze, manche Kulturveranstaltung zeichnet sich einzig und allein dadurch aus, dass eine Musikerin auftritt.

Geht es nicht auch darum, Frauen als Wählerinnen zu umgarnen?

Natürlich. Die Kommunen und auch das Gleichstellungsministerium signalisieren: Wir nehmen euch ernst, wir machen was für euch. Dann stellt sich jedoch die Frage, ob in den sensiblen Bereichen wirklich etwas gemacht wird. So organisierte das Parlament zeitweise zum 8. März spezifische Orientierungsdebatten. Doch was geschah danach? 2004 wurden die parlamentarische Gleichstellungskommisison abgeschafft und Genderpolitik unter Familien- und Jugendpolitik eingeordnet. Da ist ein Mangel an Kohärenz festzustellen.

Wie kann der Frauentag als Mobilisierungsinstrument noch eine Wirkung entfalten?

Wir übernehmen die Fackel des MLF und rufen tatsächlich zum hundertsten Frauentag wieder zu einer Kundgebung auf. Der Frauentag macht die Solidarität jener, die mitmachen, greifbarer als Petitionen oder Konferenzen. Entscheidend ist, dass sich genügend Leute auf diese Weise mobilisieren lassen, und dass die politische Kultur Mobilisierungsformen wie diese als legitimes Mittel ansieht, um Meinungen zu propagieren. Politik darf sich nicht darauf beschränken zu sagen: Wählen genügt. Andererseits: Auch zu seinen besten Zeiten war der Feminismus nie eine Massenbewegung, das kann man also auch heute nicht erwarten.

Was kann eine Homepage zu einem geschichtlichen Thema wie dem Frauentag beitragen?

Wir wollen neugierig machen und gerade auch junge Leute auf die geschichtlichen Wurzeln der Frauenbewegung hinweisen. Die Homepage, die übrigens auch ins Französische übersetzt werden wird, ist sprachlich so gestaltet, dass der Zugang leicht fällt, man aber zugleich inspiriert wird, sich ins Thema zu vertiefen. Und anders als ein Buch bietet eine Homepage eine offene, ausbaufähige Struktur. Damit Frauenrechte auch Einzug in die Geschichts- und Bürgerkundekurse halten, wollen wir zudem gezielt auf die Lehrer und Lehrerinnen zugehen. Vielleicht entsteht so aus der Homepage eine Art Plattform, auf der Material oder neue Infos gesammelt werden können und wo auf herausragende neue Publikationen zur Gendergeschichte hingewiesen wird.

Gerade von der jungen Generation wird doch oft behauptet, sie sei rein gegenwartsbezogen.

Unsere Bibliothek wird durchaus auch von jungen Nutzerinnen frequentiert. Und bei manchen Diskussionen, an denen frühere Militantinnen teilnehmen, werden junge Frauen konkret mit der Frauengeschichte konfrontiert. Wenn diese die Realität der Frauen heute mit den historischen Forderungen der Frauenbewegung abgleichen, löst das übrigens durchaus Handlungsbereitschaft aus.

 

100 Joer Fraendag zu Lëtzebuerg
Auf www.fraendag.lu wird nicht nur ein allgemeiner Rückblick auf den 8. März, sondern auch eine Zeitreise durch hundert Jahre Frauengeschichte in Luxemburg geboten. Daneben werden wichtige Persönlichkeiten vorgestellt, die an dieser Geschichte mitgewirkt haben, und die zentralen Errungenschaften resümiert.
Die Historikerin Nadine Geisler wird die Inhalte der Homepage bei der Frauentagsfeier in Esch-Alzette, die vom dortigen „Service à l’égalité des chances“ organisiert wird, vorstellen. Treffpunkt ist am 11. März um 19h30 im Escher Conservatoire.
Anlässlich des hundertsten Frauentags ruft das Cid-femmes zu einer Kundgebung auf. Neben zahlreichen anderen Forderungen geht es auch um das Gesetzesprojekt zum Schwangerschaftsabbruch, das von den Frauenorganisationen stark kritisiert wird. Treffpunkt: am Dienstag, 8. März, um 17 Uhr vor dem Parlamentsgebäude.


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