FOTOGRAFIE: Tanken und sprinten

„Die Tankstellen waren wie bunte Monolithen in einer ansonsten eher farblosen Dorfstruktur“, erinnert sich Michel Medinger, dessen Fotografien zurzeit in der Ausstellung „Review/ Preview“ in der Galerie Clairefontaine zu sehen sind. Anlässlich eines runden Geburtstags des Künstlers bietet die Galerie einen Überblick über dessen Schaffen, von Farbaufnahmen aus den 1980er Jahren bis zu neueren Schwarz-Weiß-Abzügen, in denen Medinger alte Sportutensilien inszeniert.

Über seine Begeisterung für die technische Seite der Sache, also die Fotoapparate an sich, kam Medinger vor ca. 25 Jahren zur Fotografie. Die ersten Arbeiten waren eher dokumentarischer Natur. Dazu gehören die Zapfsäulen, die er in den 1980er Jahren in Luxemburg ablichtete und als selbst-entwickelte Cibachrome-Abzüge ausstellte. Heute wirken diese Gegenstände, die er fast immer ohne Sonnenlicht knipste, auf den Frontalaufnahmen wie kleine stämmige Roboter oder auch wie Designobjekte aus einer längst vergangenen Zeit. Die Tanksäulen, die oft in privatem Besitz waren und vor Hauswänden größerer Betriebe standen, wurden wie Mobiliar liebevoll mit Blumenkübeln dekoriert, über ihnen hing die Wäsche zum Trocknen – sie waren ein Teil der alltäglichen Lebensumgebung. Sie entstammten einer Zeit, in der Fortbewegung mittels Benzin oder Diesel eher die Ausnahme als die Regel darstellte. Eine Kurbel an der Seite der Tanksäule diente dazu, den Zähler des abgezogenen Treibstoffs wieder auf Null zu stellen. Faszinierend sind diese Farbaufnahmen nicht nur wegen ihres nostalgischen Charakters, sondern auch aufgrund der Modernität ihrer seriellen Darstellungsweise und der erstaunlich hohen Qualität der abgelichteten Textur; nicht nur der Rost an den Zapfsäulen ist eingefangen, sondern auch die abblätternde Farbe der Häuserfassaden.

In Medingers Fotografien ist nichts dem Zufall überlassen. Wie der Schwung der Schläuche an den Zapfsäulen ist die Anordnung der Schnürsenkel in seinen rezenten Schwarz-Weiß Aufnahmen, die den zweiten Bereich der Ausstellung bilden, nicht beliebig.

Mit Schwarz-Weiß-Fotografie beschäftigt sich Michel Medinger schon seit langem. Ab 1986 begann er diese auch selbst zu entwickeln. Damals komponierte er Stillleben, morbid-erotische Vanitas-Bilder mit Zutaten aus dem Fundus seines unerschöpflichen „Kuriositätenkabinetts“: schaurig-schöne Inszenierungen mit halbverwelkten Blumen und vertrockneten Früchten, Skeletten von Vögeln und Insekten, präparierten Fischen und allerlei Metallutensilien.

Auch in seiner letzten Serie führt Medinger diese Ideenlinie fort, indem er seine alten Sportschuhe, die seines Vaters und die Sport-Utensilien bekannter Luxemburger Sportler bildnerisch und in Lebensgröße in Szene setzt und ihnen „Reliquienstatus“ verleiht. Die verschlissene Textur der Schuhe erzählt von einer anderen Zeit, vom Jahr 1936, als Medingers Vater in Berlin zum 5.000-Meter-Lauf antrat, und von der Olympiade 1964 in Tokyo, bei der Medinger selbst seinen 800-Meter-Lauf absolvierte. Gerade der Sportschuh eignet sich als Vanitassymbol – kämpfen nicht letztlich alle Sportler gegen die verrinnende Zeit? Unterstrichen wird dieser Zusammenhang noch durch den Kontrast zwischen den alten, abgenutzten Schuhen und der minutiösen Drapierung ihrer Schnürsenkel. Fast so, als würde sich das faltige Objekt ein letztes Mal herausputzen wollen. Dennoch hat Michel Medinger in seinen warmen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, in seinen in Licht und Schatten getauchten Stillleben nicht seinen Witz verloren. So erinnern der Sattel von Charly Gaul an das Ready-made Urinal von Marcel Duchamp und ein Paar übereinandergelegte, Spikes-bewehrte Schuhe an das Maul eines Krokodils. Insgesamt eine schöne Ausstellung, die den Besuch lohnt und einen guten Einblick in das Schaffen von Michel Medinger bietet, der in seiner Herangehensweise fast an die alten Meister erinnert.

Zu sehen in der Galerie Clairefontaine, Espace 2 bis zum 15. April 2011.


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