USA: OBAMAS FLUCHT NACH VORN: Ich bin der King

Barack Obamas Rede „A more perfect union“ erinnerte nicht nur inhaltlich an die Ansprachen Martin Luther Kings. Selbst sein Tonfall näherte sich am Ende, als er zur Veränderung aufrief, dem des bekanntesten schwarzen Bürgerrechtlers.

Versteht es, seine Worte wohl zu wählen: Obamas jüngste Grundsatzrede gilt einigen als das Beste, was seit langem von einem amerikanischen Politiker über die Situation der Schwarzen in den USA gesagt worden ist.

Die unmittelbare Wirkung der Rede „A more perfect union“, die Barack Obama am 18. März in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania gehalten hat, übertraf alle Erwartungen. Die Rede wurde zum Superhit auf Youtube, innerhalb weniger Tage wurde sie über vier Millionen Mal angeklickt und der Präsidentschaftskandidat der Demokraten lag in Wählerumfragen auf einmal wieder vor Hillary Clinton.

Die Bedeutung der Beiträge auf dem Videoportal für den Wahlkampf sollte man nicht unterschätzen. Obama hatte zunächst von Youtube profitiert. Zu Beginn seiner Kampagne etwa präsentierte das sexy „Obama-Girl“ dort das Lied „I`ve got a crush on Obama“, das zum ersten Ohrwurm der Wahlkampfsaison wurde. Doch der Auslöser für seine Rede vor zwei Wochen war ebenfalls ein Youtube-Video, in dem Aussagen von Obamas langjährigem Freund und afroamerikanischen Pastor aus Chicago, Jeremiah Wright, über den Rassismus der Weißen zu hören waren, die als schwarzer Separatismus in die Kritik gerieten. Für 72 Stunden schien es so, als ob die Kandidatur von Obama damit erledigt sei, denn die rassistisch codierte Botschaft, die den schwarzen Pastor als wütenden Weißenhasser zeigte, wurde mit Obama identifiziert. Daher war er gezwungen, seine Ansichten zum Verhältnis der Schwarzen und Weißen darzulegen.

Mit Spannung wurde erwartet, was er zu diesem Thema, das für einen afroamerikanischen Kandidaten kein geringes Risikopotenzial birgt, sagen würde. Die Wählerumfragen, die Angriffe seiner direkten Konkurrentin und ihrer Unterstützer und die beginnende rassistische Diffamierungskampagne der Rechten brachten ihn dazu, die Flucht nach vorn anzutreten. Seine Rede wird von vielen schon jetzt als legendär gefeiert und gilt einigen als das Beste, was seit langem von einem amerikanischen Politiker über die Situation der Schwarzen in den USA gesagt worden ist.

„Ein prominenter Politiker hat endlich wie ein Erwachsener über das Rassenthema gesprochen“, erklärte der Satiriker Jon Stewart, nachdem Obama in Pennsylvania den Stillstand der Entwicklung der race-relations konstatiert hatte. Man muss tatsächlich schon ein paar Jahre zurückblicken, um ein derart kritisches Statement zur „Erbsünde der Nation, der Sklaverei“ zu finden, wie es Obama mit seiner Rede abgab. Über vierzig Jahre ist es her, dass Präsident Lyndon B. Johnson 1965 in der überwiegend von Schwarzen besuchten Howard-Universität in seiner berühmten Rede, die mit „we shall overcome“ endete, der renitenten weißen Bevölkerungsmehrheit in den Südstaaten unmissverständlich klar machte, dass nicht nur das Wahlrecht für schwarze Amerikaner zu gelten hat, sondern auch der amerikanische Traum.

Inhaltlich unterschied sich die Rede Obamas kaum von der Rede Johnsons. Die Probleme der afroamerikanischen Bevölkerung, die Johnson nach der Verabschiedung des Civil Rights Act, der die Rassentrennung in allen öffentlichen Einrichtungen verbot, ansprach, thematisierte nun auch Obama – Armut und Arbeitslosigkeit, sanfte Unterdrückung, zerbrochene Familien, mangelhafte Krankenversorgung, rassistische Justiz -, all das sind bis heute die alltäglichen Erfahrungen der Schwarzen in den USA. Einen Unterschied gibt es allerdings. Johnson hielt seine Rede, als er bereits wiedergewählt worden war und seine „Great-Society“-Politik, die Weiterführung der Sozialdemokratisierung der USA, durchsetzen wollte. Obama hingegen ist erst Kandidat und dazu noch einer mit härtester Konkurrenz. Ihm steht das Urteil der mehrheitlich weißen US-Bevölkerung über seine „Politik der Hoffnung, Gerechtigkeit und Versöhnung“, über seine „Botschaft der Einigkeit“, noch bevor.

Auch John F. Kennedy war vor seiner Wahl 1960 in einer ähnlichen Situation, da er der erste amerikanische Katholik war, der die Wählergunst einer mehrheitlich protestantischen Bevölkerung gewinnen wollte. Doch trotz des damals noch virulenten Antikatholizismus musste Kennedy nicht viel mehr machen als glaubhaft versichern, dass im Falle seiner Wahl nicht der Papst, sondern er selbst das Land regieren würde. Da hat es Obama schon schwerer. Der Rassismus könnte im Fall seiner Nominierung zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten ausschlaggebend für einen Sieg des republikanischen Kandidaten John McCain sein.

Selbstverständlich geht es Obama vor allem darum, seine eigene Karriere zu retten. Und trotzdem kann seine Rede nicht nur mit der Johnsons, sondern auch mit der wohl berühmtesten Rede der US-Geschichte verglichen werden, die ebenfalls im Bundesstaat Pennsylvania gehalten wurde: Präsident Abraham Lincolns Gedenkrede zur Schlacht von Gettysburg 1863, die heute als Einleitung zur Wende im US-Bürgerkrieg gesehen wird.

Trotz schwarzer Außenminister und Konzernmanager spiegelt sich im Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen immer noch die Klassenteilung wieder.

 

Noch war der Südstaatenbund militärisch stark, die Sklaverei nicht abgeschafft, und langsam nahte die Präsidentschaftswahl. Lincolns Rede war ein Aufruf zum Durchhalten, in einer Situation, in der der Wandel hin zu gerechteren Verhältnissen durch den Krieg zum Stillstand gekommen war. Lincolns Rede war ein Plädoyer für „eine perfektere Union“, wie sie die Aufklärer und Staatsgründer 1787 in der Verfassung vorgesehen hatten. Die Freilassung der Sklaven war seitdem jedoch nicht durchgesetzt worden. Monate nach seiner Rede unternahm Lincoln genau das: Er befreite die Sklaven, gewann die Wahl und anschließend den Krieg. Heute muss jedes Schulkind in den USA seine Worte von Gettysburg auswendig kennen.

Obama selbst aber sieht sein Ziel einer „perfekteren Union“ nicht nur in der Tradition der Staatsgründer und Abraham Lincolns, sondern auch in der der Bürgerrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts. Martin Luther Kings Traum von einem Leben in Würde gründete in dem Versuch, die schwarze Bevölkerung der USA aus dem System der Segregation zu befreien, so dass sie als freie Bürger ihr Leben gestalten konnten. So wie King begreift Obama dies allerdings nicht nur als einen Traum der Schwarzen, sondern aller Amerikaner. Ein Traum, der „einzigartig und universell, schwarz und mehr als schwarz“ ist, wie es Obama in Philadelphia formulierte. Schlechte Schulbildung, Armut, Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, all diese Probleme seien nicht nur ein Problem der schwarzen Bevölkerung. Obama lädt alle ein, mit ihm eine Koalition einzugehen, sowohl die große weiße untere Mittelschicht, deren ökonomisches Fundament gerade zusammenbricht, als auch die neuen Einwanderer, die gerade erst den Versuch unternehmen, bürgerliche Existenzen aufzubauen.

Obama ging es in seiner Rede zwar vorgeblich darum, den Stillstand der Versöhnung zwischen der schwarzen und der weißen Bevölkerung erstmals seit 40 Jahren wieder offiziell zu thematisieren. Doch das tat er unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die dem Kapitalismus geschuldete Klassengesellschaft. Denn trotz schwarzer Außenminister und Konzernmanager spiegelt sich im Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen immer noch die Klassenteilung wieder. Auf dieser Analyse basiert das Motto Martin Luther Kings, das sich Obama zu eigen gemacht hat, die „heftige Dringlichkeit des Jetzt“.

Angesichts der wachsenden Armut vieler US-Amerikaner ist es durchaus denkbar, dass sich die weiße und die schwarze Unterschicht nicht nur die Reden Obamas auf Youtube anschauen, sondern den Kandidaten auch wählen.

William Hiscott ist Politologe und lebt in Berlin.


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