KULTURPREKÄRE: Theater als Gemeingut

Nach dem erfolgreichen Volksentscheid gegen die Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung herrscht in Italien eine enorme Aufbruchstimmung. Mitte Juni haben Schauspieler und Techniker das von der Schließung bedrohte „Teatro Valle“ in Rom besetzt. Inzwischen hat sich das älteste noch bespielte Schauspielhaus der Hauptstadt zu einem festen Treffpunkt nicht nur der prekären Kulturschaffenden gemausert.

„Wie traurig ist doch die Vorsicht!“ Der Wahlspruch der Besetzer prangt nicht nur im Innenraum des Schauspielhauses, sondern drückt sich auch in ihren Aktionen aus.

Medusen aus pink und azurblauem Tüll treiben vor dem Theater im Abendwind. Ihre langen Tentakeln verfangen sich in bunten, über die Gasse gespannten Girlanden. Der Grill qualmt und Strandmusik übertönt das Hupen des kleinen Elektrobusses, der den ganzen Abend regelmäßig die Haltestelle vor der Abendkasse frequentiert. Wer zu Ferragosto nicht ans Meer gefahren ist, verbringt den heiligen Augustfeiertag auf dem Straßenfest des Teatro Valle. Die über Megaphon verbreitete Nachricht „Aufgepasst, hier gibt es jede Menge Quallen!“ wird lachend und mit frenetischem Beifall gefeiert.

Angespült kamen die Nesseltierchen Mitte Juni: Nach Ablauf der Spielzeit besetzte eine Gruppe „selbst-
organisierter Arbeiterinnen und Arbeiter der darstellenden Künste“ das historische Schauspielhaus in der römischen Altstadt. Seither laden die Medusen zu Workshops, Diskussionsveranstaltungen und einem täglich wechselnden Abendprogramm. Für Anwohner, Freunde, Unterstützer, Sympathisanten und Touristen, für all jene, die den Sommer in der Stadt verbringen, ist das besetzte Teatro Valle zu einem festen Treffpunkt geworden.

Die Abendvorstellungen beginnen lange nach Einbruch der Dämmerung. Besucher müssen kein Eintrittsbillet erstehen, stattdessen werden sie gebeten, den Appell „Gegen die Einsparungen in der Kultur“ zu unterzeichnen und die Besetzung mit einer Spende zu unterstützen. Die Petition ist auch auf der Rückseite der Programmzettel gedruckt, die vor dem Eingang verteilt werden. In den ersten Wochen solidarisierten sich viele namhafte Vertreter des italienischen Kulturbetriebs. Theaterdiven, TV-Stars und Popmusiker hatten ihren Gastauftritt, auch der Filmemacher Nanni Moretti und Bestsellerautor Andrea Camilleri schauten vorbei. Doch die Hundstage verbringen die Stars lieber am Meer, so dass sich im August weniger bekannte Künstler mit Lesungen, musikalischen Beiträgen oder Comedy-Einlagen auf der Bühne abwechseln. Auch die Besetzer selbst treten auf, allerdings präsentieren sie sich nie unter ihrem eigenen Namen, sondern stets als Kollektiv teatrovalleoccupato.

„Es geht darum, gegen die Demontage des kulturellen Lebens in Italien Widerstand zu leisten.“

An der Balustrade des ersten Ranges ist ein Transparent befestigt, es zitiert einen Vers des argentinischen Dramaturgen Rafael Spregelburd aus seinem Stück „Bizarra“: „Wie traurig ist doch die Vorsicht!“ Manuela hat das als Theater-Telenovela konzipierte Drama über Argentiniens Staatsbankrott 2001 übersetzt und bei der gefeierten italienischen Erstaufführung Regie geführt. Sie ist eine der Sprecherinnen des Kollektivs: „Das Theater Valle war bisher der nationalen Theaterbehörde ETI unterstellt. Nachdem die ETI von der Regierung im letzten Jahr aufgelöst wurde und der staatliche Etat zur Förderung der darstellenden Künste weiter gekürzt wurde, war nicht klar, wie es nach der abgelaufenen Spielzeit weitergehen würde. Wir haben das Valle besetzt, um zu verhindern, dass es nach der Sommerpause geschlossen bleibt, stillschweigend privatisiert und am Ende nicht mehr als Theater genutzt wird.“

Die Besetzung wird nicht nur von Künstlern getragen, zum Kollektiv gehören auch Angestellte des technischen Bereichs. Vor allem den Bühnen- und Tontechnikern ist es zu verdanken, dass der allabendliche Theaterbetrieb reibungslos verläuft. Außerdem hätte die Besetzung nicht durchgeführt werden können, wäre sie nicht von Beginn an von einer „kritischen Masse“ Kulturschaffender aus den unterschiedlichsten Bereichen unterstützt worden. Allzu leicht täuscht am Abend die Erhabenheit des Ortes über die Verantwortung hinweg, die das Kollektiv mit der Aktion auf sich genommen hat.

Am späten Vormittag hantiert Andrea im Flur des ersten Rangs mit zwei Staubsaugern. Nach jeder Abendvorstellung werden die roten Teppiche in den Gängen gesaugt, die Sesselpolster ausgeklopft, die Toilettenräume gereinigt, die Künstlergarderoben aufgeräumt. Das Theater Valle hat die typische architektonische Struktur der italienischen Schauspielhäuser des 18. Jahrhunderts. Der Saal ist hufeisenförmig und von Parkettlogen umschlossen, darüber folgen vier Ränge mit weiteren Logen. Obwohl es sehr aufwendig ist, das große Haus sauber zu halten, ist es für die Putzgruppe eine Ehrensache, das Theater wie ein Schmuckstück täglich auf Hochglanz zu polieren.

Andrea inspiziert alle Stockwerke, wirft einen Blick in die entlegensten Hinterzimmer. Er kennt die besten Schlafplätze. Dass sich einige Besetzer in den Garderobenräumen eingerichtet haben, kann er nicht verstehen: „Man hat dann zwar gleich ein Bad nebenan, aber die Kammern wären mir zu eng.“ Die ersten Nächte hat er vor einem der hinteren Notausgänge geschlafen, dort liegt auch jetzt noch eine Matratze. Sein Lieblingsplatz ist aber im fünften Rang, in einer großen Loge, direkt unter dem bemalten Theaterhimmel. „Inzwischen schlafe ich aber nur noch selten hier“, gesteht Andrea und fügt entschuldigend hinzu: „Vielleicht bin ich einfach schon zu alt für Hausbesetzungen.“ Vor ein paar Monaten hat er mit seiner Band in einem besetzten alten Kino im Stadtteil S. Lorenzo gespielt und dort einige der Schauspielerinnen kennengelernt, die die Besetzung des Theaters planten. „Als es soweit war, haben sie mich angerufen, weil sie in den ersten Tagen möglichst viele Leute brauchten. Da habe ich spontan zugesagt.“ Inzwischen kommen Schülerinnen, Studenten und Theaterleute aus ganz Italien, die sich solidarisieren, sich nützlich machen wollen. „Einige, die von Anfang an dabei waren“, verrät Andrea, „sind inzwischen doch für ein paar Tage zur Erholung ans Meer gefahren.“ „Ja, aber sie halten es ohne das Valle nicht lange aus“, lacht Laura. Sie gehört zur Gruppe, die an den Wochenenden historische Führungen durch das Theater organisiert.

Das Teatro Valle wurde 1727 eingeweiht, es ist damit das älteste, noch bespielte Theater Roms. Gebaut wurde es auf Wunsch des römischen Grafen Camillo Capranica. Nach der Einigung Italiens 1871 schenkte die Adelsfamilie das Theater dem jungen Nationalstaat, doch noch heute haben die Nachkommen des Mäzens jederzeit ein Anrecht auf ihre damalige Ehrenloge. Laura erzählt von Liebesaffären, Skandalen und großen Publikumserfolgen. „Hier wurde Luigi Pirandellos Stück ?Sechs Personen suchen einen Autor` uraufgeführt. Im Valle war man immer offen für Neues, für Experimentelles, auch deshalb liegt uns so viel daran, gerade dieses Theater zu erhalten.“ Plötzlich taucht ein junger Mann auf, der eine leicht bucklige Haltung einnimmt und Lauras Ausführungen mit einem nervösen Kopfnicken begleitet. Er kennt alle Anekdoten. Wenn Laura ein Detail vergisst, wird er zum Souffleur, gibt ihr ein Stichwort vor. „Das ist Marcello“, sagt Andrea später, „niemand kannte ihn vorher, plötzlich war er einfach da.“ Er ähnelt einem buffone, dem Narren aus der italienischen Commedia dell’arte.

Im Foyer sitzt der Fotograf Francesco Carbone auf einem weinroten Ledersofa vor einem seiner Portraits von Pina Bausch. Er hat mehrere seiner berühmten Aufnahmen der Choreographin dem Kollektiv zur Verfügung gestellt. Sie schmücken die Wände des Eingangsbereichs. Die Bar ist außer zu besonderen Anlässen für das Publikum geschlossen. In der Halle, die eine Erweiterung des ursprünglich sehr engen Foyers darstellt, haben sich die Besetzer eine Art Wohnküche eingerichtet. Auf den Tischen stehen Unmengen von Plastikbechern und Wasserflaschen. An den Wänden hängen Arbeitspläne, Terminkalender, Suchanzeigen: eine neue Sonnenbrille von D&G wird vermisst. Lokale Zeitungsartikel über die Besetzung und Bilder von den Straßenschlachten in London kleben an einer Säule. Es ist ruhig im Saal, einige liegen schläfrig auf den Sofas, jemand jongliert einen Laptop auf dem Bauch.

Andrea schenkt ein Glas Wasser ein und erzählt weiter von den ersten Tagen der Besetzung. „Wir hatten eher an eine symbolische Aktion gedacht. Wir haben nicht damit gerechnet, dass es keinen Räumungsversuch gibt.“ Seitdem die ETI aufgelöst wurde, ist das Theater nicht mehr dem Staatsministerium für Kultur, sondern der Hauptstadt unterstellt. Die römische Stadtverwaltung aber ist mit der neuen Situation überfordert. Der Plan des Kulturdezernenten Dino Gasperini, die Leitung des Theaters zunächst für eine Spielzeit dem Stadttheater zu übertragen, um dann in einer öffentlichen Ausschreibung einen neuen, privaten Betreiber zu finden, scheint mit der Besetzung obsolet geworden zu sein. Es gab zwar eine öffentliche Diskussionsveranstaltung mit Gabriele Lavia, dem aktuellen Leiter des Teatro di Roma, doch die angebotene Übergangslösung war für die Besetzer von Anfang an inakzeptabel. „Niemand von uns fordert, die ETI wieder aufleben zu lassen“, erklärt Ilena, „die Theaterbehörde war ein bürokratisches Monstrum, in dem Korruption und Vetternwirtschaft regierten. Andererseits erfüllte die ETI – zumindest ihren Statuten nach – Funktionen, die wir weiterhin garantiert sehen wollen. Es gehörte zum Beispiel zu ihren Aufgaben, die junge Dramaturgie zu fördern.? Es geht dem Kollektiv nicht darum, das Teatro Valle in Besitz zu nehmen, selbst langfristig die Leitung zu übernehmen. „Aber es war eine wichtige Entscheidung, nicht mit der Stadt zu verhandeln“, bekräftigt Manuela, „unsere Aktion zeigt, dass man öffentliche Strukturen transparent und im Austausch mit der Bürgerschaft verwalten kann und muss. Wir werden im Herbst einen Vorschlag unterbreiten, der zum Modell für die Verwaltung aller öffentlichen Theater in Italien werden könnte.“

„Die Besetzer des Valle haben von Anfang an ein unglaubliches Talent gezeigt, das Theater als Gemeingut zu interpretieren.“

Das Transparent an der Außenfassade propagiert bereits das neue Modell: „Wie die Luft, wie das Wasser: Das Valle ist ein Gemeingut!“ Dass die Besetzung des Theaters am 14. Juni nur einen Tag nach dem erfolgreichen Volksentscheid gegen die Privatisierung der öffentlichen Wasserversorgung ihren Anfang nahm, war Zufall. Doch das gewonnene Referendum hat eine enorme Aufbruchstimmung erzeugt. Der Turiner Dozent für Zivilrecht Ugo Mattei, der zu den Hauptorganisatoren der Volksabstimmung gehörte, wurde deshalb als erster zu einer der öffentlichen Vollversammlungen des Theaters eingeladen.

Für Mattei steht fest, dass um jedes Gemeingut in mehr oder weniger harten sozialen Auseinandersetzungen gerungen werden muss, weder ihre Anerkennung noch ihre Verteidigung sei delegierbar. In diesem Sinne hält er die Aktion des Teatro Valle occupato für vorbildlich „Die Besetzer des Valle haben von Anfang an ein unglaubliches Talent gezeigt, das Theater als Gemeingut zu interpretieren. Sie haben der Bürgerschaft die Möglichkeit zur Teilhabe geboten, haben einen Raum geschaffen, der stets für alle offen ist, zur politischen und kulturellen Diskussion einlädt.“ Deshalb betrachtet Mattei das Teatro Valle als „außergewöhnliches Laboratorium zur Konstituierung eines neuen Typs von Legalität“, der weder der Logik des privaten Profits noch jener der öffentlichen Macht folgt. In Zusammenarbeit mit dem Kollektiv will er bis zum Herbst einen Vorschlag für ein „neues Recht“ zur Verwaltung von Gemeingütern ausarbeiten. „Die Idee des Gemeinguts?, prophezeit Mattei, „verbreitet sich heute in Italien immer mehr, sie wird hegemonial werden.“

Als Schlagwort ist das Gemeingut unter den außerparlamentarischen Bewegungen der italienischen Linken bereits mehrheitsfähig. Dass es längst nicht mehr nur um die Zukunft des Theaters und die rechtliche soziale Absicherung der darstellenden Künstler geht, zeigt sich bei den Vollversammlungen, auf denen der Zusammenschluss mit anderen „Kulturarbeitern“ geprobt wird. Für Christian, Mitbegründer der politisch-literarischen Gruppe „Generation 30/40“ gilt es, die Kultur insgesamt als Gemeingut zu verteidigen. „Es geht auch um die Bibliotheken, die Schulen, die Universitäten und das Verlagswesen, es geht darum, gegen die Demontage des kulturellen Lebens in Italien Widerstand zu leisten.“

„Die Aufgabe unserer Generation ist es, Konflikte zu kreieren und zu organisieren.“

Das Teatro Valle occupato sieht sich in der Tradition des griechischen Theaters. Für die alten Griechen war das Theater mehr als eine Vergnügungsstätte, es war der Ort, an dem die polis zusammentraf, an dem die Bürgerschaft gemeinsam über kulturelle und politische Belange diskutierte. Auch in den beiden Bars vor dem Theater wird bis spät in die Nacht diskutiert, wie es im Herbst weitergehen soll. Ende August bekam das Kollektiv für sein Engagement den sizilianischen Theaterpreis Salvo Randone verliehen, der Jury galt die Besetzung als „bestes Ereignis der Theatersaison 2011“. Für Fulvio ist das Valle allerdings nur ein symbolischer Ort: „Wir werden uns nicht für immer im Theater verschanzen, unser Kampf ist draußen. Das Modell Valle hat gezeigt, dass es starke Aktionen braucht, das sich der Kampf radikalisieren muss.“

Nicht alle aus dem Kollektiv schlagen so kämpferische Töne an. Die Gruppe ist sehr heterogen, einige betätigen sich zum ersten Mal politisch, bei anderen erkennt man am Jargon, in welchen politischen Zusammenhängen sie bisher agierten. Doch alle scheinen sich einig darin, dass es nicht mehr genügt, die kulturelle Misere zu beklagen, einfach nur Wut und Empörung zu demonstrieren. „Das sind Modelle, die uns nicht mehr gefallen“, stellt Christian klar. Und Claudia ist sich sicher: „Das Problem der Prekarität wird Kreativ- und Fabrikarbeiter zusammenführen. Aufgabe unserer Generation ist es, Konflikte zu kreieren und zu organisieren.“ Das Teatro Valle occupato wird bis auf weiteres der Ort sein, von dem aus der Aufbruch orchestriert werden kann: Eine erste nationale Vollversammlung der prekären Kulturschaffenden ist für den 30. September geplant.


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