Im französischen Exil warteten Mitte der 1970er-Jahre mehr als 220.000 republikanische Widerstandskämpfer*innen, Politiker*innen und Intellektuelle sehnlichst auf die Nachricht vom Ableben Francisco Francos. Gestern vor 50 Jahren war es soweit. Auch Antonina Rodrigo García lebte damals in Frankreich. Mit ihr sprach die „woxx“ darüber, wie sie den Tod des Diktators erlebte und was darauf folgte.

Verwandte der Opfer des spanischen Diktators Franco anlässlich einer Debatte zum Thema 2014 im Europaparlament in Brüssel. (Foto: EPA/OLIVIER HOSLET)
woxx: Was werden Sie am 20. November machen, dem 50. Todestag des faschistischen Diktators Francisco Franco?
Antonina Rodrigo García: Da ich krank bin, werde ich dieses Jahr nicht in Barcelona auf dem Montjuïc-Friedhof sein. Dort findet alljährlich das Gedenken an den Anarchisten Buenaventura Durruti statt, der, wovon ich überzeugt bin, bei seiner Ankunft in Madrid, um die Stadt gegen die Faschisten zu verteidigen, am 20. November 1936 von Stalinisten ermordet wurde. Auch sein Freund Francisco Ascaso Abadía, der im Juli 1936 bei dem Versuch starb, den Aufstand der faschistischen Putschisten in Barcelona niederzuschlagen, und Francesc Ferrer i Guàrdia, der 1909 im Zuge der „Semana Trágica“ (Niederschlagung eines katalanischen Arbeiteraufstands gegen einen Militäreinsatz im Innern; Anm. d. Red.) ohne Beweise für ein Mitwirken hingerichtet wurde, sind dort begraben. Die „Mujeres Libertarias“, die das alljährliche Gedenken organisieren, werden mich aber anrufen, damit ich an die Anwesenden ein paar Worte richten kann. Nächstes Mal möchte ich dann wieder dabei sein – es ist wunderschön, diese Menschen zu würdigen. Wir singen die Hymne der anarchosyndikalistischen „Confederación Nacional de Trabajo“ (CNT-AIT), „A las barricadas“, lesen aus Biographien und Werken der Toten.
Wo haben Sie und Ihr Ehemann, der Anarchist Eduardo Pons Prades, die Nachricht vom Tod Francos erhalten?
Mein Lebenspartner – das ist viel schöner als „Ehemann“ – und ich waren 1975 in Frankreich. Wir bewegten uns in der Exilgemeinschaft der von Franco Verfolgten und ihrer Nachkommen. So gut wie alle hatten ein Radio und jeden Tag hörte man die Nachrichten, denn uns war bewusst, dass diese Nachricht unmittelbar bevorstand. Was ich mich an jenem Tag gefragt habe, war, ob er, der so viel Leid über Menschen brachte, für all seine Verbrechen in den letzten Minuten seines Lebens Reue zeigte. Ich glaube nicht. Er sah sich sicher bis zum Schluss als Retter Spaniens vor dem Kommunismus. Franco starb bestens versorgt im Krankenhaus einen verdientermaßen leidvollen Tod, da man mit allen Mitteln versuchte, ihn bis zum 20. November am Leben zu halten – jenem Datum, an dem der Gründer der Falange (der späteren faschistischen Einheitspartei; Anm. d. Red.), José Antonio Primo de Rivera, 1936 in Alicante von der Republik hingerichtet worden war.
„Der Karikaturist und Widerstandskämpfer Luís García Gallo hat so viel Schreckliches im Bürgerkrieg erlebt, dass es ihm fast unmöglich war, mit mir darüber zu sprechen.“
Ab 1970 pendelten Sie zwischen Spanien und Frankreich. Wie erlebten Sie die Diktatur in ihren letzten Jahren?

Ohne sie wäre viel von der Bedeutung, die insbesondere Frauen im antifranquistischen Widerstand hatten, wohl in Vergessenheit geraten: die Anarchistin und Buchautorin Antonina Rodrigo García. (Foto: Jan Marot)
Wir lebten unter anderem in Barcelona, standen in Kontakt mit den Exilierten in Frankreich und jenen, die in Spanien im Untergrund geblieben waren: Anarchist*innen und auch Kommunist*innen wie der Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán. Viele saßen in Haft, einigen halfen wir bei der Flucht und manchen, die sich noch oder wieder den bewaffneten Widerstandsgruppen (den „Maquis“; Anm. d. Red.) anschließen wollten, bei ihrer Rückkehr. Wir fälschten für sie Dokumente für die Einreise nach Frankreich und besorgten Kleidung, damit man sie nicht aufgrund ihrer ärmlichen Erscheinung an der Grenze zurückwies. Flüchtende sahen oft so aus, als hätte der Bürgerkrieg gestern erst geendet. Unabdingbar war für sie alle die Hilfe der Hirten beiderseits der Grenze, die die Menschen aufnahmen, für Tage, mitunter Wochen, bis der Grenzübertritt sicher war. In jenen Jahren weitete die paramilitärisch organisierte Polizei, die „Guardia Civil“, ihre Einsätze stark aus, es waren die Hochzeiten des Terrors der baskischen „ETA“. Der Grenzübertritt war nur bei Neumond möglich, wenn die Witterung und auch der Wasserstand es erlaubten. Nicht wenige fanden beim Versuch, den Fluss Bidasoa zu überqueren, den Tod.
Sie haben bei der Verleihung des wichtigen spanischen Literaturpreises Planeta am 15. Oktober 1975 für einen Eklat gesorgt. Ein Buch über den bekannten Lyriker und Dramatiker Federico García Lorca, der 1936 von falangistischen Militärs exekutiert worden war, hatte einen der Preise erhalten. Was geschah genau?
Als es zur Verleihung des „Premio Espejo de España“ bei der Regime-Gala für das Buch „García Lorca, asesinado: toda la verdad“ (García Lorcas Ermordung: die ganze Wahrheit) kam, das José Luis Vila-San Juan geschrieben hat, stand ich auf, blickte zu Francos wichtigstem Minister, Manuel Fraga Iribarne, und rief durch den Saal, vor allen Größen des Regimes: „Sie wissen ganz genau, wer Lorca umgebracht hat!“ Fraga – er war ein Mann, vor dem man sich fürchten musste – lief knallrot an vor Wut. Ich dachte, man wird mich festnehmen. Mein Lebenspartner sagte mir, ich solle mich hinsetzen. Ich blieb stehen. Und mir geschah überraschenderweise nichts.
Sie schreiben an einer Biographie über den Karikaturisten Gallo, mit dem Sie oft zusammenarbeiteten. Was können Sie über ihn erzählen?
Er war ein genialer Illustrator und Karikaturist. Unglaublich nett, solidarisch und humorvoll. Luís García Gallo war sein Name. Im Exil publizierte er unter dem Pseudonym „Coq“. Er war auch ein exzellenter Fälscher von Papieren für Flüchtende. Ihm gelang nach dem Fall Barcelonas 1939 die Flucht nach Frankreich, wo er zunächst in den Lagern Mont-Luis und Argelès-sur-Mer interniert war. 1941 wurde er dann – inzwischen schlug er sich in Paris als Souvenirverkäufer durch – von der Gestapo aufgegriffen, die ihn in Frankreich inhaftiert hielt. Über die Anarchistin Lola Iturbe Arizcuren hielt er damals Kontakt zur Außenwelt, da Iturbe ihren Lebenspartner Juan Manuel Molina, Zellengenosse von Gallo in Nazi-Haft, besuchen durfte. Da Gallo im Bürgerkrieg mit seiner auf Franco basierenden Karikatur „El Franquito“, die er in der anarchistischen Zeitschrift „Tierra y Libertad“ publiziert hatte, berühmt geworden war, stand er auf Francos Schwarzer Liste. Deswegen lebte Gallo in der ständiger Angst, auf Gesuch Francos nach Spanien überstellt zu werden, worauf meist die Hinrichtung und selten lange Haft und Zwangsarbeit folgte. Man ließ ihn jedoch laufen. Ich lernte ihn erst nach dem Tod Francos kennen, da er erst dann zurück nach Barcelona kam. Er hat so viel Schreckliches im Bürgerkrieg erlebt – wo er unter anderem den Dichter Miguel Hernández kennenlernte, der in faschistischer Haft elendig ums Leben kam, und bei der Evakuierung Kranker und Verwundeter aus Barcelona half –, dass es ihm fast unmöglich war, mit mir darüber zu sprechen.
„Die Milizionärinnen der mobilen Kampfbrigade sprangen wie Dämoninnen in die feindlichen Schützengräben, erzählte mir Teófila Madroñal Iglesias.“
Für Ihre Recherchen zu den Biographien der Menschen im Widerstand waren Sie mehrmals in Lateinamerika und führten Interviews mit exilierten Frauen, deren Geschichten ohne Sie wohl vergessen wären. Haben Sie eine besondere Erinnerung?
Als ich 1990 in Montevideo in Uruguay war, sagte mir eine befreundete Universitätsprofessorin, dass ich auf keinen Fall abreisen dürfe, ohne eine bestimmte Frau kennenzulernen. So traf ich Teófila Madroñal Iglesias. Sie empfing mich nur wenige Tage vor ihrem Tod schwerkrank im Krankenhaus mit den Worten: „Na endlich sind Sie hier!“ Es war, als hätte sie mich erwartet. Sie war im Bürgerkrieg Unteroffizierin der Volksmilizen gewesen. Sie bat mich sogleich, mich auf ihre Bettkante zu setzen. Sie war, obwohl todkrank und schwach, hellwach, als sie mit mir sprach. Und ihr schien es mit jedem Wort, das sie sprach, besser zu gehen. Sie hatte sich als Kind selbst das Lesen und Schreiben beigebracht und war wie ihr Vater Mitglied der sozialistischen Gewerkschaft „UGT“. Die Milizionärinnen der „Primera Brigada Movíl de Choque“ (mobile Kampfbrigade), erzählte sie, sprangen wie Dämoninnen in die feindlichen Schützengräben. Sie wurde 1937 verwundet und im selben Jahr fiel ihr Lebenspartner an der Front. Ihr gelang zu Kriegsende die Flucht aus Alicante mit dem letzten Schiff, das den Hafen verlassen konnten, der „Stanbrook“, am 28. März 1939. Sie kam nach Oran in Algerien und dann nach Lateinamerika.
Wie beurteilen Sie das heutige Erinnern an den Bürgerkrieg und die Diktatur in Spanien?
Es zeigt sich deutlich, dass im Übergang zur Demokratie, der sogenannten „Transición“, einiges versäumt wurde. Das rächt sich nun. Auch wenn wir alle mit der Transición gewonnen haben: Heutzutage weiß die Mehrheit der Gesellschaft nicht, was der Bürgerkrieg war, die Diktatur, die Repression.

