GRUPPENAUSSTELLUNG: Real existierendes Mäzenat

Mitten im Raum steht, wie auf dem Präsentierteller, ein klassischer Tresor wie man ihn aus Western oder
Mickey-Mouse-Heftchen kennt, ein grauer Block mit Zahlenrad, geschmückt mit dem Wappen Luxemburgs. Ein Geschenk an die heutige Zeit, wie man es aus dem Titel heraus interpretieren könnte? Ein Wunsch? Eine Warnung? Oder versteht Jerry Frantz seinen Tresor doch nur als Symbol für den Ort dieser Ausstellung in der Galerie l`Indépendence? Mit ihr erweist sich die Dexia-BIL einmal mehr als „aktiver Mäzen und Förderer der Kunst und bestätigt damit ihre Rolle als starker Partner der Luxemburger Kultur“, steht im Begleitheft. Dabei geschieht es viel zu selten, dass Unternehmen und damit auch deren Anteilseigner ihr sauer verdientes Geld so selbstlos und bescheiden in den Dienst des Allgemeinwohls stellen.

Wahrscheinlich wird der damit verbundene Imagegewinn viel zu oft unterschätzt, dabei hat man diesen bei allem Engagement doch mehr als verdient und darf damit guten Gewissens auch ein bisschen Werbung machen. Dabei mag dem ein oder anderen Besucher der Titel der Ausstellung im Foyer der Bank fast wie ein Menetekel erscheinen. Unter dem Motto „Realfictions“ sollen die Arbeiten der Künstler die Grenzen von Wirklichkeit und Wahrnehmung ausloten, und im Prinzip sind damit schon alle Grenzen aufgehoben.

Doch auch wenn einige der ausgestellten Werke etwas aus dem Rahmen fallen, ist es dem Kuratoren Didier Damiani weitgehend gelungen, diesem Motto gerecht zu werden. Pragmatisch zeigen dies die Fotografien von Adam Vackar, die ihn – nicht wirklich originell – bei einer Performance als Schaufensterpuppe zeigen. Wieviel Humor in dieser Auseinandersetzung stecken kann, beweisen die Arbeiten, die von Sandy Skoglund und Sébastien Gouju zu der Ausstellung beigetragen worden sind. Die amerikanische Installationskünstlerin ist für die aufwendige Gestaltung ihrer surrealen Sujets bekannt, die leicht mehrere Wochen in Anspruch nimmt, bevor sie fotografisch festgehalten werden kann. Dabei bestechen ihre ausgestellten Arbeiten, die bereits Anfang der achtziger Jahre entstanden, nicht nur durch ihre Qualität, sondern auch durch ihre prägnanten Titel.

Der Franzose Gouju nimmt für seine „Installationen““vor Ort augenscheinlich weniger Zeit in Anspruch. Er spielt mit der Verfremdung durch Größenänderung, nimmt dabei unter anderem den Machtanspruch der Vereinigten Staaten aufs Korn und macht aus einer Nähnadel Tintins rot-weiße Mondrakete. Ähnlich farbenfroh geht es bei Justine Blau zu, die mit ihren außergewöhnlichen Panoramen unser verklärtes Bild von der Realität auf den Punkt bringt und die Illusion verdeutlicht, die Vorfreude auf und Erinnerung an eine Reise in uns auslösen. Bemerkenswert ist ihr Diorama einer Alpenlandschaft, das sie aus Fotografien zusammengesetzt hat, die sie im Internet gefunden hat. Wie Platons Höhlenmenschen phantasieren wir nur über unsere Schatten an der Wand. Dankenswerter Weise stellt der in Paris lebende Chinese Wang Du mit seinem übergroßen Selbstportrait die Welt wieder auf die Füße und postuliert:“Je suis la réalité“. Jedem die Wirklichkeit, die er selbst schafft.

So darf sich selbst in der heutigen Zeit eine Bank als Philanthrop betrachten. Freilich kommt diese Investition den Künstlern zu Gute, und Banken nehmen einem vielleicht das Haus weg, aber sie beißen nicht. „Enter freely and of your own free will!“, schon deshalb, weil anzunehmen ist, dass einer der Finanzjongleure die Kosten der Ausstellung von der Steuer absetzen konnte. Und auch wenn die sogenannte Galerie eher an ein geräumiges und schön geschmücktes Wartezimmer erinnert, lohnt die Qualität der ausgestellten Werke den Besuch. Man sollte nur nicht vergessen, sich sein Parkticket an der Rezeption entwerten zu lassen.

Im Hauptgebäude der Dexia-Bil, bis zum 15. Februar.


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