Herzfeld – The Sack

Anhaltender, jahrelanger Protest entspricht nicht unbedingt einer abendländischen Geisteshaltung. Während der arabische Frühling seinem zweiten Sommer entgegentritt, schmelzen die Occupy-Hippies anscheinend von der Erdoberfläche oder verschwinden wenigstens größtenteils aus den Abendnachrichten. Beharrend bleiben Menschen anscheinend einzig und alleine bei der Facebook Dislike-Button Diskussion. Es scheint eines jeden Menschen Grundrecht zu sein, seine Unfreude gegenüber einem Post, einem Profil-Update, etc. zu zeigen.
Malcom Eden, Frontmann der britisch-französischen Kombo Herzfeld hat dieser Diskussion auf dem Cover seiner 1994 erschienenden Mini LP The Sack alles vorweg genommen. Auf stechend gelbem Hintergrund prangen Piktogramme, darunter jenes eines nach unten zeigenden Daumens, die einem sowohl inhaltlich als auch ideologisch die Route vorgeben: Auf The Sack steht man links und hält es minimalistisch. Auf dem Opener „Do You Want this Job or Not?“ geht es mit Cembalo und elektrischer Guitarre los. Eden schlüpft in seinen Songs in verschiedenste Rollen. Auf dem Eröffnungsstück eben in die Position eines Arbeitgebers, der bei ihm gegenüber stehenden Kandidaten vor die Wahl stellt: „It‘s this or it‘s the dole“. So zeichnet Herzfeld ein tristes Gesellschaftsbild, das von Thatchers und John Majors neoliberaler Politik zerfressen ist, ohne dabei zuviel den Moralapostel zu geben. Die Band prangert an, hält der Gesellschaft den Spiegel vor, bietet aber keine Alternativen. Naiv, fast kindisch ist nicht nur der Inhalt der Texte, auch musikalisch geht es zum Teil sehr einfach zu. Überreste des Jangle Pop à la The Smiths treffen auf eine frühe Anti-Folk Attitüde, die den Zuhörer teils entzückt, teils am musikalischen Können der Band zweifeln lässt. Repetitiv einer Skizze ähnlich und sind die Songs aufgebaut und ein desillusionierter Malcolm Eden gibt in den Liner Notes der kürzlich erschienenen Reissue zu verstehen, dass die Musik der Band den Texten entgegenkommen wollte und in den besten Momenten als eine Art Kommentar zu verstehen war.
Der Frust überkam die Band auch schon kurz nach der Veröffentlichung von The Sack und sie löste sich kurz danach auf. Während Eden in den Annalen der Popgeschichte versank, schaffte Laetitia Sadier, mit der Eden in seiner früheren Kombo McCarthy Musik machte, mit der Band Stereolab, vielleicht die beste Konsensband der 1990er, den großen Durchbruch.

The Sack ist ein kurzweiliges Stück Musikgeschichte, neu erschienen bei Les Disques Persévérance.

Tom Dockal moderiert jeden Freitag von 14 bis 16 Uhr die Sendung „Lost in Music“ auf Radio Ara. An dieser Stelle berichtet er regelmäßig über kuriose und hörenswerte Musik aus seiner Sendung.


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