DOCUMENTA 11: Coloured Cinema

Film und Video auf der Documenta 11: zwischen Doku- und Engagement.

Noch bis zum 15. September 2002 in Kassel, www.documenta.de

Das Film- und Video-Universum des Documenta-Chefs Okwui Enwezor und seines Filmkurators Mark Nash basiert auf einem Ansatz, den der iranisch amerikanische Filmwissenschaftler Hamid Naficy in Abgrenzung zum Hollywood Kino „accented cinema“, betontes Kino, nennt. Der Akzent liegt dabei auf dem Stil und den Produktionsbedingungen von oppositionellen Filmemachern, weshalb ein Schlüssel zum Verständnis dieses vom „Cinéma Vérité“ geprägten Kinos sich vielfach aus den persönlichen Erfahrungen von Exil und Diaspora ergibt.

Ernste Dinge stehen durchweg im Vordergrund. Exil und Vertreibung, Diskriminierung und Rassismus, Ausbeutung und Völkermord und jeder erdenkliche andere aus kulturellen oder ideologischen Machtkämpfen resultierende Wahnsinn; kein Thema ist zu heikel, kein Mittel zu extrem. Die Filme, Videos und DVD-Installationen unterscheiden sich indes formal und inhaltlich erheblich, experimentelle Arbeiten mit offenem Ende stehen neben Filmen in Stil des Cinéma Vérité und auffällig viele formulieren präzise politisch-humanitäre Statements. Zu den kritischen Künstlern, die ohne Scheu die Missstände in ihrer Heimat aufgreifen, gehört zweifellos der Kameruner Jean-Marie Téno. In seinem neuen Dokumentarfilm „Vacances au pays“, im Eingang der Dokumentarhalle und nicht im Kulturbahnhof, wie im Ausstellungsplan verzeichnet, forscht er in einer so konzentrierten wie kritischen 35 Millimeter-Filmbeobachtung den Diskrepanzen zwischen den Versprechungen der Moderne und offensichtlichen Missständen nach. „Als ich klein war, haben sie uns fließendes Wasser im Jahr 2000 versprochen, heute glaube ich, dass wir Wasser im Jahr 3000 bekommen werden“, lautet sein ironischer Kommentar, während die Bilder alles Reden über die Notwendigkeit zur Mentalitätsveränderung“ Lügen strafen. Wenn auf einer Straße nahe der Hauptstadt Jaunde Polizisten den Verkehr statt mit Signalen mit genagelten Brettern zum Stillstand bringen, glaubt man der Kernaussage des Films: Afrika geht es schlecht! Kein Wunder, dass von einer afrikanischen Filmoffensive kaum die Rede sein kann. Aus Südafrika, Kongo, Senegal, Nigeria und Kamerun sind je ein Foto-, Film- oder Medienkünstler vertreten.

Politisch experimentell

Im Kasseler Bali-Kino, vis-à-vis des Kulturbahnhofs, kommt, wer ein Faible fürs Dokumentarische hat, voll auf seine Kosten (Kinoeintritt zwischen 6 und 10 Euro). Da laufen täglich ab 17.00 Uhr ein bis drei Vorstellungen. Die Spielzeiten einiger älterer, bereits auf verschiedenen Festivals gezeigter Filme, ob die Reiseberichte der deutschen Filmemacherin Ulrike Ottinger ( Taiga“), die Handlungen, Erfahrungen und Gefühle“ des us-amerikanischen Avantgardefilmers John Mekas („As I was moving ahead occasionally“) oder die individuellen Lebensläufe aus dem „Weltdorf“ des jüngst verstorbenen niederländischen Experimentalfilmers Johan van der Keuken („Amsterdam Global Village“) bedürfen längerer Aufenthalte in der hessischen Provinz. Laufzeiten von bis zu sechs Stunden lassen es ratsam erscheinen, sich gleich für mehrere Tage in Kassel einzuquartieren.

Noch nie wurden lokale und globale Themen transnationaler angegangen als hier. So präsentiert der aus Israel stammende Dissident und Filmemacher Eyal Sivan eine gelungene Verbindung von politischer Aussage und experimenteller Form. Im ersten Stock des Fridericianums kombiniert Sivan in „Itsembatsema. Ruanda, einen Völkermord später“ Schwarzweißfotos von Massengräbern mit den Originaltönen von Radioübertragungen eines ruandischen Senders, in denen zum Massaker an den Tutsi aufgerufen wird. Das ergibt eine bizarre Mixtur, in der die abgefilmten Fotos, die die Folgen des Genozids dokumentieren, das Radio als wirksames Propagandamittel konterkarieren.

Als vor 25 Jahren auf der documenta 6 erstmals eine Abteilung Foto/Film/Video eingerichtet wurde, war die belgische Avantgardefilmerin und Feministin Chantal Akerman zum ersten Mal dabei. Nach einem Ausflug in den Mainstream („Eine Couch in New York“) hat sie für die Documenta 11 ihr Interesse wieder auf die Grenzgebiete der Gesellschaft gerichtet. Im zweiten Stock des Fridericianums verfolgt sie auf 18 Monitoren und zwei Leinwänden das Flüchtlingselend zwischen Mexiko und den USA. Nacht für Nacht spüren die Grenzpatrouillen der USA mit Infrarotkameras Menschen auf, die versuchen, nach Nordamerika zu immigrieren. Die Monitore sind in einem kleinen Durchgangsraum mit zwei Eingängen so postiert, dass vier enge Reihen mit einem schmalen Durchgang in der Mitte entstehen. Will man den Raum wieder verlassen, muss man da hindurch und statt Raum zum Betrachten entsteht ein nachdrückliches Gefühl der Beklemmung.

Wegen ihres bemerkenswerten Aufgebots an Film- und Videogeflimmer wurde die Documenta 11 bereits mit einem Filmfestival verglichen. Von den 116 Künstlern arbeiten allerdings nur etwa 40 mit Film- und Video und unter den rund 71, die für die Weltkunstschau ein neues Werk erstellten, sind es knapp ein Viertel. Das beständige Kommen und Gehen der Ausstellungsbesucher in den Kino- und DVD-Boxen der Ausstellung korrespondiert mit dem steten Fluss der Bilder. Gleichwohl öffnen sich dem Betrachter – neben ästhetischen Erlebnissen – jede Menge authentische Einblicke in lokale und globale Problemlagen. Kino das bewegt, der alte Werbeslogan der Kinobranche, passt gut zum Filmkonzept der 11. Weltkunstschau, die in Sachen Film, trotz Hang zum Unfertigen und Ausufernden, ihrem Namen mehr als gerecht wird.

Cornelia Fleer


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