CLOUD GEGEN TREIBHAUSEFFEKT: Klimaschutz 2.0

Informationstechnologie verbraucht nicht nur Strom und trägt zur Erderwärmung bei (woxx 1176). Sensibilisierung durch Online-Spiele, CO2-Footprint-Apps und Mitfahrzentralen zeigen: Die Technik kann Teil der Lösung sein.

Regionale Produkte … wie in alten Zeiten.

Nicht nur Merkel und Obama, auch Nutzer mischen in der großen Klimapolitik mit. Zumindest bei „Keep Cool“, einem Online-Spiel. Da treffen sechs Kontrahenten aufeinander, jeder repräsentiert eine Ländergruppe, etwa Europa oder die Erdöl exportierenden Staaten. Die Aufgabe lautet: Baut Fabriken, um die Wirtschaft anzukurbeln! Allerdings stoßen die Produktionsstätten Treibhausgase aus, was dramatische Folgen hat – vom Hochwasser bis zur Verbreitung von Krankheiten. Die Spieler müssen sich daher umstellen, anstelle der schwarzen Fabriken grüne aufstellen. Die sind nicht so klimaschädlich, kosten aber auch viel Geld.

Wie lassen sich Ökologie und Ökonomie vereinbaren? Das muss verhandelt werden – wie bei den echten Klimagipfeln. Wer am geschicktesten vorgeht, gewinnt das Spiel. Allerdings können auch alle verlieren. Gelangt zu viel Kohlendioxid in die Atmosphäre, dann rutscht die Anzeige des Karbometers in den roten Bereich: Der Klimakollaps droht.

Digitaler Umwelt-Coach

Ein anderes Spiel, „Game Change Rio“, beruft sich auf den 21 Jahre zurückliegenden Nachhaltigkeitsgipfel in der brasilianischen Stadt. Dessen nicht eingelöstes Versprechen wird in den Klimadiskussionen noch immer erinnert. Was das Spiel besonders macht: Es basiert auf echten Daten aus der Weltwirtschaft. Über 100 Millionen mögliche Ergebnisse sind einprogrammiert. Die Spieler haben es in der Hand. Sie können den Planeten ruinieren oder retten.

Der Nutzer kann mit der Klimarettung auch ganz klein anfangen ? bei sich selbst. Er lädt eine grüne App auf sein Mobilgerät. Die hilft ihm, Emissionen zu vermeiden. Wobei die Programme den Nutzer durchaus erziehen wollen. „EcoCleaning“ zum Beispiel. Der Nutzer gibt an, wie oft er geflogen ist oder wie viel argentinisches Rindfleisch er gegessen hat. Dann spuckt die deutschsprachige App eine persönliche Kohlendioxidbilanz aus ? mit den passenden Verbesserungsvorschlägen. Zum Beispiel: Kauf dir ein Elektroauto! Da ließe sich hinzufügen: Aber betanke es mit Ökostrom!

„Du liebst das gute Leben, aber die Zukunft ist Dir nicht egal?“ Diese Frage richtet „Get neutral“ (Werde neutral) an den Konsumenten. Mit neutral ist natürlich das Klima gemeint, genauer gesagt: die Kompensation von Treibhausgasemissionen. Mit Hilfe der App wird der Barcode eines Produktes eingescannt, zum Beispiel einer Jeans. Prompt erscheint die bei ihrer Herstellung freigesetzte CO2-Menge auf dem Bildschirm. Der Nutzer klickt dann auf „Neutralisieren“ – und schon fließt Geld in ein Klimaschutzprojekt. Und zwar genau so viel, dass die ?Jeans-Emissionen` ausgeglichen werden. Damit ist der Hosenkauf ?klimaneutral`. Der Nutzer muss fürs gute Gewissen nicht einmal extra zahlen. Die Kompensation übernehmen Firmen, die sich ökologisch engagieren wollen.

Global surfen, lokal essen

Wenn es um Klimaschutz geht, ist natürlich auch Ernährung ein Thema. Bei der Produktion von Obst und Gemüse fallen – im Gegensatz zu Fleisch – relativ wenig CO2-Emissionen an. Allerdings ist die Ware häufig importiert. Dadurch verschlechtert sich die Bilanz. „Eco Challenge“ illustriert die Anfahrtswege von Obst und Gemüse. Bananen aus Brasilien reisen fast 9.000 Kilometer weit, spanische Tomaten haben um die 2.000 Kilometer hinter sich. Die App macht jede Woche einen Vorschlag, wie es der Nutzer besser machen kann. Widme einen Abend den Produkten deiner Region, heißt es da.

Über regionale Produkte informiert auch „Erntefrisch“. Die App sammelt die saisonalen Verfügbarkeiten von über 200 Lebensmitteln. Hat Rhabarber gerade Saison? Wann kommen die Erdbeeren wieder? Die grünen Felder auf der Jahresskala
zeigen es an.  

Viele Emissionen gehen auf Mobilität zurück. Auch da kann was getan werden. Etwa indem möglichst viele Insassen in einem Auto sitzen. Mitfahrten in der Schweiz und im europäischen Ausland vermittelt „mitfahrgelegenheit.ch“. Da fährt zum Beispiel ein Mercedes-Benz von Zürich nach Tübingen. Wer einsteigen will, meldet sich online beim Fahrer. Zwölf Euro kostet der Taxidienst.

Auch Klimaforscher nutzen die Möglichkeiten des Netzes. Sie schreiben Blogs – der kürzeste Weg in die Öffentlichkeit. In der Schweiz informiert der „ETH Klimablog“ seriös und detailliert über den Stand der Dinge. Zum Beispiel wie die Kohlendioxid-Konzentration von der Ozeanzirkulation beeinflusst wird. Auch die „Klima Lounge“ bietet fundierte Erklärungen, etwa zur Meereisausdehnung. Hinter dem Blog steckt ein Forscher vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung.  

Der Nutzer muss aber genau hinschauen, welchen Blog er da gerade liest. Denn es tummeln sich auch Klimaskeptiker im Netz. Diese Gruppe versucht verbreitete Ansichten zu entkräften. Ihre These lautet: Die momentane Erwärmung ist nicht menschengemacht, sondern hat natürliche Ursachen. Die Skeptiker-Blogs hauen immer in die gleiche Kerbe: Der UN-Klimarat hat Unrecht! Dabei vermitteln die Seiten geschickt den Anschein wissenschaftlicher Seriosität. Die Kommentare müssen aber mit Vorsicht genossen werden.


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