NIEDERLANDE: Auf dem Weg zum großen Sieg

Viele befürchten bei den Europawahlen 2014 einen neuen Rechtsruck. Doch wer wählt eigentlich die Populisten? Ein Augenschein in einem niederländischen Städtchen.

Volkes Stimme: Geert Wilders im vorigen Jahr in Voldendam, wo er schon bei den Europawahlen 2009 knapp 50 Prozent der Stimmen erhielt.

„Doe eens normaal man“, pampte Wilders, der so gerne den Rebellen im Politbetrieb gibt, im Herbst 2011 den niederländischen Premierminister im Parlament an. „Ey, mach mal normal.“ Worauf dieser die Fassung verlor und mit sich überschlagender Stimme antwortete, Wilders solle „selbst normal“ machen. Und wie das so ist mit Wilders: „doe eens normaal man“ wurde kurz darauf ein geflügeltes Wort.

Volendam, das ist „normaal“. Ein Städtchen am Markermeer in Nordholland, 20.000 Menschen, früher vor allem Fischer, heute meist Handwerker. Morgens schwirren ihre Kleinbusse zu Baustellen im ganzen Land aus, abends verstopfen sie die Autobahn nördlich von Amsterdam. Man rackert sich ab, um mit Mitte 20 ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen. Wo, wenn nicht hier, sollen „Henk und Ingrid“ wohnen, das fiktive Muster-Paar „hart arbeitender Niederländer“, auf das sich Wilders‘ „Partij voor de Vrijheid“ so gerne beruft? Henk und Ingrid sind weiß, gehören zur unteren Mittelschicht und, so Wilders einst, „bekommen nichts geschenkt“.

Theo Koning könnte Henk sein. Mit seinen beiden Hunden läuft er an einem eiskalten Dezember-Vormittag am Deich entlang, wo sich sonst um diese Zeit nur Touristen herumtreiben, die für einen Tag aus Amsterdam kommen. Henk, also Theo Koning, ist 57 und Frührentner, und mehr Volendam als bei ihm passt nicht in die Biographie eines einzelnen Arbeitslebens. Als Teenager heuerte er auf einem Boot an. Später, als es mit der Fischerei bergab ging, machte er sich als Gipser selbstständig. Seine vier Betriebsbusse kreuzten quer durch die Niederlande, nach Deutschland und Belgien, oft sieben Tage in der Woche.

Kräftig ist Theo Koning, er hat volles dunkles Haar und ein kerniges Gesicht. Man sieht es nicht gleich, aber die Plackerei hat ihn geschafft. „Alles verschlissen“, sagt er fatalistisch, doch er lamentiert nicht. Nicht über die Arbeit jedenfalls. Wohl aber darüber, dass sein Sohn, der den Betrieb übernahm, jetzt Billig-Konkurrenz aus dem Osten hat. „Er gipst einen Quadratmeter für 3,40 Euro. Ein Pole oder Rumäne macht das für 2,25 Euro. Und er bezahlt keine Steuern, während bei uns die Hälfte abgeht.“ So einfach die Rechnung, so klar das Fazit: „Der Pole hat mehr.“

Unter dem Strich bleibt: eine Stimme für Wilders, der schon lange warnt, dass Niederländer ihre Jobs an Osteuropäer verlieren. Konings Stimme ist eine von vielen in Volendam. Die Partij voor de Vrijheid erzielte hier bei den Europawahlen 2009 das beste Ergebnis im ganzen Land: 49,9 Prozent. Seither gilt Wilders als Schutzpatron des Städtchens. Als er im Frühjahr zu Besuch kam, sprachen niederländische Medien von einem „Heimspiel“. Offene Türen rannte er ein mit seinem Aufruf zum „Widerstand“ gegen die Sparpolitik der Regierung. Noch ein Volltreffer. Denn Regierungen misstrauen sie hier, und zwar, so Theo Koning voller Überzeugung, „absolut“.

Die Klage gegen die „Volksferne“ des Establishments gehört zur Essenz des niederländischen Rechtspopulismus.

Dass die PVV im kommenden EU- Wahlkampf auf die antieuropäische Karte setzt, gefällt Theo Koning. „Du kannst doch nicht einfach die Grenzen öffnen“, sagt er anklagend, während sein Hund an der Leine zieht. „Und all diese europäischen Gesetze, was für ein Bullshit.“ Natürlich wird er im Mai wieder PVV wählen. Dabei ist Europa nicht der erste Adressat der Volendamer Botschaft, die da lautet: keine Einmischung von außen. Manche sagen, „Außen? beginne im Nachbardorf Edam. „Wir helfen uns selbst“, sagt Theo Koning hierzu. „So läuft das hier.“

Wovon man wenig hört in diesem Bullerbü der Selbstgenügsamkeit, ist die Sache mit dem Islam. Was nicht überrascht, denn es gibt hier kaum Migranten. Im Ausland sieht man Geert Wilders vor allem als rüden Fundamentalkritiker von Koran und Prophet. Lange stand das Thema ganz oben auf der Agenda seiner Partei. Doch obwohl es Wilders‘ persönliches Steckenpferd bleibt, bestimmen inzwischen andere Aspekte den rechtspopulistischen Diskurs im Land.

Monothematisch war die PVV ohnehin nie. Auch nicht im Herbst 2006, als sie, frisch gegründet, erstmals an Parlamentswahlen teilnahm. Entstanden war sie aus der Groep Wilders, ein missverständlicher Name, denn es handelte sich um eine Einmannfraktion. Zuvor hatte Wilders im Streit die marktliberale Partei VVD verlassen, die heute an der Regierung ist. Das Wahlprogramm war hart und zart zugleich. „Mehr Blau auf den Straßen“ für die Sicherheit, „mehr Hände am Bett“ für den Pflegebereich.

Die Wahlen waren gleichzeitig eine Stellenausschreibung. Einen bedeutenden Posten galt es zu besetzen: die Nachfolge des ermordeten Volkstribuns Pim Fortuyn. Mehrere neue Parteien gingen ins Rennen. Die PVV gewann. Wegen ihres Programms, und wegen ihres Gladiators und Gründers. Wilders war „in de lift“, wie man hier Politiker im aufsteigenden Zustand nennt. 2005, als die Niederlande den EU-Vertrag ablehnten, war er einer der Haupt-Agitatoren.

Was spricht man an der Fischbude auf der Volendamer Ufer-Promenade, wo zwischen Trachtenläden und Souvenirkitsch Geert Wilders im vergangenen Frühjahr ein Bad in der Menge genommen hatte – sind die Menschen hier der PVV gewogen? „Nicht aus Rassismus?, sagt Jan Snoek, der Inhaber der Bude, „sondern wegen der Arbeit.“ Und aus sozialen Gründen: die Entwicklungshilfe streichen und in die Pflege „unserer Alten“ stecken – solche Ideen hört man hier. Fischhändler Snoek denkt inzwischen selbst darüber nach, doch einmal Wilders zu wählen. „Sie fragen doch danach“, meint er schulterzuckend.

Dieses „Sie“ ist die Essenz des niederländischen Rechtspopulismus. Ein anklagender Zeigefinger, der seit den Tagen des ikonischen Pim Fortuyn auf alle weist, die sich vermeintlich entfernt haben vom Volk. Von denen, die Geert Wilders später Henk und Ingrid taufte. Das politische Establishment. Die kosmopolitische kulturelle Elite. In Volendam sagen Viele, man wollte ein Gegengewicht bilden, zu den „linken Medien“ etwa. Eine ältere Dame, die selbst nicht PVV wählt, weiß beispielsweise zu berichten, dass auch an der Uni im nahen Amsterdam, wo ihre Tochter studiert, „alles links“ ist.

Es sind andere Zeiten in den Niederlanden, und Volendam, ausgerechnet Volendam, belächelt ob seiner Provinzialität und seiner „Aalsound“ genannten Volksmusik, wurde 2009 zur Avantgarde der Trendwende. Später gewann die PVV auch die Kommunalwahlen in Almere und die Provinz-wahlen in Limburg. Volendam aber wurde zu einem Symbol.

Wenn dieses Städtchen das Herz des Protests von Henk und Ingrid ist, dann ist sein Marktplatz das Epizen-trum ihres Unbehagens. So zumindest sah das Ronald Plasterk, ein früherer sozialdemokratischer Minister. Nach dem Desaster seiner Partei 2009 kündigte er an, „auf dem Markt von Volendam“ zu fragen, „was wir anders machen müssen“. Plasterk kam, sprach mit ein paar Menschen, ging wieder, und alles blieb beim Alten. Ein halbes Jahr vor den nächsten Europawahlen liegt die PVV in den Umfragen konstant vorne.

Fast schon ironisch, dass der Volendamer Markt ausgerechnet auf dem „Europaplatz“ stattfindet. Ein vorweihnachtlicher Samstagmittag, Senioren halten einen Schnack zwischen Sirup-Waffeln und Obststand, die Jungen zieht es rüber zur Shopping Mall, Fischbrötchen und Energy-Drink in der Hand, das Volendamer Szene-Menu. Und Ingrid sputet sich, beladen mit zahlreichen Einkaufstüten, zu einer Geburtstagsfeier. „Ich heiße wirklich so“, lacht die blonde Frau, die im Zentrum in einem Schuhgeschäft arbeitet. Ingrid Tol ist 40, trägt einen eleganten schwarzen Ledermantel, große Ohrringe und einen Nasenstecker. Und auch sie hat PVV gewählt.

Ingrid ist vor allem wegen der Kriminalität besorgt. Angefangen bei den Diebstählen, „man kann kein Fahrrad mehr draußen stehen lassen?, und dann erst die Einbrüche in letzter Zeit. Neulich, sagt sie, sei ihr Mann abends für eine Zigarette vor die Tür gegangen. „Und stand Auge in Auge mit einem, nun ja, osteuropäischen Mann, der ein Foto vom Bus des Nachbarn machte.“ Ingrid Tol rief die Polizei. Die berüchtigte „Meldestelle“ der PVV, wo Niederländer einst angehalten waren, „Belästigung“ durch Osteuropäer zu denunzieren, habe sie nicht benachrichtigen wollen. „Es geht mir nicht um Diskriminierung. Alle Menschen sind doch gleich!“

Ingrid Tol gibt zu, sich über „negative Seiten“ der PVV noch nicht informiert zu haben. Ebenso wenig kennt sie das ganze Programm der Partei. Und sie ist nicht genug Wilders-Fan, dass sie ihm zugejubelt hätte, als er durch Volendam lief. Und doch: Das soziale Profil der Partei spricht sie an. Und der Standpunkt gegen offene Grenzen, die doch nur „Elend“ verursachen: „Polnische Handwerker, brauchen wir das wirklich, wenn Volendamer dadurch ihre Arbeit verlieren?“

Ingrids Stimme hat Wilders jedenfalls. Die von Volendam auch, ist sie sich sicher. „Und ich denke, im ganzen Land wird er einen großen Sieg landen.“

Tobias Müller berichtet für die woxx aus Belgien und den Niederlanden. Er lebt in Amsterdam.


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