Seit Jahren kämpfen die Beschäftigten im Erziehungs- und sozialen Bereich um eine größere gesellschaftliche Anerkennung ihrer Berufe und eine allgemeine Aufwertung der sozialen Arbeit. Wird mit der neuen Regierung alles besser? Zumindest darin sind sich alle einig, dass endlich etwas geschehen muss.

„Gleich am Anfang der Legislaturperiode fĂĽr Aufmerksamkeit sorgen“ – PetitionsĂĽberreichung am 31. Januar
GroĂź war die Ăśberraschung, als Jean-Claude Juncker im Mai 2011 in seiner Rede zur Lage der Nation ankĂĽndigte, die sozialen Probleme in Luxemburg auf die politische Prioritätenliste setzen zu wollen. Von potenziellen Schulabbrechern war die Rede, die es möglichst frĂĽh zu erkennen und zu begleiten gelte, und von Kindern mit schweren Verhaltensstörungen, denen nur durch die Schaffung einer „adäquaten Spezialschule“ geholfen werden könne. Von jugendlichen AusreiĂźern ĂĽber Langzeit-Obdachlose bis hin zu suizidgefährdeten jungen Menschen sprach Juncker all die Themen an, die uns eigentlich „auf den Nägeln brennen mĂĽssten“. Die „Aktioun ErzĂ©iung“, ein Zusammenschluss von Gewerkschaften und Berufsorganisationen aus dem Bildungs- und sozialen Bereich,
begrĂĽĂźte das Versprechen des Premiers und gab der Hoffnung Ausdruck, dass die AnkĂĽndigung „keine politische Sonntagsrede war, sondern ein ehrliches BemĂĽhen, an der teilweise kritischen Lage (…) etwas zu ändern“.
Schon ein Jahr später musste die Aktioun ErzĂ©iung jedoch einsehen, dass „trotz angekĂĽndigter Offensive von Aufbruchstimmung keine Rede“ sein konnte. ErnĂĽchtert stellte man fest, dass Themen wie „Armut, soziale Ungerechtigkeit, Bildungsnotstand oder Jugenddeliquenz“, anders als von Juncker groĂźspurig angekĂĽndigt, keineswegs im Fokus der Ă–ffentlichkeit standen und dass „eine pädagogisch sinnvolle Erziehungsarbeit“ sich immer noch an fehlenden Strukturen und Personalmangel aufrieb. Auch ĂĽberfĂĽllte „Jugenderziehungsanstalten“ wie Dreiborn und Schrassig wurden kritisiert und die fehlende „konzeptuelle Kooperation“ zwischen Maison Relais und Grundschule sowie der Mangel an professionellen Anlaufstellen fĂĽr Eltern angeprangert. Alles in allem wurde ein ziemlich desaströses Bild der Zustände im sozialen Sektor gezeichnet, die Arbeit der Fachkräfte gar als „Sisyphusarbeit in einem pädagogisch unwĂĽrdigen Umfeld“ qualifiziert.
FĂĽr Aufmerksamkeit sorgen
Vergangene Woche ĂĽbergab eine Abordnung von Apeg (Association Professionnelle des Educateurs GraduĂ©s), Apel (Association Professionnelle des Educateurs Luxembourgeois) und LBSA (LĂ«tzebuerger Beruffsverband fir sozial Aarbecht) dem Parlamentspräsidenten und „erstem BĂĽrger“ des Landes, Mars di Bartholomeo, der, wie er stets betont, „den Akzent auf ?BĂĽrger‘ setzt“, eine Unterschriftenliste. Die Sammlung enthielt am Tag der Ăśberreichung ĂĽber 11.000 Unterschriften. Mit dieser Petition fordern die drei Organisationen unter anderem „ein Grundrecht auf eine gute pädagogische Förderung“, „adäquate Arbeitsbedingungen fĂĽr eine qualitativ hochwertige Erziehungsarbeit“, „ein Gesamtkonzept fĂĽr Erziehung Bildung und Betreuung“ und „eine gesellschaftliche, politische sowie auch finanzielle Anerkennung von erzieherischen und sozialen Berufen“. „Wir wollten gleich am Anfang der Legislaturperiode fĂĽr Aufmerksamkeit sorgen“ erklärt Marc Pletsch, Präsident der Apeg, „die Regierung muss sich ihrer Verantwortung stellen.“
Eine Forderung, die sich wie eine Konstante durch die Geschichte des ErzieherInnenberufs zieht, ist die nach einer angemessenen Anerkennung der sozialen Berufe. Im Gegensatz zu den meisten Berufslaufbahnen, auch denen im Sozialsektor, gibt es fĂĽr den Beruf des „Ă©ducateur“ und des „Ă©ducateur graduĂ©“ keine den Studien entsprechende Bezahlung. „Ein ?Ă©ducateur‘ bekommt in aller Regel den gleichen Lohn wie jemand, mit einer 11e, obwohl er eine 14e hat. Ein ?Ă©ducateur graduĂ©‘, der eigentlich einen Bac +3 hat, wird in der Regel so bezahlt wie jemand mit einem einfachen Bac. Das kann nicht sein.“ Der Apeg nach ist die Karriere des „Ă©ducateur graduĂ©“ die am schlechtesten bezahlte Berufslaufbahn, die man mit einem Bac +3 einschlagen kann. Die Lohnunterschiede zwischen „Ă©ducateurs graduĂ©s“ und anderen vergleichbaren Laufbahnen, wie etwa der des „assistant social“ oder des Orthophonisten, lägen bei ungefähr 30 Prozent. Ausgerechnet hat die Apeg schon vor Jahren, dass ein „Ă©ducateur graduĂ©“ während seiner gesamten berufstätigen Zeit einen RĂĽckstand von bis zu 550.000 Euro auf andere Berufstätige mit derselben Studiendauer anhäuft.
Soziale Krise
Im Regierungsabkommen der blau-rot-grĂĽnen Koalition unter Xavier Bettel wird versprochen, „bezĂĽglich der Berufsprofile im erzieherischen und sozialen Bereich Klarheit zu schaffen“. Marc Pletsch sagt dazu: „Um fĂĽr Klarheit zu sorgen, mĂĽssen diese Berufe erst einmal mit einem ?Code de DĂ©ontologie‘ reglementiert werden, es mĂĽssen die Aufgabenfelder festgelegt und die Studienzeit anerkannt werden. Das sind Mindestvoraussetzungen.“
Auch andere Passagen im Koalitionspapier werden von den Berufsorganisationen zumindest kritisch betrachtet. So zum Beispiel die AnkĂĽndigung, man beabsichtige die „Abkommen zwischen Staat und Organisationen aus dem sozialen, familiären oder therapeutischen Bereich zu ĂĽberprĂĽfen“. „Wir mĂĽssen aufpassen“, mahnt der Präsident der Apeg, „es darf nicht nur um Einsparungen gehen“.
Ohnehin seien gerade die Beschäftigten im sozialen Sektor tagtäglich mit „den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise“ konfrontiert. „Man spĂĽrt es fast ĂĽberall. Nicht nur die Erzieher, die mit Arbeitslosen arbeiten, mĂĽssen sich damit auseinandersetzen. Es betrifft auch diejenigen, die mit Jugendlichen arbeiten oder mit Kindern.“ Wenn die Situation zuhause immer schwieriger wird, ein Elternteil in die Arbeitslosigkeit abrutscht, es Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit gibt, dann mache sich das „vor allem im sozialen Bereich“ bemerkbar. „Die Menschen sind desorientiert, fĂĽnf Jahre nach der groĂźen Finanzkrise haben wir es mit einer sozialen Krise zu tun. Unsere Arbeit besteht darin, die Konsequenzen soweit wie möglich abzufedern.“
Bessere Vernetzung
Doch scheint es auch Grund zur Hoffnung zu geben. Die (nicht mehr ganz) neue Regierung verspricht in ihrer Koalitionserklärung, fĂĽr eine bessere Vernetzung des schulischen und des auĂźerschulischen Bereichs sorgen zu wollen. Beabsichtigt ist, die beiden Bereiche in einem Ministerium zusammenzulegen. Damit wäre zumindest dem gegenwärtigen Chaos zwischen Bildungs- und Familienministerium beizukommen. „Diese Forderung haben wir schon vor zwei Jahren gestellt“, sagt Marc Pletsch, „es wĂĽrde vieles vereinfachen und uns das Leben um einiges leichter machen.“ Auch die Förderung des sogenannten „lifelong learning“ im sozialen Sektor, die im Koalitionsabkommen angekĂĽndigt wird, betrachten Apeg, Apel und LBSA mit Wohlwollen.
Dass im Forderungskatalog der drei Berufsorganisationen die Arbeitskräfte mit niedriger oder nicht vorhandener Ausbildung nicht mit einem Wort erwähnt werden, liegt laut Pletsch nicht daran, „dass hier eine Hierarchisierung unsererseits stattfindet“. Im Gegenteil, fĂĽr ihn liegt der SchlĂĽssel zu einer Anerkennung dieser Arbeitskräfte im Ausarbeiten von „Berufsprofilen mit festgelegten Aufgabenfeldern“. Innerhalb dieser Aufgabenfelder könnten „Ă©ducateurs“, „Ă©ducateurs graduĂ©s“ und Menschen ohne Berufsausbildung einander „sinnvoll ergänzen“.
Der Präsident der Abgeordnetenkammer, Mars di Bartholomeo, bekundete gegenĂĽber den VertreterInnen der Berufsorganisationen, die ihm die Petition ĂĽberreichten, vollstes Verständnis. Die Arbeit der Menschen im sozialen Bereich sei „unabdingbar fĂĽr unsere Gesellschaft“, und er habe einen „Heidenrespekt“ vor ihr. Wie weit die Forderungen der Unterschreibenden sich konkret in der Regierungspolitik widerspiegeln werden, muss sich erst noch zeigen. Klar ist aber, dass zumindest die Versprechungen im Koalitionspapier der Regierung sich größtenteils mit diesen Forderungen decken. „Veränderungen können nur gemeinsam mit den Akteuren im Sozialen entschieden werden“ sagt Marc Pletsch, „von oben herab das ganze System zu reorganisieren, wäre falsch. Aber darĂĽber, dass es dringend Veränderungen braucht, sind wir uns mit der Regierung einig.“

