IMRE KERTESZ: Der Holocaust als Welterfahrung

von | 20.06.2003

Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre KertĂ©sz denkt in seinem jĂĽngsten Buch ĂĽber „Die exilierte Sprache“ nach.

Am Anfang war das Verstummen der Gegenwart, das Schweigen der Erinnerung und die ungeheure Ăśberwältigung durch das Nichts. Das war bei seinem ersten Besuch in Weimar 1962, als KertĂ©sz das in unmittelbarer Nähe von Goethes Wirkungsstätte gelegene Konzentrationslager Buchenwald besuchte. Zwar fand er den geografischen Ort seiner Leidenserfahrung, nicht aber den Ort seiner Erinnerung. In seinem 1998 erschienenen Buch „Der Spurensucher“ hat er diesen fĂĽr sein späteres Lebenswerk wegweisenden Einbruch ausdrĂĽcklich beschrieben. Die Reise nach Buchenwald stand unter dem Vorzeichen des „Fehlers, zu glauben, die Vergangenheit sei wieder belebbar (…). Ich bin als Fremder ĂĽber fremde Schauplätze geirrt, habe weder drauĂźen etwas gefunden noch innen etwas gefĂĽhlt. Da begriff ich, was man gemeinhin als Vergangenheit bezeichnet und wie teuer mir das war, was mir durch sie verlorenzugehen drohte. Ich verstand, wenn ich gegen mein vergängliches Ich und die ständige Wandelbarkeit der Schauplätze ankämpfen wollte, muĂźte ich mir, mich auf mein schöpferisches Gedächtnis verlassend, alles von neuem erschaffen“.

Der Entschluss, Schriftsteller zu werden, seine Erfahrungen als FĂĽnfzehnjähriger in Auschwitz und Buchenwald literarisch aufzuarbeiten, zwang Imre KertĂ©sz im volksdemokratischen Ungarn zu einer AuĂźenseiterexistenz. Er hält sich mit Ăśbersetzungsarbeiten frei von den Verpflichtungen des offiziellen Kulturbetriebs, der von Auschwitz nichts wissen will. Und er arbeitet zwölf Jahre lang an seinem „Roman eines Schicksallosen“, zurĂĽckgezogen in einer wenige Quadratmeter kleinen Wohnung, in der „inneren Emigration“, wie KertĂ©sz sein Dasein benennt. In diesem Buch ertastet sich ein Knabe mit dem erstaunten Blick eines FĂĽnfzehnjährigen pointiert, aber klaglos diese neue, unheile Welt der Konzentrationslager, in die er nun geworfen ist. Mit einem aschentrockenen, schwarzen Humor, der den ungarischen Kulturbeauftragten sauer aufstieg.

„KĂĽnstlerische Gestaltung nicht gelungen“

Nach der Schilderung seiner Leidensstationen in Auschwitz und Buchenwald lässt KertĂ©sz seine autobiografisch ausgeformte Figur Köves den Blick ĂĽber das Arbeitslager Zeitz schweifen: „Im ĂĽbrigen habe ich gleich gesehen, dass ich dieses Mal nur in ein so kleines armseliges, abgelegenes, sozusagen in ein Provinz-Konzentrationslager gekommen war. Ein Bad oder gar ein Krematorium – offenbar nur Bestandteile von wichtigeren Konzentrationslagern – hätte ich hier vergeblich gesucht.“ Die Verlagslektoren, die KertĂ©sz 1973 sein Manuskript zurĂĽckschickten, das seinen späteren Weltruhm mitbegrĂĽnden sollte, stieĂźen sich wahrscheinlich an eben solchen Passagen. KertĂ©sz hat den Ablehnungsbescheid – das Buch erschien dann doch zwei Jahre später in Budapest – in seinem zweiten Buch „Fiasko“ genussvoll zitiert. „Wir meinen“, heiĂźt es dort, „dass die kĂĽnstlerische Gestaltung ihres Erlebnismaterials nicht gelungen ist, das Thema aber grauenhaft und erschĂĽtternd ist. Dass der Rahmen fĂĽr den Leser dennoch nicht zu einem erschĂĽtternden Erlebnis wird, liegt an erster Linie an den, milde ausgedrĂĽckt, merkwĂĽrdigen Reaktionen Ihres Helden.“

„Fiasko“ ist eine spiralenförmig angelegte Geschichte ĂĽber einen Schriftsteller unter realsozialistischen Lebens- und Schreibbedingungen. Das Buch wurde vordergrĂĽndig als kritische Darstellung eines Kulturbetriebs aufgefasst, der zwischen demĂĽtiger Unterwerfung unter die Erwartungen der Parteimächtigen und fruchtlosem Aufbegehren changiert. Die ruinösen Stadtlandschaften, die groteske WillkĂĽr von Beamten und anderen subalternen Mitläufern, die stete und atemschnĂĽrende Atmosphäre von Angst, die KertĂ©sz hier entfaltet, gemahnen an Kafkas hyperrealistische Beschreibungen des Absurden. Doch den meisten RezensentInnen entging die optimistische Note, die darin bestand, dass der Protagonist des Romans am Ende zu seinen Anfängen und damit zu sich selber findet. Im Sommer 1981, die Arbeiten am „Fiasko“ sollten sich noch sechs lange und einsame Jahre hinziehen, notierte KertĂ©sz in sein Galeerentagebuch: „Die individuelle Aufgabe lässt sich hier wie ĂĽberall sonst erfĂĽllen – das ist das Verfahren, die Romanwelt von ‚Fiasko'“.

„Regression in die Pubertät“

KertĂ©sz’s Literatur, die im Westen erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks bekannt wurde, behandelt die Gegensätze zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus, Totalitarismus und offener Gesellschaft, Individuum und Masse, Gewalt und Kultur. Im vergangenen Herbst erhielt er den Nobelpreis fĂĽr Literatur, und in seiner BegrĂĽndung unterstreicht das Stockholmer Komitee: „FĂĽr KertĂ©sz stellt Auschwitz kein Ausnahmeereignis dar, das wie ein Fremdkörper auĂźerhalb der normalen Geschichte Westeuropas existiert. Es ist die ultimative Wahrheit ĂĽber die Erniedrigung des Menschen in der Moderne.“ KertĂ©sz’s jĂĽngstes Buch „Die exilierte Sprache“ ist eine Essaysammlung, die Summe seiner bisherigen Themen und eine intellektuelle Bilanz des zwanzigsten Jahrhunderts. Der heimat- und wurzellose Einzelgänger ist nach der kurzen Euphorie, die die Selbstbestimmung Ungarns und Osteuropas begleitete, abgeklärter geworden, ein Kulturpessimist, der dennoch die Hoffnung nicht aufgeben will, dass es doch anders sein könnte, als es ist.

In dem Essay „Der ĂĽberflĂĽssige Intellektuelle“ stellt er ernĂĽchtert ein Wiederaufleben fremdenfeindlicher und antisemitischer Ressentiments fest, die einhergehen mit dem Wunsch nach autoritären, mitunter sogar totalitären Regimen. DemgegenĂĽber hält KertĂ©sz fest: „Zweifellos hat der Mensch im BĂĽrgertum und in der BĂĽrgerlichkeit sein Erwachsenenalter erreicht (…). GegenĂĽber der bĂĽrgerlichen ist jede diktatorische und autarke Form von Herrschaft sowie jede andere Form von Massenherrschaft eine Regression in die Pubertät, ins Urmenschentum.“ Aber politisch, so fĂĽgt er resigniert hinzu, sei die Welt „unfassbar und unformbar geworden, einfach weil die politischen Begriffe chaotisch geworden sind (….). Was man Kultur nennt, also die universale Kreativität einer größeren Gemeinschaft und des Menschen Streben, dass er ein besserer und vollkommener Mensch werde, dies alles scheint heute nicht mehr vorhanden zu sein.“ In diesen verdrieĂźlichen bis gefährlichen Zeiten von Politik- und Geschichtslosigkeit könne es nicht schaden, so KertĂ©sz, zu verstehen, „dass Europa nicht nur gemeinsamer Markt und Zollunion, sondern auch gemeinsamer Geist und Mentalität bedeutet. Und die an diesem Geist teilhaben wollen, mĂĽssen neben vielem anderen auch durch die Feuerprobe der moralisch-existenziellen Auseinandersetzung mit dem Holocaust gehen.“

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