VERA WEISGERBER: „Kunst fordert“

Gesellschaftliche Missstände aufdecken, nach Lösungen suchen … Für die Luxemburger Künstlerin
Vera Weisgerber erfordert Kunst vor allem soziale Verantwortung.

Vera Weisgerber stellt im Casino Luxemburg aus. Noch bis zum 21. September. (Foto: Christian Mosar)

Eine gesellschaftskritische Komponente vermisse er oftmals in den Werken einheimischer KünstlerInnen. Gering sei die Anzahl von Kunstschaffenden im Land, die sich einer sozialen Herausforderung stelle, bedauert der luxemburgische Kunsthistoriker René Kockelkorn. Vera Weisgerber beispielsweise zähle für ihn zu jenen wenigen, die dieses Wagnis eingehen.

Ausgefallen sind die Themen der 32-Jährigen zweifelsohne: Beinprothesen, Demenzkranke, Wohnräume, Bauprozesse … Manche BetrachterInnen mögen über ihre Projekte irritiert sein und sich vielleicht fragen, was das Dargestellte mit Kunst zu habe.

Kunst bedeutet für Vera Weisgerber nicht ausschließlich die Hervorhebung ästhetischer Qualitäten. „Kunst bietet zudem die Möglichkeit, Dinge öffentlich zu machen. Somit erlaubt sie eine andere Form der Auseinandersetzung.“ Diese Funktion von Kunst erscheint der Künstlerin wesentlicher. „Überdies erfordert Kunst soziale Verantwortung. Es gilt gesellschaftliche Missstände aufzudecken und nach Lösungen zu suchen.“ Und da Kunst laut Vera Weisgerber nicht nur hinter den Türen eines Museums stattfinde, sei es auch notwendig, außerhalb der Institution an anderen Orten mit alltäglichen Mitteln zu arbeiten und soziale Belange zu berücksichtigen.

Über ein derartiges Projekt, an dem die Künstlerin vor einigen Monaten teilnahm, informiert derzeit das Casino Luxembourg – Forum d’Art Contemporain. Das Konzept entstand aus einer Initiative bilateralen Austauschs zwischen den Ländern Luxemburg und Rumänien. Es führte die Künstlerin schließlich nach Transsilvanien, in die Stadt Cluj-Napoca. Dort musste sich die Engagierte erst an die bestehenden Gebräuche und Sitten gewöhnen: „Sowohl Arbeitsorganisation als auch -rhythmus unterschieden sich allzu sehr von den Gewohnheiten daheim. Sie waren mir zunächst fremd. Es galt daher Pläne neu zu überdenken und spontane Entscheidungen zu treffen.“ Letztlich bot sich der Künstlerin die Renovierung einer alten Synagoge, in deren Gemäuer ein multikulturelles Zentrum zur Förderung zeitgenössischer Kunst seinen Standort hat. Eine Restaurierung der Fassade stellten die Verantwortlichen des Zentrums für die Umsetzung des bilateralen Projekts „Re:Location 4“, das zurzeit im Casino Luxemburg zu sehen ist, in Aussicht.

Ausgehend von der Überzeugung, dass unterschiedliche Kulturen sich gegenseitig bereichern, beschließt Vera Weisgerber gemeinsam mit dem rumänischen Künstler Cosmin Pop, der Außenwand ein besonderes Aussehen zu verleihen. „Nationalismus ist in Cluj-Napoca noch weit verbreitet. Allgegenwärtig ist in der Öffentlichkeit die Flagge der Republik. Darüber hinaus sind Feindschaften aus früheren Zeiten zum Nachbarland Ungarn längst nicht überwunden“, erklärt die Künstlerin. Die Gestalter setzten also ihre Erfindungs- und Einfühlungsgabe ein. Kurzerhand vermischten sie die Fahnenfarben der drei Nationen (Luxemburg, Rumänien, Ungarn). Ein großflächiges Raster aus Komplementärfarben überzieht nun die Vorderseite des jüdischen Gebetshauses „Poale Tedec“. Die ästhetische Aufwertung des Gebäudes war dabei nicht das eigentliche Ziel der Aktion. Vielmehr ging es darum Bewusstsein für eine interkulturelle Nationalität und Identität zu schaffen.

Außerdem wollten die KünstlerInnen im Ort eine farbenfrohe Spur von Vitalität hinterlassen. Die Arbeiten hätten zuerst vor allem Verwirrung hervorgerufen, berichtet Vera Weisgerber. Sanierungsmaßnahmen, die weitgehend den bauhistorischen Originalcharakter erhalten, habe man sich eigentlich erwartet. Die Leute seien trotz allem zufrieden gewesen.

Ein Gefühl von weltlicher Zugehörigkeit vermittle ihnen letztlich die moderne Wandgestaltung. Die Mehrheit der rumänischen BürgerInnen können sich aufgrund ihrer Einkommenssituation eine Reise ins Ausland nicht leisten. Aus finanzieller Not verlassen sie die Heimat selten. Besonders KünstlerInnen fehlt es an internationalen Kontakten.

Weisgerber und Cosmin entschieden sich, auf die Herstellung weiterer Kunstobjekte zu verzichten. Sie teilten ihr Budget sparsam ein. Den Rest des Geldes gaben sie an elf rumänische KünstlerInnen weiter. Jene konnten somit einer Einladung nach Luxemburg folgen. Die Exponate der Gäste sind Bestandteil des Projektes „Re:Location 4“.

Demenz mit Fortsetzung

Vera Weisgerbers Interesse gilt ebenfalls marginalen Gesellschaftsgruppen. Ihr Videofilm „Zuerst muss die Seele bewegt werden“ (2001) thematisiert Demenz im Dritten Alter. Das dargestellte Krankenbild orientiert sich weniger an Defizit und Hilfsbedürftigkeit. PflegeheimpatientInnen rücken im Film in Reichweite. Die Individualität der Betroffenen soll für die BetrachterInnen fassbar sein. Die Künstlerin beruft sich auf die Therapiethesen von Erwin Böhm, setzt sich für Entstigmatisierung und Enttabuisierung von Alter, Krankheit und Behinderung ein und wünscht sich für die Zukunft einen natürlicheren Umgang mit alten, kranken oder behinderten Menschen innerhalb der Gesellschaft. Eine Fortsetzung der Videoarbeit ist geplant.

Vera Weisgerber sieht sich selbst als Projektkünstlerin. Bei der Entwicklung von Konzepten ist für sie vor allem der Prozess der Recherche wichtig. Hilfreich sind ihr nach eigenen Worten dabei stets drei Schlüsselwörter: Was? Wie? Weshalb?

Im Vordergrund steht stets die Idee. Sie konkretisiert sich erst im Laufe der Nachforschungen und bestimmt die Wahl der Medien: Fotografien, Videos, Zeichnungen … Diese Methode des künstlerischen Vorgehens war eine Grundregel der Brüsseler Akademie „Ecole de Recherche graphique“. Dort studierte die Künstlerin vier Jahre lang. Mitte der 90er Jahre konzentrierte sie ihre Aufmerksamkeit auf die menschliche Physiognomie. Bei der Anfertigung von Skulpturen beschäftigte sie sich intensiv mit Beinprothesen als komplementären Körperteilen und ihrer sozialen Bedeutung: Orthopädie, Fabrikation, Kriegsinvalidität, Pilgerfahrten nach Lourdes …

Dabei faszinieren sie die vielfältigen Bedeutungsinhalte eines einzigen Objekts, zudem reizt es sie, Grenzen zwischen unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen zu verwischen, Gegenstände aus ihrem alltäglichen Kontext zu nehmen und sie zu verfremden.

Christiane Schiltz


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