SKULPTUR: Bus der verlorenen Träume

Mit „Many Dreams“ bleibt sich das Künstlerduo Martine Feipel & Jean Bechameil treu. Ihr Spiel mit der Wahrnehmung funktioniert. Das Skelett eines alten Busses weckt Sehnsüchte.

Mit dem Bulli nach Indien oder ans Meer. Das war einmal! Das Modell des 1950er-Jahre-VW-Busses hat mittlerweile ausgedient. Doch die Träume bleiben. Das Künstlerduo Martine Feipel und Jean Bechameil hat in seiner jüngsten Skulptur „Many Dreams“ einen solchen Bus als ein aus Kunststoff gefertigtes Skelett nachgebildet: Beaufort 04 (Triennale für Gegenwartskunst) in Belgien, der Park des Château d’Avignon und der Pavillon Vendôme im Centre d’art contemporain in Clichy waren die ersten Stationen, an denen der Bus ausgestellt wurde. Seit dem 11. Juli hat er in Luxemburg, im Park Dräi Eechelen gegenüber dem Mudam, Halt gemacht, an einem der besten Aussichtspunkte auf die Luxemburger Altstadt und lockt – einer Fata Morgana gleich – verheißungsvoll.

Doch was aus der Ferne weiß strahlt wie ein Ufo, wirkt bei näherer Betrachtung wie ein in der Natur zurückgebliebenes Fossil, das mit der Umgebung zu verschmelzen scheint. Kein Wunder, sind die Luxemburgerin Martine Feipel und ihr in Paris geborener Kompagnon Jean Bechameil doch seit langem Meister der optischen Täuschungen und Verfremdungseffekte von Innen- und Außenräumen. Spätestens seit der 54. Kunstbiennale in Venedig (2011) ist das Spiel mit Raumwahrnehmungen zu ihrer Visitenkarte geworden. Mit ihrem Beitrag „Le cercle fermé“ verwandelten sie die Räume des Luxemburger Pavillons in Venedig, die „Ca‘ del Duca“ mithilfe verspiegelter Decken, von Treppen, die ins Nichts führen, oder von verschmolzenen Stühlen in ein weißes Labyrinth. In der Ausstellung „Heimsuchung“ im Kunstmuseum Bonn im vergangenen Jahr (2013) schufen sie mit ihrer Rauminstallation „The Room Behind“ einen surrealen Irrgarten, in dem BesucherInnen zahlreiche Spiegeltüren passieren mussten und sich zu verlieren drohten. Aber auch in Luxemburg haben sich die beiden schon regelrecht ausgetobt. Unlängst stellten sie in kleinen Galerien wie der „Nei Liicht“ in Düdelingen oder dem Ettelbrücker CAPe aus und verwandeln auch die Räumlichkeiten renommierter Kunstinstitutionen. So lockt das Künstlerduo mit glänzenden Oberflächen, um diese dann gekonnt zu zerstören, die künstlich hergestellte Ordnung auf den Kopf zu stellen und unsere gewohnte Wahrnehmung zu hinterfragen.

„Many Dreams“ steht damit prototypisch für ihr Werk. Die Skulptur ist Sehnsuchtsobjekt und Objekt verlorener Sehnsüchte in einem. Fast schon etwas kitschig, wäre sie nicht bewusst verrottet, und damit als Symbol verlorener Träume angelegt. Ob am Strand in Blankenberge oder auf dem Kirchberger Plateau – stets scheint die Bulli-Skulptur mit ihrer Umgebung zu verschmelzen und Sehnsüchte zu wecken.

Bis zum 21. September 2014 im Park Dräi Eechelen.


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