BIOGRAPHIE: STEICHEN-STORY I+II: Huldigung, ohne Filter

von | 12.12.2003

Das von Rosch Krieps veröffentlichte Buch über Edward Steichen gewährt einen vorzüglich dokumentierten, wenn auch sehr subjektiven Einblick in das Leben des Ausnahmefotografen.

Spätestens seit der Schenkung seines Lebenswerks „The Family of Man“ an den luxemburgischen Staat dürfte der Name Edward Steichen hierzulande für viele ein Begriff sein, auch für jene, die mit Fotografie nicht viel am Hut haben. Der Journalist Rosch Krieps ist offenbar bereits in den 1950ern auf den in Luxemburg geborenen Fotografen aufmerksam geworden und hatte sogar die Gelegenheit, den Künstler persönlich kennenzulernen. 30 Jahre nach Steichens Tod und wenige Monate vor seinem 125. Geburtstag liegt das Ergebnis jahrelanger Forschung um den „Patriarchen der Fotografie“ in Buchform vor. Neu am Unterfangen ist vor allem die luxemburgische Perspektive.

Es wurde bereits ergiebig über Steichens Werk geschrieben, darüber hinaus gibt es mindestens zwei „offizielle“ Biografien über ihn. Verständlicherweise hat sich Krieps hier bemüht, neue Aspekte eines ausgeleuchteten Lebensweges aufzufinden und zu verarbeiten. Viel blieb allerdings nicht übrig. Da wäre die anhaltende Frage um Steichens Gefühle dem „Heimatland“ gegenüber, sowie gegebenenfalls der Stellenwert der Frauen, beziehungsweise ihr Einfluss auf das Schaffen des Fotografen.

Genau hier setzt Rosch Krieps an: Nach seinen Worten beschreibt dieses Buch „neben Steichens erstaunlichem Lebensweg vor allem die Geschichte derjenigen Frauen, die ihn und sein Werk bis hin zu ‚The Family of Man‘ prägten und inspirierten“. Ironischerweise hat die amerikanische Biografin Penelope Niven jedoch bereits in den 90ern ausführlich – und keineswegs abwertend – Steichens Beziehungen zu Frauen geschildert, einschließlich Mutter, Schwester, Ehefrauen und Geliebten …

Für den Leser beliebigen Geschlechts beginnt die Zeitreise jedenfalls am 27. März 1879 in Biwingen, am Roeserbann, wo eine junge Frau namens Maria Steichen-Kemp einem Knaben das Leben „schenkt“. Ein knappes Jahrhundert später wird die Asche des derzeit wohl berühmtesten „Luxemburgers“ um den Felsen „Topstone“ (Connecticut) gestreut.

Dazwischen liegt ein faszinierender Weg, welcher Krieps, ausgehend von Steichens Privatleben, in einer beeindruckenden Aneinanderreihung von Fakten beschreibt und durchaus zu vermitteln vermag. Der Informationswert ist unbestreitbar, wenn die Biografie auch sehr anekdotenhaft konzipiert ist. Darüber täuscht auch die emotionale Einbindung des Autors nicht hinweg.

Hinzu kommt, dass das Lob allgegenwärtig und zumeist überschwänglich ist: Von einer kritischen Vorgehensweise kann hier keine Rede sein. So erwischt man sich bei der Lektüre oft dabei, Stellungnahmen des Autors ganz einfach zu „übersehen“. Vielmehr wundert man sich über Krieps‘ Äußerung, Steichens zeitlose Botschaft an die gesamte Menschheit sei weitgehend unbekannt, zumal an keiner Stelle des gut 400 Seiten dicken Buches neue Erkentnisse zum offensichtlich humanistischen Drang des Kultfotografens offenbart werden. Leider verwirren auch die zahlreichen Themen- und Zeitsprünge, die daraus resultierende Unklarheit der Buchstruktur behindert so das gezielte Nachschlagen. Schade, denn genau mit dieser Eigenschaft hätte die „Steichen-Story“ auftrumpfen können …

Krieps‘ Steichen-Portrait ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten, „Traumfrau des Jahrtausends“, wird Steichen sozusagen über den Umweg „Mutter“ eingeführt. Im zweiten Teil, „Mütter der Menschheit“, wird er mit besonderem Augenmerk auf die Frauen seines Lebens behandelt. Die Idee ist durchaus interessant, doch seltsamerweise trägt das Buch den zweiten Titel „Er umarmte die Menschheit“. Da kommt doch die Frage auf, wieso der Autor es nicht ganz einfach „Er umarmte die Frauen“ benannt hat. Vielleicht, weil Edward J. Steichens Lebenswerk nicht „Family of Women“ heißt. Und das muss freilich einen Grund haben.

Edward Steichen: Portrait von Filmstar Gloria Swanson (Vanity Fair, 1924).

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Rosch Krieps: „Steichen-Story I+II“ – „Er umarmte die Menschheit“. Eigenverlag. Zu beziehen im Buchhandel oder durch Überweisen von 39 € auf das Postcheckkonto CCP LU27 1111 2152 1872 0000, mit dem Vermerk „Steichen“ und der Angabe der vollen Adresse des Käufers.

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