FRANKREICH: Konfrontation am Kanal

Noch nie saßen in Calais so viele Flüchtlinge fest – und kaum je war ihre Lage so verzweifelt.

Aus Darfur kommend, haben es Muhamad und Hassib bis nach Calais geschafft. Die Küste von Großbritannien bleibt für sie gleichwohl nahezu unerreichbar fern.

Regungslos liegen zwei Gestalten auf dem Grünstreifen hinter der Bushaltestelle. Afrikaner, mit jungen Gesichtern, vielleicht gerade volljährig. Einer trägt eine Mütze, der andere Kapuze, unter ihnen eine Decke. Sie schlafen, wie die Migranten hier eben schlafen, in den Parks, den Hauseingängen, draußen in den Dünenwäldern. Manchmal öffentlich, manchmal versteckt. Die Menschen in dieser Stadt kennen das längst. Zwei Migranten auf dem Boden, nichts dabei. Der Bus kommt. Die beiden Gestalten bleiben liegen. Alltag in Calais.

Ein Alltag, der bedeutet, dass jene, die von hier aus versuchen unentdeckt in, unter oder auf einem Lastwagen nach Großbritannien zu kommen, überall in der Stadt auftauchen: die Sudanesen und Afghanen, die Eritreer, Ägypter, und jetzt auch die Syrer. Weil so gut wie niemand von ihnen in Frankreich um Asyl anfragt, haben sie offiziell keinen Zugang zu Unterkunft oder Essen. Es gab Zeiten, da sah man sie kaum im Straßenbild. Doch jetzt sind es rund 1.500, so viele wie nie zuvor, die hier, an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals, hinüberwollen: zur Verheißung nach Jobs, Sicherheit, dem guten Leben, die der Mythos „UK“ den Gebeutelten noch immer bedeutet.

„Natürlich liegt das an den vielen, die in Italien ankommen“, sagt Philippe Wannesson, ein kräftiger Mann mit rotblondem Afro und Vollbart, der gegenüber der Bushaltestelle im Bahnhofscafé sitzt. Vor fünf Jahren kam er aus der Bretagne an den Kanal, um Transitmigranten zu unterstützen. Damit war er einer der Aktivisten der ersten Stunde. Wenig später fand in Calais ein No-Border-Camp statt, seither ist das antirassistische Netzwerk permanent vor Ort. „In Italien werden Migranten inzwischen nicht mehr festgehalten“, sagt Wannesson. „Sie können also schnell hierher gelangen. Aber es ist sehr schwer für sie, über den Kanal zu kommen, denn immer mehr Polizisten bewachen den Hafen.“

In diesem Herbst schlägt das Thema wieder einmal hohe Wellen an beiden Küsten. Die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, erwägt eine offizielle Anlaufstelle für Transitmigranten, was drüben in England sogleich heftige Proteste ausgelöst hat, weil man eine Signalwirkung befürchtet.

Und noch etwas Neues gab es zuletzt zu berichten: Anfang September überrannte eine große Gruppe Migranten einfach die Kontrollposten vor der Fähre, 80 Menschen gelangten an ihnen vorbei, liefen auf die Fähre zu. Ein paar schafften es auf das Schiff, als dieses abzulegen begann. „Logisch, dass sie es irgendwann einsetzen, dass sie so viele sind“, sagt Philippe Wannesson trocken. Seither weht ein Hauch von Melilla über den Hafen: Niemals zuvor waren die Migranten von Calais in die Offensive gegangen.

Die ständigen Polizeistreifen in der Stadt zeigen, wie blank die Nerven liegen. Und der weitere Verlauf des heutigen Tages ist nicht dazu angetan, die Situation zu beruhigen. Genau dort, wo am Mittag die beiden jungen Afrikaner schliefen, hat sich am frühen Abend eine Menschenmenge gebildet. Von der Brücke über den Kanal gehen die Blicke hinunter ans Ufer. Polizeitaucher in dunkelblauen Uniformen halten zwei weiße Laken in die Höhe. Dazwischen erkennt man einen knienden Kollegen, dessen pumpende Armbewegungen jemanden ins Leben zurückholen sollen.

Fragmente einer Geschichte kursieren derweil auf der Brücke: von zwei Sudanesen, die betrunken in den Kanal fielen. Von einem dritten, der hinterhersprang, sie zu retten, und dabei selber umkam. Oder, eine andere Variante: von einem Streit zwischen zwei Kontrahenten, wobei einer im Wasser landete und ertrank. Wie auch immer die Umstände waren: Der Tod des jungen Sudanesen ist jetzt sicher, denn all die Wiederbelebungsversuche nützen nichts. Aus dem nahe gelegenen besetzten Haus, wo der Ertrunkene wohnte, kommen in der Dämmerung immer mehr Bewohner schweren Schritts zur Brücke.

„Es war schon der dritte Tote in den letzten Monaten“, sagt Muhamad Ahmad am nächsten Tag. „Der erste fiel von der Achse unter einem LKW. Der zweite, ein Eritreer, ertrank beim Versuch, von außen in den Hafen zu schwimmen.“ Muhamad Ahmad, ein Kleidungshändler aus Darfur, ist Mitte zwanzig, „genau wie Musab“, der Mann, der im Kanal starb. Und auch er wohnt mit 300 anderen in dem großen Hof, der hier „Squat“ genannt wird, aber außer Graffiti an den meterhohen Mauern nichts mit dem zu tun hat, was man sich gemeinhin unter einem besetzten Haus vorstellt. Zelte und kleine Bretterbuden stehen auf dem Steinboden, hier und da wird über offenen Feuerstellen gekocht.

Seit einiger Zeit geht auch die rechtsradikale Gruppe „Sauvons Calais“ immer aggressiver gegen Migranten vor.

„Police not welcome“, steht auf einem Schild am Tor. Mit Stacheldraht haben No-Border-Aktivisten den Eingang gesichert. Zuletzt wurden im Sommer zwei Squats geräumt. Doch die Aufruhr-Polizei CRS ist nicht die einzige ungebetene Besucherin. Seit einiger Zeit geht auch die rechtsradikale Gruppe „Sauvons Calais“ immer aggressiver gegen Migranten vor. Im September griffen sie ein kleineres Squat mit Molotowcocktails an, wobei niemand verletzt wurde. Manchmal durchkämmen sie die Stadt nachts mit Fahrzeugen und jagen die Flüchtlinge, die bislang immer entkommen konnten.

„Le collectif de lutte contre l`immigration et les associations de pro-migrants“, nennt sich die Gruppe offiziell. Wie der Name verspricht, sind auch die privaten Organisationen, die in Calais Migranten unterstützen, Ziel der Übergriffe: Mehrere Antirassisten wurden in den letzten Monaten verletzt. Vor Ort zählt die Gruppe etwa 20 Aktivisten. Dazu kann sie auf die Unterstützung der identitären Bewegung Frankreichs zählen. Ein paar Hundert Teilnehmer kamen Anfang September, als „Sauvons Calais“ mitten in der Stadt gegen die Transitmigranten demonstrierte. Das Spektrum reichte von konservativen Bürgern bis hin zu Nazis.

Kein Wunder also, dass der Hof des Squat wie eine Festung aussieht. Gestern Nacht blieb Muhamad Ahmad hier, in seinem 20 Quadratmeter-Zelt am Rand des Geländes, das er sich mit zwölf anderen Sudanesen teilt. Am Abend hörte er die schlimme Nachricht vom Kanal. „Danach war ich deprimiert und traurig, und mir war nicht danach, zu versuchen, in einen Container zu gelangen.“ Vermutlich hätte er es ohnehin nicht geschafft. Früher gab es hier Migranten, die innerhalb weniger Nächte nach England gelangten. Doch wie viele in diesem Herbst ist auch Muhamad Ahmad schon zwei Monate in Calais. Im Hof drückt er im Vorübergehen jemand die Hand. „Ein Verwandter von Musab.“ Die Stimmung ist gedämpft.

Um sich aufzuheitern, geht Muhamad Ahmad am Nachmittag mit seinem Freund Hassib Adam in die Stadt. Beide kennen sich aus Darfur. Hier am Kanal trafen sie sich wieder. Sie steuern den Park im Zentrum an und setzen sich auf die Stufen eines Denkmals aus hellem Stein. „Calaisiens morts pour la France“, steht auf einer Mauer hinter ihnen. Auf der Straße steht ein Festzelt, und die heutigen Calaisiens drängen sich vor der Bühne, wo eine Band schnöden Rock spielt. Mehr als fünf Stunden wird es noch dauern, bis die Hilfsorganisation „Salam“ Essen verteilen wird. „Eine Mahlzeit am Tag“, sagt Hassib Adam mit leiser Stimme: „Wie ist das noch gleich mit den Menschenrechten?“ „Come together, right now“, tönt es von der Bühne.

Vor den französischen Fahnen hinter dem Denkmal hat sich eine Gruppe junger Männer niedergelassen. Sie trinken Bier aus Flaschen, die sie an der Kante des Monuments öffnen. Niemand nimmt Notiz von den Gestalten, von denen nun immer mehr auf den Stufen sitzen und das Fest aus der Entfernung beobachten. „Werden wir irgendwann einmal dort stehen, mit den Anderen?“, fragt Hassib Adam schüchtern, und weist auf die Bühne, wo die Band den nächsten Song anstimmt. Ein einziger der Migranten wagt sich vor und schenkt einem Kind einen gelben Luftballon. Zögerlich nimmt das Kind ihn an.

Am Abend kommt der Krieg in die Straßen von Calais. Jedenfalls ins schäbige Hafenviertel mit seinen rostroten Bordsteinen und den beigen Miethäusern, die quer über die Straßen gebaut sind. Vor einem türkischen Imbiss steht eine Gruppe Syrer und wartet auf die Inhaberin, die sie „Zouzou“ nennen. Zouzou, sagen sie, ist die Einzige hier, die ihnen erlaubt, ihre Mobiltelefone aufzuladen. Aber heute ist der Imbiss noch geschlossen, und so diskutieren die Syrer darüber, ob sich der Westen im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ mit Assad zusammentun sollte.

Niemand hier hegt Sympathien für die Islamisten, einer der Männer ist vor ihnen aus Raqqa entkommen. Aber das massenmörderische Regime Syriens, da sind sie sich einig, kommt als Partner nicht in Frage. Einer, der Tierarzt war vor dem Bürgerkrieg, erzählt, dass er einst bei der Free Syrian Army gekämpft hat. Einmal, sagt er, ließ er ein Auto hochgehen, in dem vier von Assads Offizieren saßen. „Die Hälfte von uns war bei der FSA, und die andere Hälfte unterstützte sie.“ Der Mann aus Raqqa dreht sich eine Zigarette. Was der alte Nachbar wohl sagen würde, wüsste er, wie nah der syrische Horror ihm gekommen ist? Ohne aufzublicken, geht er mit seinem Hund vorbei und verschwindet rasch in seinem Hauseingang.

Wer es unversehrt aus Syrien geschafft hat, riskiert nun am Kanal Kopf und Kragen. Um nah bei Hafen und Essensausgabe zu sein, schläft die Gruppe im Park oder auf der Straße. Keiner von ihnen, der dabei noch nicht Bekanntschaft mit Polizeiknüppeln oder Elektrotasern gemacht hat. Dem jungen Nasr schmerzt vom Draußen-Schlafen in jenen kalten, feuchten Nächten nun das Bein. Abderrahman, mit 42 der Senior hier, kann eigentlich über keinen Zaun mehr klettern, seit ihn letzte Nacht Polizisten von einem herunterzogen. Das Knie, auf das er stürzte, ist nun dick und tut bei jeder Berührung so höllisch weh, dass sich sein Gesicht unter dem freundlichen Schnurrbart verzerrt.

Und dann zeigt jemand ein Handy- Foto. Es zeigt eine rechte Hand, an der der Ringfinger fehlt. Auch er blieb am Zaun hängen. Das Foto entstand im Krankenhaus. Der Junge, dem jetzt ein Finger fehlt, stößt wenig später dazu. Er trägt einen dicken Verband, Mantel und Jogginghose, und lässt sich weiter nichts anmerken. Ab und an lacht er sogar über einen Witz. Nur dass er den Anderen zur Begrüßung das Handgelenk hinstreckt. Natürlich wird er es wieder probieren, so wie alle hier.

Einer der Syrer hat es sich in den Kopf gesetzt, vom alten Hovercraft-Terminal aus ins Hafenbecken zu schwimmen, vorbei an den Kontrollen, im letzten Moment, bevor die Fährklappen hochgehen. „Das Problem ist: Er kann nicht schwimmen“, erklärt der Tierarzt. „Wir haben ihm gesagt, er soll das nicht tun, doch er ist nicht davon abzubringen.“ Der Nichtschwimmer grinst entschuldigend, betont aber, dass es nur hundert Meter seien, und er sich außerdem mit einem Reifen über Wasser halten wolle. Seine rechte Hand spielt derweil mit einer Gebetskette. Vielleicht denkt er an den Polizisten, der jetzt mit Hunden dort postiert ist, seit die Idee Schule machte?

Tobias Müller ist freier Journalist. Für die woxx berichtet er vorwiegend aus Belgien und den Niederlanden.


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