VIDEOINSTALLATION: Unser Blick auf andere

Mit der Ausstellung „Behind the Invisibles“ entlarvt Sylvie Blocher unsere kulturellen Klischees.

Spiegelbild unserer eigenen Klischees …

Sylvie Blocher ist in Luxemburg en vogue, so scheint es. Gleich zwei Einzelaustellungen zeigen Werke der französischen Künstlerin. Im Mudam bespielt ihre Einzelausstellung „S’inventer autrement“ das gesamte Untergeschoss. Und während sie dort vor allem Gender-Grenzen auslotet, zeugen zwei Video-Installationen in der Galerie Nosbaum & Reding von ihrer Auseinandersetzung mit kulturellen Identitäten. Blocher hält uns und unserem Blick auf andere förmlich den Spiegel vor.

Seit Anfang der 1990er Jahre widmet sie sich Fragestellungen zur Konstruktion von Identität. Ihre Werke entstehen häufig in Zusammenarbeit mit Dritten, die sich vor der Kamera äußern oder agieren und so an ihren „Living Pictures“ teilhaben. Diese Serie entstand 1992, als die Künstlerin spontan beschloss, ihr Studio zu verlassen und sich „gefährlichem Material“ zuzuwenden: Menschen und ihre Identität sind seither der Gegenstand ihres Interesses.

Blocher stellt so unbekannte Personen vor die Kamera. Dabei betont sie, dass sie nicht als Voyeur hinter der Kamera steht, sondern dass sie die Personen vor der Kamera platziert und damit ihre Mimik sprechen lässt. Der Widerstand hiergegen und die Hemmungen, die sie vor der Kamera verspüren – mitunter auch der spontane Flirt mit der Linse – schaffen, so Blocher, einen Bruch: Ab einem gewissen Punkt spielen ihre Filmobjekte keine Rollen mehr sondern sind einfach sie selbst.

Als weiteres Projekt mit dieser Absicht drehte Blocher im August 2014 – als Beitrag zur 3. Biennale von Bahia – auf dem San Joaquim-Markt im brasilianischen Salvador einen 20-minütigen Film mit den HändlerInnen eines traditionellen Marktes. Hier, wo rituelle Kräuter, exotische Früchte, Götzenfiguren, rote Teufel, Fisch, Blumen, Fleisch und Musik verkauft werden, bilden die VerkäuferInnen ihren eigenen Mikrokosmos. In Blochers Film treten sie mit einem Gegenstand aus ihrem Sortiment vor die Kamera und posieren. „Sie kamen, brachten ihre Objekte wie sakrale Figuren im Mittelalter mit und wollten nichts repräsentieren, sondern schienen nur stolz in Erscheinung zu treten“, so beschreibt es Blocher. Der westeuropäische Betrachter jedoch ertappt sich dabei, wie er als Voyeur auf die Menschen sieht und an den Blicken hängenbleibt, die sie auf die Kamera richten. Westliche KunstliebhaberInnen prallen so auf Menschen aus einem anderen kulturellen Kontext. In ihrer Authentizität mutet ihre Aufnahme im Rahmen der Galerie fast kolonial an und erinnert entfernt an die Paradies-Liebe-Einstellungen des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl, insofern sie die europäischen BetrachterInnen mit ihren eigenen rassistischen Reaktionen konfrontiert. Die kulturelle Wahrnehmung einer Europäerin prallt so auf die kulturellen Codes der KunstliebhaberInnen.

Blochers zweite Videoinstallation in der Galerie Nosbaum, das Video „Couple“, erzählt aus dem Leben eines jungen Paares in Beijing und besteht aus zwei Videos: Auf der einen Seite des Raumes ist ein junger Mann zu sehen, auf dessen nackten Oberkörper nach und nach bunte Sticker aufgeklebt werden, auf der anderen Seite der Wand eine junge Frau mit Mundschutz, auf deren Hals in kurzen Abständen dorthin projizierte Stichworte erscheinen. Auch hier stellt sich ein Reflex der stereotypen Betrachtung – in diesem Fall auf AsiatInnen – ein. Der Blick auf beide Videoinstallationen verrät damit mehr über die kulturellen Klischees des Betrachters als über die gefilmten Menschen selbst. Auf einzelnen Tableaus an einer Wand liest man: „Les invisbles meurent; Les invisbles vivent, Les invisibles rêvent, Les invisibles nous regardent …“

Bis zum 10. Januar 2015 in der Galerie Nosbaum & Reding.


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