FOTOGRAFIE: Schwarzweiß ist Farbe

Auf den zweiten Blick politisch: Yvon Lambert schaut hinter Fassaden und fotografiert Tabus.

„Ein Pessimist, ist ein Optimist, der sich Fragen stellt.“
(Foto: Christian Mosar)

Grenze – das ist etwas sehr Komisches. Man zieht eine Linie durch eine Gegend und sagt hier liegt Luxemburg, da Belgien. Meine ganze Kindheit war Grenze. Damals bin ich mit dem Fahrrad immer zu meiner Oma nach Belgien gefahren.

Yvon Lambert ist ein Einzelgänger, ein Grenzgänger, ein Wanderer: Er ist Fotograf. Albanien, Belgien, Bosnien, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Japan, Laos, Mali, Marokko, Mazedonien, Rumänien, Russland, Spanien, Türkei, Ungarn, Vietnam… Der 49-Jährige, ein großer Mann – etwas schlaksig, mit rauer Stimme, erinnert sich sehr gut an jedes Land, das er bereist hat. Wie viele es genau waren, weiß er nicht. Wie viele Fotos er auf seiner letzten Reise nach Budapest gemacht hat noch weniger. Und wie viele Räume hat sein Haus, in dem er seit vier Jahren lebt und gerade erst anfängt den Flur zu tapezieren? „Keine Ahnung“, sagt er, schüttelt den Kopf und blättert die nächste Seite in seinem schwarzen Fotoalbum um – alles Bilder von Grenzen. Zahlen spielen für den Luxemburger keine Rolle, zumindest nicht mehr. 365 Tage am Stück in Luxemburg leben, das ist aber auf jeden Fall zu viel.

Luft – ist Freiheit. Denken können, was man will, machen können, was man will. Hätte ich noch ein Jahr länger als Ingenieur gearbeitet, wäre ich erstickt.

Was er will, weiß der Schüler Yvon Lambert lange Zeit nicht. Die Schule hasst er – zumindest alles nach der Primärschule – denn auswendig lernen macht für ihnen keinen Sinn. „Ich musste danach etwas Praktisches machen, deshalb habe ich Ingenieur im Baufach studiert“, erzählt er und kneift dabei die Lippen zusammen. Fast fünf Jahre arbeitet der Luxemburger in der Industrie und entwirft Pläne von Stahlhochöfen. Dann schmeißt er den Job hin: „Ich konnte diese Hierarchien und Regeln nicht mehr ertragen.“ Die Stimme des Fotografen ist hart.

Farbe – Schwarzweiß ist Farbe. Damit arbeite ich. Wenn man Farbfotos macht, muss man mit der Farbe auch etwas sagen. Das macht kaum einer. Farbfotos sind einfach in Mode. Graugrün ist die Landschaft, das Gras und die Erde sind von der Sonne verbrannt: ein Bild von Rumänien. „Hier spricht die Farbe. Hier sagt sie etwas aus, über die Zeit, über die Vergangenheit, über Kommunismus“, erzählt Yvon Lambert. Er gerät ins Schwärmen.

Seit der Hochzeit seines Bruders vor rund 25 Jahren in Transsylvanien trägt er solche Bilder in sich. Jahre später kehrt er als Fotograf in das Land zurück und verbringt viele Wochen mit den Menschen in ihren Dörfern, auf den Feldern. „Ich diskutiere mit den Leuten, schlafe bei ihnen und warte ab“, erzählt der Reisende. Mit der Zeit werde er durchsichtig. Und dann erst greift Yvon Lambert zu seiner Kamera. „Ich bin nicht pro Ceaucescu.“ Pause. „Mich interessieren die Menschen in Rumänien. Ihr Ziel ist nicht das Geld, sondern das Leben, Zusammenleben. Das gibt es in Westeuropa so nicht mehr.“ Mit den Fingern der linken Hand zupft er an seinem Haar. „Wenn ich kein Fotograf hier bin, dann möchte ich dort Bauer sein“, sagt er ganz spontan. Er meint es ernst.

Ecke – als Fotograf steht man oft in der Ecke. Ich habe mich als Kind schon oft so gefühlt. Ich war immer etwas abseits – vielleicht, um besser analysieren zu können.

Brüssel 1984: Das Licht spielt auf den verschneiten Hausdächern und der Rue Kerckx. Drei Passanten sind unterwegs. Um die Ecke in der Rue Gray ist alles dunkel, sie liegt noch ganz im Schatten.

Yvon Lambert hat eine Postkarte mit dem Foto schnell aus einer der unzähligen Schubladen in seinem Arbeitszimmer gefischt: „Ich fotografiere das Banale. Das sagt alles über die Menschen, über die Gesellschaft.“ Die Aufnahme der Straßenszene hat er während seines Fotografiestudiums in Brüssel gemacht. Das Bild und seine Stimmung – ein langsames Erwachen – mag er noch heute. Und das will bei Yvon Lambert was heißen. Denn der Mann ist Perfektionist. Alle Fotos hängt er in seinem Haus Probe. „Wenn etwas nicht zwei Tage hängen kann, ist es kein Foto“, sagt er.

Die Bilder aus Rumänien, seinem aktuellen Bildband, haben den Test längst bestanden, nach zwei Monaten schmücken sie noch sein Atelier. Sie sind anders als die Aufnahme aus Brüssel, nicht so geometrisch. „Ich mag gerade den Aufbau in diesem Bild.“ Der Fotograf zeichnet mit seinem rechten Zeigefinger verschiedene Dreiecke auf dem Foto nach. Vielleicht sei das der einzige Anknüpfungspunkt an seine Arbeit als Ingenieur. „Mehr ganz sicher nicht. Mein Fotografiestudium war für mich eine Erlösung.“

Licht – das bedeutet Leben. Fotografie ist ohne Licht gar nicht möglich. Je nachdem wie Licht auf ein Objekt fällt, verleiht es einem Foto Leben. Obschon es nur ein Moment ist. Fotografie ist Leben, aber immer auch Vergangenheit.

Yvon Lambert ist im Laos, in den Bergen. Drei Tage schläft er bei einem Ehepaar in der Hütte. „Dort ist so ein Moment voller Licht, eine ganz besondere Stimmung“, sagt er. Die Frau, Mitte 40, raucht die ganze Nacht Opium. Und ihr zehnjähriger Sohn sitzt dabei, jeden Abend. „Ich habe versucht mich in diesen Jungen zu versetzen. Er hat eine ganz andere Kindheit als ich sie hatte.“

Als der Luxemburger im selben Alter war, macht er eines seiner ersten Fotos: von einem Friedhof in Katalonien, Spanien. Mit einem alten Kodak-Apparat,“ an dem man nur zwischen Sonne und bewölkt wählen konnte“.

Bilder von den letzten Momenten im Leben macht Yvon Lambert gerade jetzt in Luxemburg, ein Auftrag der asbl für humane Sterbebegleitung Omega 90. „Aber die Arbeit stagniert. Hier gibt es überall Verbote“, sagt er. Die Luxemburger Mentalität ärgert ihn. „Die Menschen hier wollen sich verstecken. Tod ist tabu, auch das Gefängnis.“ 1987 hat er im Auftrag des Kulturministeriums in der Schrassiger Haftanstalt gearbeitet. Geplant war eine öffentliche Ausstellung – die platzte und wurde ins Gefängnis verlegt – für die Gefangenen. Heute kann er über diese Amtshandlung lachen: „Ich weiß nicht, was die von mir erwartet haben. Dass ich ein schönes Leben hinter Gittern zeige?“

Quelle – Es ist der Ort an dem etwas entsteht. Meine Quelle sind oft Autoren: Walter Benjamin, Franz Kafka, Peter Handke.

Mazedonien neben Ost-Deutschland, Reiseführer an Reiseführer: Das ist nur ein Regal in seinem Atelier. Rechts daneben hat Yvon Lambert ¬seinen Tempel«. Neben einer ebenholzfarbenen Tabakdose aus Laos liegt eine winzige Spieluhr mit einer Zeichnung einer Geisha aus Japan. Links daneben steht ein gerahmtes Foto aus Spanien: Eine alte Frau sitzt am Fuße einer Säule, auf ihrem Schoß ein kleines Mädchen. Davor stapeln sich Bücher.

Yvon Lambert greift erneut zu seinem Fotoalbum mit den Bildern, die er an Grenzen machte. ¬Das ist für mich Kafka«, sagt er und zeigt auf eine Aufnahme eines Pferdes, dessen Kopf durch die Bewegung verschwimmt.

Weihnachten 1996: Yvon Lambert ist zum Fotografieren in Britschko an der Grenze zu Kroatien. Plötzlich wird er von den Militärs festgenommen. Vorwurf: unerlaubtes Betreten des Grenzgebiets. „Es war schrecklich. Vier bis fünf Stunden saß ich in der Militäranlage fest, während die Militärs Whisky tranken“, erzählt der Fotograf und gießt sich ein Glas Wasser ein. Am Ende musste er sich seine Freiheit erkaufen.

Puzzle – Als Kind habe ich das nie gespielt. Aber heute mache ich welche mit meinen Fotos. In jedem stecken ganz viele Details. Zusammen erzählen sie eine Geschichte.

Wenn Yvon Lambert nicht fotografiert, tapeziert oder schwimmt, dann holt er tief Luft und träumt. „Und was machen Sie den ganzen Tag?“, fragt der Journalist Pierre Assouline den Fotograf Cartier Bresson. „Und was meinen Sie“, antwortet der. „Je regarde“, liest der 49-Jährige laut vor. Dann legt er das Buch aus der Hand. „Eine schönere Antwort kann man nicht geben.“

Yvon Lambert, Retours de Roumanie, photographies 1992-2003, textes des journalistes Mirel Bran et Tatiana Bran, 160 pages, 60 euros.


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