THEATER: „Es hat gejuckt zu spielen“

Marc-Sascha Migge spielt die unterschiedlichsten Rollen an verschiedenen Luxemburger Bühnen. Das Theater lässt den jungen Schauspieler nicht mehr los.

Ausprobieren als Devise: Bald wird Marc-Sascha Migge unter anderem in dem Stück „Héi ass et schéin“ von Jean-Paul Maes und in Martin McDonaghs „Der Kissenmann“ zu sehen sein.

Leidenschaft, Sehnsucht und gegenseitige Schuldzuweisung – davon handelt „Miss Sara Sampson“ von Gotthold Ephraim Lessing. Jean-Paul Maes hat das Stück, das vor fast 250 Jahren die TheaterzuschauerInnen zum Weinen brachte und mit dem Lessing die Tradition des bürgerlichen Trauerspiels begründete, entrümpelt und auf die Bühne des Kapuzinertheaters gebracht. Denn dass Liebesbeziehungen entstehen und sich wieder verlieren, kann nicht zeitloser sein. Leinwanddramen leben genauso davon wie Seifenopern.

Für Mellefont, die männliche Hauptfigur, sind Liebesbeziehungen vor allem Affären, die kommen und gehen. Mit seiner neuesten Flamme Sara Sampson ist er in einer heruntergekommenen Pension gelandet. Dort trifft er nicht nur Saras Vater und seine Ex-Geliebte Marwood, sondern auch den jungen Wirt der Absteige, mit dem er ebenso eine Liaison erlebt hat. Mellefont weist die zärtlichen Annäherungsversuche seines einstigen Liebhabers zurück. Schwul sein schickt sich wenig im 18. Jahrhundert, vor allem nicht im aufstrebenden Bürgertum. Fortan gehorcht also der Ex zwar weiterhin als Bediensteter, sein Gesichtsausdruck nimmt bisweilen jedoch bedrohliche Züge an. Still und Gefahr ausstrahlend geht er durch das heruntergekommene Etablissement, während es draußen regnet und das Wasser durch das undichte Dach in mehrere Eimer tropft.

Marc-Sascha Migge spielt den jungen Homosexuellen, eine Figur, die es in Lessings Stück aus besagten Gründen so nicht gibt. Zudem ist sie vielmehr eine Verschmelzung mehrerer Nebenpersonen des Stücks. Eine kleine, aber komplexe Rolle für einen jungen Schauspieler, der zurzeit häufig zu sehen ist an Luxemburger Theatern. „Es war das
erste Mal, dass ich einen Mann küssen musste. Das war zuerst gewöhnungsbedürftig. Aber letztendlich ist die Empfindung dieselbe. Liebe ist Liebe“, sagt der 26-Jährige. „Schließlich möchte ich viele Rollen spielen. Da nehme ich gerne jede Herausforderung an.“ Bislang hat Migge in der Tat ganz unterschiedliche Rollen gespielt. „In jeder Rolle erkenne ich etwas von mir selbst“, sagt er. „Erst einmal will ich alles ausprobieren“ könnte seine Devise lauten. Für einen jungen Schauspieler der beste Weg, Erfahrungen zu sammeln. Und auch eine Methode, sich nicht gleich von Anfang an auf einen bestimmten Rollentyp festlegen zu lassen.

Migge kommt zielstrebig aus dem Parkhaus auf die Place du Théâtre. Er setzt sich an einen Tisch vor der O-Bar und bestellt einen Kaffee. Geduldig lässt er sich fotografieren. Konzentriert beantwortet er die Fragen des Interviewers. Sein Blick ist ernst, doch schnell hellt sich seine Miene während des Gesprächs auf. Migge hat noch Zeit. Die Durchlaufproben zu „Miss Sara Sampson“ sind erst am Abend. Er spielt nicht zum ersten Mal unter der Leitung von Jean-Paul Maes. Bereits in dessen Inszenierung beim letztjährigen Act-In-Festival von Thorvaldur Thorsteinssons „And Björk of Course“ am Trierer Theater war er zu sehen. Und Maes‘ Ehefrau Eva Paulin hatte ihn ein halbes Jahr zuvor für Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“ entdeckt. Migge stand damals neben Maes auf der Bühne. Seine Arbeiten mit Eva Paulin zeigen ihn in den unterschiedlichsten Rollen: neben Michael Frayns „Kopenhagen“ am Escher Theater, unter anderem in André Links „De Keller“ als einen Fahnenflüchtigen, in Serge Tonnars „Talkshow“ als egoistischen, aggressiven Fernsehregisseur und in Claudine Munos „Speck“ als einen leicht autistischen Rockmusiker mit einem übergroßen Fuß.

Maes und Paulin sind zu Schlüsselfiguren in der noch jungen Karriere Migges geworden.

„Für das Act-In-Festival pendelte ich täglich zwischen Esch, wo ich bei Eva Paulin Proben hatte, und Trier, wo ich mit Jean-Paul Maes arbeitete“, erzählt er. Zu dieser Zeit traf ihn ein schwerer Schicksalsschlag: Seine Mutter erkrankte an Krebs und starb kurze Zeit später. Die beiden Premieren ihres Sohnes konnte sie noch sehen.

Bereits als Sechsjähriger stand Migge auf der Bühne des von seiner Mutter geleiteten Kindertheaters „De Kuckuck“ – und hatte später im Alter von zwölf einen kleinen Auftritt in einer Inszenierung von Frank Hoffmann. Darin spielten auch Pol Greisch und André Jung mit. „Ich kann mich noch genau erinnern. Ich kam zu einer Tür rein, als Pol Greisch dastand und mit jemandem einen Streit hatte“, schildert Migge seine Eindrücke von damals.

Als Jugendlicher lernte der Europa-Schüler Klavier und Trompete, ging zum Jazztanz- und Ballettunterricht und nahm Karatestunden. „Karate war das Einzige, was ich wirklich machen wollte“, sagt er. „Meine Eltern ließen mich viele Sachen ausprobieren.“ Nach dem Abitur hieß es dann doch erst mal studieren. Migge bekam einen Studienplatz für Biologie in Bonn. Doch parallel dazu bewarb er sich an Schauspielschulen. In Graz wurde er angenommen. Nach seiner Grazer Zeit klopfte er bei einigen Theatern an, unter anderem beim Berliner Ensemble. „Die sagten, ich solle erst mal Erfahrungen an kleineren Bühnen sammeln“, erzählt er. Nach seiner Rückkehr ins Großherzogtum bekam der 1978 in Luxemburg geborene Sohn eines EU-Beamten und einer Architektin schließlich kleinere Rollen beim Film und am Theater. Er sprach bei Christine Reinhold und Claude Mangen vor. „Die waren ganz angetan und fragten mich: „Hast du nicht Lust zu spielen“?, erzählt er. Eines seiner ersten Stücke war „Leben im Theater“ von David Mamet im Kassemattentheater. Zwischendurch arbeitete er beim Film und übernahm eine kleine Rolle in der Oscar-nominierten Samsa-Koproduktion „De tweeling“ von Ben Sombogaart.

Danach gefragt, ob er lieber im Film oder im Theater arbeiten würde, meint Migge: „Ich würde gerne beides machen, aber Theater ist für einen Schauspieler erst mal das Wichtigere.“ Fast wäre er wieder in Österreich gelandet – und zwar in Wien als Student der Theaterwissenschaft: „Mich hat es aber zu sehr gejuckt zu spielen.“ Als Schauspieler stelle er sich in den Dienst des Textes, sagt Migge, für den Theater vor allem gesellschaftskritisch sein muss. „Theater ist immer noch ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt er. „Doch leider gehen zu wenig Menschen ins Theater, insbesondere hier in Luxemburg.“ Um mehr junge Menschen anzulocken, sollten auch verstärkt jugendbezogene Themen gespielt werden. Schließlich setzt sich das Theater mit „ganz wesentlichen Gefühlen“ auseinander. So sei seine Rolle in „Miss Sara Sampson“ eine traurige Figur, die unter einer unerfüllten Liebe leidet. Ob er auch in einer Soap spielen würde? Nach einigem Zögern und einem Schluck aus der Kaffeetasse sagt Migge „Nein“ und lächelt. Dann doch lieber Lessing.


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