TANZ: Solo mit Piano

Zuerst kam die Musik. Dann entdeckte der ausgebildete Pianist Gianfranco Celestino seine Liebe zum Tanz. In „Solo con piano“ vereint er beide Leidenschaften.

Gianfranco Celestino

Zwei Männer stemmen den wuchtigen, pechschwarzen Flügel und bugsieren ihn aus dem Proberaum des Théâtre Danse et Mouvement hinaus in den Transporter. Ab jetzt wird Gianfranco Celestino nicht mehr im Tanzstudio in einem Hinterhof in der Straßburger Straße proben, sondern im großen Saal der Kulturfabrik in Esch. Und am heutigen Freitag ist es so weit. Seine erste eigene, abendfüllende Choreographie feiert Premiere.

„Solo con piano“ hat der gebürtige Italiener das Stück genannt, in dem er Tanz und Musik vereint. Die drei Wörter wirken wie eine Bestandsaufnahme seines bisherigen Werdegangs. Denn bevor der 33-Jährige Tänzer wurde, hat er viel Zeit allein mit seinem Klavier zugebracht.

Mit 17 übte er mit der Stoppuhr. „Wenn ich aufs Klo musste oder mir etwas zu essen holte, dann ließ ich das nicht als Arbeitszeit gelten“, erinnert er sich lachend und schüttelt den Kopf, als könne er sich in den besessenen Jugendlichen von damals nicht mehr hinein versetzen. In dem Alter sei man eben so, sagt er, „ganz oder gar nichts“. Seit seiner Kindheit gehört das Klavierspielen für ihn zum Alltag. Mit acht fragten ihn die Eltern – der Vater ist selbst Musiker -, ob er nicht Klavierunterricht nehmen wolle. Celestino wollte, und von da an wurde das Instrument zu seinem ständigen Begleiter. Mit elf schaffte er die Aufnahmeprüfung fürs Giuseppe-Verdi-Konservatorium in Turin, wo er auch sein Abitur machte.

Etwas fehlt immer

Zuerst hatte er es nicht in die engere Auswahl geschafft – die Schule nahm lediglich zehn BewerberInnen auf und landete auf Platz 13. Er war darüber nicht unglücklich, denn eine neue Schule bedeutete neue Gesichter, ungewohnte Umgebung, raus aus dem bequemen Alltagstrott. Doch dann sprangen drei SchülerInnen ab und Celestino war drin. Er folgte dem vorgezeichneten Weg fast schlafwandlerisch, erst in der Pubertät begann er sich Fragen zu stellen darüber, ob Musik wirklich sein Ding sei. „Es wurde zur Routine“, sagt er, „und besonders in der Kunst darf das eigentlich nicht so sein.“ Und er kam für sich zu dem Schluss: „Wenn du das tun willst, dann aber richtig.“

Celestino stürzte sich in die Arbeit, machte seinen Abschluss und ging nach Mailand, um drei Jahre lang bei Bruno Canino sein Spiel zu perfektionieren. Durch seine damalige Freundin – eine Tänzerin – kam er zum ersten Mal mit dem Tanz in Berührung. Vorher hatte er sich eigentlich nie dafür interessiert, war nie in einem Ballett gewesen. Als sie nach ihrem Studium nach Ungarn ging, um dort in einer professionellen Tanzkompanie zu arbeiten, folgte er ihr. Dort spielte er seine ersten und einzigen Konzerte als Pianist. Aber die ganze Zeit „hat der Tanz in meinem Kopf gekocht“, wie er sagt. Hin und wieder mischte er mit, wenn seine Freundin mit ihrer Truppe probte.

Neuanfang

Und dann wurde ihm bewusst, was ihm immer gefehlt hatte: die Zusammenarbeit mit anderen. „Ich hatte mein halbes Leben allein mit meinem Instrument in einem engen Zimmer verbracht.“ Wenn Celestino vom Klavierspielen spricht, dann mimt er die Bewegung der Finger auf der Tischkante. Ganz winzige Gesten, die Arme eng am Körper, als wolle er unbewusst zeigen, wie eingeengt er sich fühlte. Es fällt nicht schwer ihm zu glauben, wenn er sagt: „Ich merkte, dass ich nicht zum Konzertpianisten geschaffen war.“ Er ist quirlig, sitzt sichtlich ungern still, gestikuliert. Tanzen erschloss sich ihm plötzlich als ideale Ausdrucksform, um seine Körperlichkeit auszuleben.

Damals war er bereits 25. Ziemlich spät, um noch einmal ganz von vorne anzufangen. Es habe ihn ermutigt zu sehen, dass in der professionellen Truppe einige Tänzer – vor allem Männer – in kurzer Zeit ein beachtliches Niveau erreichen konnten. Während einer Reise zurück nach Italien fasste er den Entschluss umzusatteln. „Ich spürte es so stark, dann musste es wohl das Richtige für mich sein“, sagt Celestino.

Ausbilden ließ er sich in der Folkwang Hochschule in Essen. „Das ist keine Akademie“, betont er, „sie achten bei der Aufnahme nicht so sehr auf dein Vorwissen, sondern mehr auf deine Ausdrucksmöglichkeiten.“ 300 BewerberInnen tanzten vor, er gehörte zu den 20, die angenommen wurden. Die Eltern waren zuerst nicht begeistert über die neuen Karrierepläne ihres Sohnes. „Du hast doch studiert, warum musst du jetzt noch einmal von vorne anfangen?“ Aber sie zeigten schließlich Verständnis und finanzierten sogar einen Teil des Studiums. „Ich hatte eine rosa Kindheit“, betont er, „ich bin meinen Eltern sehr dankbar für die Möglichkeiten, die sie mir geboten haben.“ In Essen tauchte Celestino nicht nur in die sehr lebendige Kunstszene ein, sondern lernte auch viele MitstudentInnen kennen, die aus zerrütteten Familienverhältnissen kamen. „Ich war mir dieser Probleme vorher überhaupt nicht bewusst“, erklärt er, „es hat mich sehr geprägt zu sehen, wie stark diese Menschen sind.“

Während des Tanzstudiums erlebte er den Zusammenhalt, nach dem er sich früher gesehnt hatte. Besonders unter den Tänzern sei die Solidarität größer gewesen als das Konkurrenzdenken. Da viel mehr Frauen Tänzerin werden möchten, muss sich die Einzelne stärker durchsetzen. „In der Schule beträgt das Verhältnis zwischen Frauen und Männern 80 zu 20 Prozent“, sagt Celestino. Im Beruf jedoch – besonders im zeitgenössischen Tanz – seien beide Geschlechter gleichermaßen gefragt.

Gute Aussichten also und tatsächlich hatte er gleich nach seinem Abschluss das erste Engagement. Am Tag nach seiner Abschlussfeier setzte er sich in den Zug nach Luxemburg, um im Musical „West Side Story“ mitzuwirken, das 2000 bei den Wiltzer Festspielen aufgeführt wurde. Dort lernte er VertreterInnen der Asbl Maskénada kennen. Dem Künstlerkollektiv ist er bis heute treu geblieben. Maskénada unterstützt unter anderem auch sein aktuelles Programm „Solo con piano“. Nach verschiedenen Zwischenstopps in Deutschland und in Belgien bei der Tanzkompanie „Les Ballets C de la B“ kam er 2002 zurück nach Luxemburg. Hier verdiente er sich vor allem als Tanzlehrer im hauptstädtischen Konservatorium und stellte erste eigene Choreographien vor, zum Beispiel „Shqrurx“ in Zusammenarbeit mit der Videokünstlerin Tanja Frank und dem Soundbastler Emre Sevendik.

Begeistert von eben diesem Spektakel bot Serge Basso de March, Direktor der Kulturfabrik, Gianfranco Celestino an, ein eigenes Programm auszuarbeiten. Der kramte in seinen Erinnerungen und so entstand „Solo con piano“. Ist er nach jahrelangem Streben nach Teamarbeit doch wieder auf dem Egotrip? Nein, er arbeite nicht allein, betont er. Unterstützung bekommt er wieder von Musiker Emre Sevendik, der sich Kompositionen rund um Celestinos Klavier-Improvisationen ausgedacht hat. Und Sängerin und Schauspielerin Sascha Ley ist als „oeil extérieur“ mit dabei.

Als Pianist sieht sich der Künstler mittlerweile nicht mehr. Vielleicht würde er gerne mal einen Ausflug in den Jazz versuchen. Aber nicht im Alleingang. „Wer allein arbeitet, der führt unter Umständen nur einen Dialog mit seinem eigenen Gehirn“, sagt er.

„Solo con piano“, Musik und Tanz, diesen Freitag, den 18. und und Samstag, den 19. März um 20 Uhr in der Kulturfabrik in Esch-Alzette und am Sonntag, dem 20. März um 20 Uhr im Kulturhaus in Mersch.


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