FOTOGRAFIE: Röntgenblick

von | 22.04.2005

Sind wir alle nur Marionetten und ist das Leben nichts als eine gigantische Kulisse? Die junge Fotografin Jessica Theis wirft einen Blick hinter die Fassaden.

Zur Abwechslung vor der Linse: die Fotografin Jessica Theis.

Ein gemĂĽtlich-altmodisches Wohnzimmer mit einem dunkelgrĂĽnen Stoffsofa. An der Wand hängen bunte Ă–lgemälde. Auf dem Tisch mit dem weiĂźen Spitzendeckchen liegt ein StĂĽck Alufolie. Eine ältere Dame sitzt nach vorne gebĂĽckt – sie zieht sich eine Linie Koks in die Nase.

Kein Sorge, das Foto aus Jessica Theis‘ Serie „Generationen“ ist nicht echt. Die Dame saĂź lediglich Modell fĂĽr die Abschlussarbeit der 24-jährigen Fotografin. „Ich habe sie nach einer Theatervorstellung kennen gelernt“, erzählt Theis. „Sie ist ein Unikat. Schon ĂĽber achtzig, raucht wie ein Schlot und geht jeden Tag auf die Piste.“ Trotzdem hatte sie nicht so richtig verstanden, was die Studentin eigentlich von ihr wollte. „Sie hat einfach mitgemacht.“

FĂĽr „Generationen“ wollte Theis allgemeine Vorurteile und Klischeevorstellungen ĂĽber Alt und Jung hinterfragen. Auf einem der Bilder hockt ein Mann in Anzug und Krawatte auf einer Kletterburg, klammert sich an einen Teddybär und lutscht am Daumen. Oder: Ein Punk mit Irokesen-Schnitt strickt in einer makellos weiĂźen Wohnlandschaft.

„Seit zwei oder drei Jahren inszeniere ich Aufnahmen komplett“, sagt Theis. Jedes Detail werde bewusst eingesetzt, auch wenn es den Betrachtern auf den ersten Blick wahrscheinlich nicht auffällt. Vor jedem Shooting sondiert die Luxemburgerin erst einmal das Terrain. Sie sucht die richtigen Gesichter und die entsprechende Umgebung. „Ich möchte in meinen Bildern vor allem Geschichten erzählen.“

Von analog bis digital

Ihre Arbeit spricht Bände, Theis selbst aber erklärt sich nicht gerne. Unauffällig ist sie, zurĂĽckhaltend, aber nicht schĂĽchtern. Nach ihrem Werdegang befragt, rekapituliert sie nĂĽchtern die Etappen. Ihre Liebe zur Kamera entdeckte sie mit 15. Der Auslöser war ein Text ĂĽber Fotografie, der im Deutschunterricht behandelt wurde. „Vorher hatte ich mich nie wirklich mit diesem Thema beschäftigt“, sagt sie. Zwei Tage später kaufte sie sich eine Spiegelreflexkamera und knipste zunächst alles, was ihr vor die Linse kam. Sie machte in den Ferien Praktika bei verschiedenen Fotografen, unter anderem auch bei Jean-Pierre Kieffer, in dessen Brideler Studio „Objectif Lune“ sie zur Zeit als Assistentin arbeitet.

Von der katholischen Privatschule Fieldgen wechselte Theis nach der 3e ins Michel Rodange, weil es dort eineKunstsektion gab: „Den SchĂĽlern die Fotografie studieren möchten, wird auf dieser Sektion eigentlich nicht viel geboten.“ Dort steht die Bildende Kunst im Mittelpunkt und die meisten SchĂĽlerInnen wollten auch diese Richtung einschlagen. Anders Theis. Sie stellte auf eigene Faust eine Mappe zusammen und wurde in Stuttgart Studiengang „Foto und Design“ angenommen. Der Andrang von BewerberInnen war und ist noch immer groĂź, in Deutschland gibt es reichlich fotobegeisterten Nachwuchs.

Obwohl die Digital-Fotografie seit einigen Jahren mächtig auf dem Vormarsch ist, wurde in Stuttgart vor allem analog gearbeitet. „An der Schule gab es keine Digitalkamera“, erinnert sich Theis. Aber eigentlich sei die Vorgehensweise, ob analog oder digital immer die gleiche. Die technischen Kenntnisse was zum Beispiel Licht angeht, mĂĽsse man sich in jedem Fall aneignen. Seit einem Jahr arbeitet Theis ausschlieĂźlich mit einer Digitalkamera. Es gefällt ihr, dass sie dank dieser Technik alle Arbeitsschritte selbst kontrollieren kann. „Ich bin auf kein Laboratorium angewiesen und gebe meine Fotos nicht mehr heraus, bevor sie nicht vollkommen fertig sind.“ Beschleunigt habe sich der Entwicklungsvorgang jedoch nicht, betont sie. Auch wenn es so scheint, als könne man digital einfach drauflosknipsen, verbringt die Fotografin jetzt eher mehr Zeit mit ihren AbzĂĽgen als sonst. „Das Verarbeiten am Computerschirm ist sehr aufwändig.“

Kunst und Kommerz

FĂĽr ihre erste individuelle Ausstellung, die heute in der Galerie B/C2 in Bettemburg eröffnet wird, ist sie der „inszenierten“ Fotografie treu geblieben. „PuppengeflĂĽster“ nennt sie ihre Porträtserie. Sie hat ein Modell vor immer wechselnde HintergrĂĽnde platziert. „Es geht um die Frage, ob der Mensch lediglich eine Marionette ist oder ob es so etwas wie den freien Willen tatsächlich gibt.“ Als Leitmotiv hat sich Jessica Theis einen Satz von Schopenhauer ausgesucht: „Der Mensch kann wohl tun was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“

Die Betreiber der B/C2 haben die Fotos noch nicht gesehen. „Ich bot ihnen dieses Konzept an und sie stimmten zu“, sagt sie. The’d Johanns und Jean-Pierre Seil von der Galerie lassen den AustellerInnen freie Hand. Ganz einfach war es nicht, sich als junge KĂĽnstlerin ein erstes Mal der Ă–ffentlichkeit vorstellen zu können. Vor zwei Jahren hatte sie in Bettemburg schon einmal mit ihrer Mappe angeklopft – und wurde kurzerhand auf die Warteliste gesetzt. Die ist offensichtlich ziemlich lang, denn erst jetzt klappt es mit einer eigenen Ausstellung. Da die Galerie immer zwei KĂĽnstlerInnen vorstellt, teilt sich Jessica Theis den Ausstellungsraum mit dem Bildhauer Georg Janthur. Die B/C2 sei eine der wenigen Einrichtungen, die ihre Räumlichkeiten auch unbekannten KĂĽnstlerInnen zur VerfĂĽgung stelle, betont sie.

Immerhin ist eine Galerie auch darauf angewiesen, dass die AusstellungsstĂĽcke Käufer finden. Theis allerdings macht sich in der Hinsicht keine allzu groĂźen Hoffnungen. „Ich glaube nicht, dass ich etwas verkaufen werde.“ Nur von ihrer Kunst zu leben, kann sie sich ohnehin nicht vorstellen. „Schön wär’s, aber in Luxemburg wahrscheinlich nicht möglich.“ Vor allem, weil sie es erst einmal langsam angehen möchte: „Ich könnte nicht zwei Ausstellungen pro Jahr ausarbeiten.“ Ein neues Konzept reift nur langsam heran. Wer zu viel will, wiederhole sich letzten Endes nur noch.

In der Zwischenzeit fĂĽllt die Arbeit als Assistentin sie voll und ganz aus. Auf ihrem Terminplan stehen Auftragsarbeiten fĂĽr die Kunden des Fotostudios, vor allem Einzel- oder Familienporträts. „Ich möchte im Job genau so viel Einsatz zeigen wie bei meinen persönlichen Projekten“, sagt sie. „Es ist einfach der Prozess des Fotografierens, der mich immer wieder fasziniert.“ Schon bald möchte sie sich selbstständig machen und hofft, dass die Rechnung am Ende aufgeht.

Als provozierend empfindet Jessica Theis ihre Arbeiten eigentlich nicht. Die koksende Oma habe zwar bei der Gruppenausstellung des Luxemburger Fotografen Kollektivs „Photon“ fĂĽr Aufregung unter den BesucherInnen gesorgt, aber das war nicht die eigentliche Absicht der KĂĽnstlerin. Auch wenn sie eine junge Frau zeigt, die vor einer KloschĂĽssel kniet und sich den Finger in den Rachen steckt. „Normal Nice Neighbours“ heiĂźt diese Serie, die zeigen soll, dass uns die sogenannten Randgruppen und ihre Probleme oftmals näher sind, als wir glauben. Warum sie gerade diese Themen aufgreift – darauf antwortet sie nicht – als fĂĽrchte sie, den Bildern ihre Wirkung zu nehmen. „Mein Ziel ist es nicht provokante oder nette Fotos zu machen“, betont sie, „ich habe etwas zu sagen und das drĂĽcke ich einfach aus.“

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