MUSIK: Songs of Zarathustra

Nachdem sich die einst erfolgreiche Band Actarus aufgelöst hat, gibt es nun zwei erwartungsvolle Newcomerbands: Treasure Chest at the End of the Rainbow und Mutiny on the Bounty.

Acht verlorene Seelen leben ihren Traum. Sie träumen von Weltfrieden, von Toleranz und der Revolution der Harmonie. Kindlich-seelige Utopie? Oder der letzte Rettungsanker in einer Welt, die täglich ein Stück weiter aus ihrer Bahn gerät? Zwei lokale Nachwuchsbands, Treasure Chest at the End of the Rainbow und Mutiny on the Bounty, stellen in ihren Lyrics nicht nur anthropologische Fragestellungen in den Raum, sondern kritisieren auch aufs Schärfste die Kommerzialisierung der Musik. Dabei sehen sie sich gerne von einer Lost-Riff-Generation umgeben: „Im Radio hören wir täglich konventionelle Musik, die ausschließlich aus Tonwiederholungen besteht. Von Bedeutung ist nur noch irgendeine halbfertige Melodie unter einer poppigen Gesangslinie. Geht es bei Musik nicht auch darum, wie man seine Finger um etwas bewegt, das all diese Töne hervorbringen kann?“, beklagt Claudio Pianini, Gitarrist und Sänger der Band Treasure Chest at the End of the Rainbow, gleich am Anfang des woxx-Gespräches, indem unter anderem die gemeinsame Veröffentlichung mit Mutiny on the Bounty und die anstehende Tour nach Kanada und in die Vereinigten Staaten zur Sprache kamen.

Die viel zitierte Offenheit gegenüber verschiedenen Musikrichtungen manövriert sich aus dem Windschatten der Lippenbekenntnisse, sobald die Musiker aufzählen, was sie zuletzt nach ihren Proben gehört haben: Stephen Malkmus, Cinemechanica, Mock Orange, The Fall of Troy, Honey For Petzi, The Mars Volta oder gar Sigur Ros. Treasure Chest at the End of the Rainbow scheint sich weit von der Vorgängerband Actarus abgewandt zu haben. Postrock- Songstrukturen bekommt das Publikum nur noch selten zu hören. Stattdessen: fast meditative, hypnotische, nahezu beschwörende Tunes, die eher im Postpunk als im Postrock, eher im Art-Rock als im Indierock wieder zu finden sind. Mutiny on the Bounty hingegen drücken ihre Wut und Verzweiflung in einer wahren Meuterei von Gitarrenausbrüchen und chaotischen Noiserock-Parts aus, die ungemein an At the Drive-In erinnern. Extrovertiert, introvertiert, desillusioniert, in jeder Bewegung kaum orientiert. Mit präziser Kontrolle über die leisen Töne und mit ungemeiner Sensibilität verführt die Band ihre Instrumente dennoch zu bravourösen Klängen. Ihr Spiel ist so persönlich, die Statements sind so ansprechend und klar, dass es schwer fällt, nicht genau hinzuhören.

Eine Erklärung für die gemeinsame Veröffentlichung einer Platte gibt es im Grunde nicht. Alle Bandmitglieder kennen sich bereits seit Jahren, haben früher gemeinsam in diversen Bands gespielt und so haben sie eines Tages beschlossen, gemeinsam eine Split-CD zu produzieren, auf der jede Band mit vier Songs vertreten ist. „Es ist sicherlich von großer Notwendigkeit, ein Endprodukt seines Schaffens in den Händen zu halten, das uns dabei hilft, Möglichkeiten für Konzertauftritte im Ausland zu erhalten und warum also nicht eine Platte mit einer zweiten lokalen Band teilen, um so auch diese im Ausland zu promoten?“, so die Argumentation von Max Nilles, Schlagzeuger bei Treasure Chest at the End of the Rainbow.

Die gemeinsame Veröffentlichung übertrifft alle Erwartungen. Den Auftakt machen Treasure Chest at the End of the Rainbow. Zu hören sind spontane, zugleich verträumte (so wie es auch der Bandname auszudrücken vermag) und energiegeladene Songs mit vertrackten Strukturen. Der mehrstimmige Gesang überzeugt durch melodische Vielfalt und kraftvolle Emotionalität. Mal fließen die Klänge langsam ab, hinterlassen einen glänzenden, leicht gekräuselten Teppich auf dem Boden, dann bilden sie reißende Springfluten, die bereits wenige Sekunden später verebben. Überhaupt ist die gesamte Platte in steter Bewegung, wogt hin und her, löst einst geschaffene Songstrukturen wieder auf und füllt alles mit erhabener Musik. Mutiny on the Bounty experimentieren mit den verschiedensten Musikrichtungen. Die Band tobt sich in vier Stücken musikalisch aus, dies in einer durchaus gefälligen, dennoch leicht chaotischen Art und Weise, die wohl jeden Musikliebhaber zu fesseln weiß.

Aufgenommen wurde die Scheibe in der Escher Kulturfabrik von den sagenhaften „Fantastic Four“ (Philippe Matge, Tom Gatti, Yves Melchior und Dirk Mechtel) – eine Gruppe von vier jungen Soundkünstlern, die jede freie Minute ihres Lebens damit verbringen, hinter Reglern zu sitzen und Mikrophone in die ideale Position zu schieben, um so einen möglichst warmen Klang für die Aufnahmen zu erzeugen.

In einer Zeit, in der die Vorherrschaft konzeptioneller Musik über gutem Songwriting einen Punkt erreicht hat, an dem selbst Indiebands mit halbfertigen Ideen Erfolg haben, kommen in Luxemburg also zwei Bands zum Vorschein und werfen eine unheimlich fingerfertige und versierte Platte auf den Markt. Sie wird von zwei internationalen Labels vertrieben, in Kanada und in den Vereinigten Staaten von New Romance for Kids Records und in Skandinavien von Guided by Format. Nur in Europa sind die Bands für die 1.000 gepressten Exemplare in Form des Digipacks noch auf kein Verteilernetz gestoßen. „Die Platte wird in Europa voraussichtlich von uns selbst vertrieben – jedoch in der Hoffnung, eines Tages auch hier ein Label zu finden, das von unserem Schaffen und unserem Ehrgeiz überzeugt ist“, so die Worte von Sacha Schmitz, der seine Kreativität gleich in beide Bands einfließen lässt.

Am 14. September wird Treasure Chest at the End of the Rainbow eine dreiwöchige Tour nach Kanada und in die USA antreten. Ermöglicht wurde ihnen diese Reise durch ihr kanadisches Label New Romance for Kids, wo sie, gemeinsam mit der einheimischen Band Dischord of a Forgotten Sketch in Städten wie Montreal, Toronto, Ottawa und New York Konzerte spielen. „Dies ist eine wundervolle Chance für uns alle, für die Band, für uns persönlich und es ist die ideale Gelegenheit, Musik aus Luxemburg zu exportieren und für andere Menschen zugänglich zu machen.“, erklärt Paul Bradshaw, Gitarrist der Band. Finanziert wird die Tour (ca. 1.000 Euro pro Kopf) ausschließlich von der Band selbst, jedoch erhoffen sie sich finanzielle Unterstützung von diversen Kulturinstitutionen. Somit haben also auch Treasure Chest at the End of the Rainbow, ähnlich wie Do Androïds Dream of Electric Sheep?, die vor einigen Wochen durch Großbritannien tourten, bewiesen, dass sie bereit sind, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und den Versuch wagen, sich eigenständig im Ausland zu etablieren.


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