THEATER: Physiognomie der Macht

Jeroen Willems, Galionsfigur des niederländischen Theaters, steht zum ersten Mal in Luxemburg auf der Bühne.

Furiose One-Man-Show: Jeroen Willems schlüpft in fünf verschiedene Rollen. (Foto: NTGent)

Die Party ist vorbei. Zurück bleiben die Spuren eines dekadenten Gelages und eine Handvoll Gäste, die bei aller Verschiedenheit eines gemeinsam haben: Sie stehen auf der Sonnenseite der Macht. Der etablierte Intellektuelle, der souverän grinsende Geschäftsmann, der einflussreiche Politiker und der scheinheilige Kriminelle, sie alle haben ohne Rücksicht auf Verluste Karriereleitern erstiegen. Mit der Arroganz von Menschen, denen niemand etwas anhaben kann, plaudern sie aus dem Nähkästchen und geben den Blick frei hinter den Schleier der Rechtschaffenheit. Und hier verbirgt sich der pure Machthunger.

Die Textvorlage zum Stück „Zwei Stimmen“, das am 27. und 29. September sowie am 1. Oktober im Studio des Grand Théâtre aufgeführt wird, lieferte ein sehr ungleiches Traumpaar: Texte von Pasolini, dem begnadeten Autoren und Filmregisseur, der seiner Zeit die italienische Öffentlichkeit wie kein zweiter schockierte und mit provozierenden Essais in Atem hielt, treffen auf zusammengeklaubte Auszüge aus Reden von Cor Herkströtter, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Shell, der sich wohl bestens auskennen wird in den Hinterzimmern der Machthaber oder, prosaischer ausgedrückt, auf den Chefetagen multinationaler Konzerne.

Doch das eigentliche Highlight der Aufführung liefert die Besetzung. Auf der Bühne steht nämlich kein Geringerer als Joeren Willems, der längst als einer der besten Schauspieler Europas gehandelt wird. Mit den bedeutendsten Regisseuren, die die Theaterlandschaft zur Zeit aufzuweisen hat, hat er bereits zusammen gearbeitet, darunter Johan Simons, langjähriger künstlerischer Leiter des Theaterkollektivs ZT Hollandia und neuer Intendant des NTGent, der auch bei Zwei Stimmen Regie führt, und Christoph Marthaler, dem zur Starikone avancierten Gastregisseur an der Berliner Volksbühne. Auch außerhalb Europas fanden Willems Auftritte, die ihn ebenso nach New York wie nach Sankt Petersburg führten, Beachtung. Sein Schauspiel wurde mehrfach ausgezeichnet. Gleich zweimal gewann er den Louis d’Or, den wichtigsten niederländischen Theaterpreis. Zum ersten Mal wird Willems nun an einem luxemburgischen Theater auftreten.

In „Zwei Stimmen“ steht Jeroen Willems ganz allein auf der Bühne. In einer grandiosen One-Man-Show stellt er sämtliche Protagonisten dar. Durch an sich geringfügige, aber prägnante Veränderungen von Mimik und Körperhaltung, von Tonfall und Dynamik gleitet er mit verblüffender Virtuosität von einer Rolle in die nächste.

Kein Lehrstück

Die künstlerische Herausforderung, der er sich stellt, ist enorm. Der Reiz des Stückes liegt gerade in der extrem heiklen Gratwanderung zwischen zwei Gefahren: einem Mangel an Abstraktion einerseits und dem drohenden Abrutschen ins Klischeehafte andererseits. Seine subversive Wirkung als moderne Parabel, als gesellschaftlicher Spiegel kann das Stück nur entfalten, wenn die Protagonisten nicht als konkrete Einzelfälle dargestellt werden, sondern als überpersönliche Typen. Nicht der Betriebsvorstand von Shell steht unter Beschuss, sondern die Strukturen eines auf Profitsteigerung ausgerichteten kapitalistischen Systems. Das Einzelschicksal interessiert nur, insofern es den Regelfall verkörpert. Da lauert natürlich die Gefahr, dass die Aufführung zu einem holzschnittartigen Lehrstück brechtianischer Manier verkommt. Doch dank Willems‘ sinnlichem und konturreichem Spiel drohen die Figuren nie zu bloßen Stereotypen zu verblassen.

Willems selbst empfindet „Zwei Stimmen“ als sein Paradestück, als eine Art persönlichen Durchbruch: „Mehr als irgendein anderes Stück hat ‚Zwei Stimmen‘ mir das Gefühl gegeben, dass ich als Schauspieler Theater entscheidend mitgestalte. Die Thematik kommt dem am nächsten, was mich persönlich beschäftigt und worüber ich sprechen möchte.“ Doch es liegt ihm fern, das Publikum mit einer Botschaft belehren zu wollen. Er will die Menschen lieber mit Fragen als mit einer Antwort nach Hause gehen lassen. Die politische Haltung ist bei Willems keine Pose: „Ich denke, wir sollten alle mehr Verantwortung übernehmen und nicht alles akzeptieren, was uns vorgesetzt wird. Manchmal glaube ich, der Kapitalismus entwickelt sich fast in Richtung eines finanziellen Faschismus.“

Politisch engagiertes Theater war stets ein Markenzeichen der Hollandia-Gruppe, der Willems sich bereits 1988 anschloss, ein Jahr nach dem Abschluss seines Studiums an der Schauspielschule Maastricht. Was er spielen wollte, wusste er damals noch nicht. Seine Rollen wählte er eher intuitiv aus. Aber für ihn stand fest, dass er mit Johan Simons arbeiten wollte. Sechzehn Jahre fruchtbarer Zusammenarbeit folgten. An Simons bewundert Willems, dass dieser sich nie festlege, dass er immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen sei. Sie hätten viel experimentiert in dieser Zeit. In ihren Anfängen ist das Hollandia-Kollektiv nicht in traditionellen Theatern aufgetreten, sondern in Wohnungen, stillgelegten Fabriken und Hühnerställen. Sie wollten das Theater zu Menschen bringen, die sonst nie ins Theater gehen. Ganz ging die Rechnung nicht auf: Im Publikum saß, anstatt der Bauern, doch meistens die eingeschworene Fangemeinde aus Amsterdam, die der Truppe in die entlegensten Dörfer hinterher reiste. Vor Aufführungen in institutionalisierten Theaterhäusern, in denen Realitätsbezüge gekappt und Schauspieler und Publikum gleichermaßen der Wirklichkeit enthoben werden, ist Willems bis heute ein Rest an Skepsis geblieben. Die Konstruktion von solchen Kunstwelten empfindet er als Täuschung.

Mit der Auflösung von ZTHollandia geht nun auch für Willems eine Epoche zu Ende. Nach zwanzig Jahren beim Theater sucht er nach neuen Herausforderungen und plant, sich verstärkt dem Film zuzuwenden. Bereits in den letzen Jahren habe er an diesem Medium geschnuppert. Ein ziemliches Understatement: An der Seite von Hollywoods Elite war er in Steven Soderberghs „Ocean’s Twelve“ zu sehen. Auch hat er angefangen zu singen: „Das wollte ich schon, seit ich vier Jahre alt bin. In der Musik zuhause zu sein, bringt mir ein Teilchen Glück. In Antwerpen läuft gerade ‚Sentimenti‘, eine Kombination aus Oper und Theater, in der ich eine Arie singen durfte. Das scheint wenig zu tun zu haben mit politischem Engagement. Aber ich halte es für wichtig, dass man macht, was einen glücklich macht. Ich kann nicht bloß herumstehen auf der Bühne. Ich bin kein Politiker. Für mich als Schauspieler ist die Form wichtig, die man benutzt, um etwas zu sagen.“

Ein Teilchen Glück

Dem Theater will er auf keinen Fall den Rücken kehren. Mit Marthaler, in dessen „Schutz vor der Zukunft“ er bei den diesjährigen Wiener Festwochen brillierte, würde er gerne noch einmal arbeiten. Von ihm hat er gelernt, wie einzelne KünstlerInnen zu einem Kollektiv zusammengeschweißt werden können, in dem jedeR Einzelne über sich hinaus wächst und ein ungeahntes Potenzial entfaltet.

Zunächst wird er jedoch seine Tournee mit „Zwei Stimmen“ fortsetzen. Brüssel, Udine und Rennes stehen noch in diesem Jahr auf dem Programm. New York und Paris sind ebenfalls interessiert. In Luxemburg wird das Publikum sich bereits am nächsten Dienstag vom Ausnahmetalent des Niederländers überzeugen können. Es wurde höchste Zeit. Findet nicht nur Jeroen Willems.

Aufführungen in drei Sprachen:
„Deux Voix“ am Dienstag den 27. September
„Zwei Stimmen“ am Donnerstag den 29. September
„Two Voices“ am Samstag den 1. Oktober im Studio des Grand-Théâtre jeweils um 20h.


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