Kulturstaatssekretärin Octavie Modert über ihre neuen Funktionen, das Künstlerstatut und die neuen kulturellen Infrastrukturen in Luxemburg.

Staatssekretärin mit Ministerkompetenzen: Seit einem guten Monat ist Octavie Modert für Kultur in Luxemburg verantwortlich. (Foto: Christian Mosar)
woxx: Frau Modert, vor über einem Monat wurden Ihnen, im Rahmen des Regierungsumbaus, sämtliche Kompetenzen im Kulturbereich übertragen. Welche Aufgabenbereiche haben Sie denn nun konkret übernommen?
Octavie Modert: Durch eine „dĂ©lĂ©gation des compĂ©tences“ hat mir Minister Biltgen sämtliche Aufgabenbereiche des Kulturressorts ĂĽbertragen. Folglicherweise hat er nichts mehr mit der Kulturpolitik Luxemburgs zu tun und diesen Bereich ganz an mich abgetreten, in dem ich seither alleine entscheide. In den anderen Bereichen des Ministeriums, Forschung und Hochschulwesen, hat sich hingegen nichts geändert an unserer vorherigen Aufgabenaufteilung.
Sehen Sie jetzt tief greifende Änderungen in der luxemburgischen Kulturpolitik vor, oder werden Sie sich lediglich um die laufenden Geschäfte kümmern?
Ich war auch schon vor dem Umbau an den Entscheidungen beteiligt und habe die Definition der Politik mitbestimmt. Einzelne Bereiche liefen ohnehin unter meiner Kompetenz. An anderen Dossiers habe ich mitgearbeitet und sie vorangetrieben. Überdies haben wir unser Programm in weiten Zügen bereits in der Regierungserklärung umrissen, und mich daran zu halten, sehe ich als Selbstverständlichkeit an.
Wie geht es weiter mit der nicht-institutionellen Kunst, der so genannten „unabhängigen Szene“, die unter anderem in Bezug auf die Konventionierungspolitik die Arbeit des Kulturministeriums scharf kritisiert?
Wir haben eine ganze Menge Möglichkeiten, die Kulturszene – ob institutionell oder nicht – zu unterstĂĽtzen. Das reicht vom „statut de l’artiste professionnel indĂ©pendant et de l’intermittent du spectacle“ bis zu den Subsidien und Konventionen. Die Konventionen versprechen zwar eine regelmäßigere, systematischere UnterstĂĽtzung, die im Prinzip alljährlich erneuert wird, aber manchmal können Subsidien die gleiche Funktion erfĂĽllen. Das hängt von der Ausrichtung der Gesetzesartikel ab: Was auf dem Papier und dem Budget scharf getrennt erscheint, muss in der Realität nicht immer so sein. Tatsache ist, dass das Budget des Ministeriums in den letzten zehn Jahren stetig gestiegen ist. Tatsache ist aber auch, dass wir in den momentanen Diskussionen das Budget nicht reduzieren werden, wir aber nicht unbedingt den gleichen Anstieg garantieren können. Deshalb ist die Gewichtung der Argumente bei einer Konventionierung sehr wichtig geworden. Es geht nicht darum, sie jeweils zu annulieren, auĂźer natĂĽrlich bei schlimmen Verfehlungen, das heiĂźt jedoch nicht, dass eine Konventionierung einer kĂĽnstlerischen Lebensversicherung gleichkommen wĂĽrde. Dieses System ist weiterhin dafĂĽr zuständig, den kulturellen Akteuren in unserem Land den RĂĽcken zu stärken. Ob das ĂĽber Konventionen läuft oder ob es ¬nur« Subsidien sind, ist eigentlich egal.
Heißt das auch, dass es kein neues Verteilungssystem geben wird? Ihr Vorgänger hatte ja angekündigt, in Zukunft nur noch zu Netzwerken zusammengeschlossene Vereinigungen konventionieren zu wollen.
Ich habe eine groĂźe Präferenz fĂĽr Netzwerkarbeit. Ich bin mir sicher, dass es allen Akteuren etwas bringt, wenn sie sich zusammensetzen. Wir werden das bevorteilen, wenn es uns pertinent erscheint. Die Netzwerke werden aber nicht auf unsere Initiative betrieben – auch wenn wir sie sehr dazu anspornen – sie mĂĽssen sich selbst organisieren. Dies ist nicht die Aufgabe des Staates, und der Kulturschaffende soll auch nicht zum Almosenempfänger degradiert werden.
Zum „statut de l’artiste“: Ist das luxemburgische Gesetz in diesem Punkt dem europäischen Niveau angepasst, oder brauchen wir hier ein spezifischeres Statut?
Ich wĂĽrde schon meinen, dass unser Statut auĂźergewöhnlich ist, da es im europäischen Vergleich schon – wenn ich mich so ausdrĂĽcken darf – Spitzenklasse ist. Die meisten Länder sind nicht so weit, einige versuchen sogar, sich an unserem Modell zu inspirieren oder es zu kopieren. Auf europäischem Niveau sind wir unter den Fortschrittlichsten in diesem Bereich.
Einer Ihrer Mitarbeiter hat in einer Debatte bedauert viele Künstler wären nicht zur Genüge über ihre Möglichkeiten informiert.
In der Tat mag es Mängel in dem Punkt geben. Wir planen, dies zu beheben indem wir einen Ratgeber herausgeben werden, der das KĂĽnstlerstatut erklärt und illustriert, sowie detailliert die Schritte erklärt, die der KĂĽnstler vornehmen muss, um vom Gesetz profitieren zu können. Zusätzlich werden wir in dieser BroschĂĽre die anderen UnterstĂĽtzungsmöglichkeiten, wie Subsidien und Konventionen, darlegen. Das KĂĽnstlerstatut ist fĂĽr uns besonders wichtig, weil es fĂĽr den Artisten ein Sicherheitsnetz bedeutet und darstellt. Freischaffende sind immer unabhängig, und es geht uns darum diese Unabhängigkeit absichern zu können. Und dies betrifft ja auch nur die Kategorie der HaupterwerbskĂĽnstler, und nicht die – die sehr häufig in Luxemburg anzutreffen sind – fĂĽr die Kunst eine Nebenbeschäftigung ist, neben ihrem festen Beruf. Durch das KĂĽnstlerstatut kann sich der Freischaffende eben darauf verlassen, dass er seine Lebenskosten decken und auch dann weiterhin in die Kranken- und Rentenkasse einbezahlen kann, wenn er einen schlechten Monat hat. Das Statut ist so ausgelegt, dass es keine Bereicherungsquelle ist, sondern eine wichtige StĂĽtze fĂĽr harte Zeiten, die im Lebensalltag eines freischaffenden KĂĽnstlers immer wieder vorkommen.
Welche Zukunft hat denn ein solches Statut, in Zeiten in denen „der GĂĽrtel enger geschnallt“ werden soll?
Das Statut wird weiterlaufen. Wir konnten feststellen, dass die Anfragen beständig gestiegen sind seit EinfĂĽhrung des Statuts und auch nachdem es 2004 noch einmal restrukturiert worden ist. Unser Budget hierzu ist auch dementsprechend hoch. NatĂĽrlich werden die wirtschaftliche Lage und auch die der Staatseinnahmen nicht unbedingt besser werden, aber deshalb mĂĽssen wir eben gerade diesen Weg weitergehen. Der Erfolg dieser Initiative beweist, dass das Statut viel bekannter geworden ist, gerade weil es auch in der Kunstbranche eine Prekarisierung gibt. Es ist daher kein Zufall, dass im Moment viele Menschen, die fĂĽr die Filmproduktionsbranche tätig sind, auf uns zurĂĽckgreifen. Die meisten Nachfragen erreichen uns aber noch immer aus dem Bereich der „arts plastiques“, der bildenden KĂĽnste, möglicherweise wegen der Schwierigkeiten des sehr wechselhaften Finanzklimas der Ausstellungswelt.
In letzter Zeit ist die luxemburgische Kulturszene nicht nur in Bezug auf die Zahl ihrer Mitglieder gewachsen. Mit der Philharmonie, dem Mudam und der Rockhal wurde auch massiv in die Infrastruktur investiert. Wie hoch war die Nachfrage nach solchen Prestigeobjekten?
Erstens will ich die Frage stellen, ob es sich dabei wirklich um Prestigeobjekte handelt. Es sind sicherlich hoch qualitative Gebäude, architektonisch wie auch künstlerisch-inhaltlich gesehen. Das war auch der Zweck der Sache: Der nationalen Kulturszene Auftrieb geben und auch durch Wirkung über die Grenzen hinaus zum guten internationalen Ruf Luxemburgs beizutragen oder ihn zu verbessern. Und bei den von Ihnen zitierten Gebäuden stellen wir erstaunlicherweise fest, dass diese schon in den Genuss einer Renommee gekommen sind, die weit über unsere und die Grenzen der Großregion geht. Ich glaube es tut uns gut, vom Image, lediglich ein Bankenplatz zu sein, wegzukommen. Diese öffentlichen Bauten, für das Publikum zugänglich, stellen ein effektives Gegengewicht zu den vielen privaten Gebäuden dar, die auch von Stararchitekten gebaut wurden. Zumal der Staat nach dem Krieg keine großen Gebäude mit weltweit renommierten Architekten mehr gebaut hat. Wir haben zu Recht in funktionale Infrastrukturen investiert, aber ich denke, dass Kultur auch hier im Land das eine oder andere staatliche Zuhause braucht. Vor 1994 hatten wir sehr wenig davon, und unser Nachholbedarf ist langsam aber sicher gedeckt. Von nun an gilt es, die neuen Räume auch mit Leben zu füllen.

