SCHRIFTSTELLER: Tatort Heidelberg

Provinz mal anders: Der Heidelberger Autor Carlo Schäfer schickt regelmässig sein Ermittlungsteam los um knifflige Fälle in der alten Unistadt zu lösen.

Der Autor und sein Bild: Hier bei einer Lesung in Heidelberg im Mai 2006. (Foto: www.carlo-schaefer.de)

„Man roch den nächsten Regen als eine Ahnung von Metall und Stein in der Luft. Eine graue Wand schob sich neckaraufwärts, als würde die ganze Stadt in eine gigantische Autowaschanlage getrieben. Gegenüber lag das Schloss im Nebel. Ein schönes erstes Bild für einen Fernsehkrimi, aber hier war wirklich jemand tot, und das war erfährungsgemäß nicht unterhaltsam.“ Mit diesen Worten beginnt das erste Kapitel von Carlo Schäfers Roman-Debüt „Im falschen Licht“, dem Auftakt der Krimi-Reihe um Hauptkommissar Johannes Theuer und seinem verschrobenen Team. Wir sind in Heidelberg, der (zu) oft besungenen, romantischsten aller Städte Ù und eine Leiche hat sich in einem Pfeiler der Theodor-Heuss-Brücke verfangen. Wahrlich passt das nicht in das allgemein gültige Bild der Postkarten-Altstadt, die, tagtäglich von einer Touristenlawine überrollt, ihr beschauliches Dasein im Schatten der eindrucksvollen Schlossruine fristet. Für Durchreisende ist es angesichts dieser Kulisse schwer vorstellbar, dass Heidelberg auch nur eine ganz normale deutsche Stadt ist. Es wohnen Menschen hier, die ihren Alltäglichkeiten nachgehen, arbeiten und einkaufen gehen, sich abends in ihrer Stammkneipe entspannen oder mit ihrer Familie fernsehen. Handwerker, Geschäftsleute, Studenten, Bankangestellte, Lehrer und Krimiautoren. Wie Carlo Schäfer.

Schäfer wurde 1964 in Heidelberg geboren, er studierte auch dort und lebt nun mit seiner Familie in der Altstadt. Der groß gewachsene, sympathische Mann wirkt auf den ersten Blick nicht unbedingt wie ein Krimiautor; andererseits muss man einräumen, dass es keine signifikanten Merkmale für Krimiautoren gibt. Genausowenig für Kommissare, außer vielleicht deren verständlicher Hang zur Melancholie. Seinen Kommissar Theuer hat Schäfer vor einigen Jahren aus einem kreativen Brainstorming heraus kreiert, gemeinsam mit einem früheren Freund. Obwohl die damalige Idee, im Duett einen Heidelberg-Krimi zu schreiben, fallen gelassen wurde, sollte das Projekt in Schäfer weitergedeihen. Eine erste Geschichte um das Heidelberger Ermittlerteam entstand, ein Mordfall in der Pädagogischen Hochschule (PH). Schäfer schickte das Manuskript an einige Verlage und genoss schlussendlich das Glück, das nur den wenigsten Nachwuchsautoren zuteil kommt: eine Lektorin des Rowohlt Verlags zog sein Manuskript aus dem stets turmhohen Stapel eines Lektorenschreibtisches und beschloss ihm eine Chance zu geben. Freilich wurde der PH-Mord nicht zum Debüt für das Theuer-Team sondern der oben erwähnte mysteriöse Tote im Neckar. Das Buch wurde ein relativ grosser Erfolg für den Autor und inzwischen finden sich die mittlerweile auf vier gewachsenen „Theuer-Romane“ in jedem Buchladen in Heidelberg und Umgebung. Erste Übersetzungen in Fremdsprachen wird es auch geben: die beiden ersten Romane werden voraussichtlich im nächsten Jahr in Russland erscheinen. Rezensionen in Berliner und Hamburger Zeitungen zeugen nicht zuletzt von der wachsenden Reputation des Autors. Er selbst sieht nur ungern seine Romane auf das Schlagwort „Heidelberg-Krimis“ reduziert. Dass seine Geschichten ausgerechnet in der attraktiven Neckarstadt spielen, hat weniger mit dem „Werbepotenzial“ Heidelbergs zu tun, als mit dem ganz pragmatischen Grund, dass der Autor einen Großteil seines Lebens dort verbracht hat und sich dort eben auskennt.

Stadtkenner

Anders als in den meisten Krimis, sieht man bei Schäfer ein ganzes Team am Werk und nicht, wie so oft, den einzeln (oft: einzelgängerisch) operierenden Ermittler oder das „klassische“ Duo. Der Schriftsteller fand es spannend, seinem Hauptkommissar ein Team zur Seite zu stellen, das nicht nur stichwortgebende Figuranten abgeben, sondern eigenständige, für die Handlung relevante Charaktere darstellen sollte. Der „schwere Kommissar“, wie sich Johannes Theuer auch selbst gerne in Gedanken nennt, ist Zentrum des Geschehens. Der Hauptkommissar ist eigentlich ein geschätzter und erfahrener Ermittler. Doch seine unkonventionelle und oft ungestüm-unüberlegte Art bringt ihn immer wieder auf Kollisionskurs mit seinen Vorgesetzten, besonders mit Dr. Seltmann, dem neuen Polizeidirektor. Den geraden Ermittlungsweg geht er nur ungern, lieber hört er auf seine – zugegebenermassen oft wirren – Instinkte. Er neigt zu Tagträumen (Lieblingsmotiv: eine harmonische Bärenwelt), heftigen Migräneanfällen und er hasst Hunde. Seine Teamkollegen könnte man – würde man sie nicht sofort ins Herz schließen – als absolute Loser bezeichnen.

Kommissar Thomas Haffner ist Kampftrinker und Kettenraucher, der selten nüchtern und ohne seine geliebten Reval-Kippen zu finden ist. Das klingt eigentlich unwitzig, doch der beherzte Pfaffengrunder ist in seiner leicht prolligen, zum pathologischen tendierenden Art, einer der grössten Sympathieträger unter den Lesern. Kollege Leidig wohnt noch bei der gestrengen Mutter und raucht, wenn, nur heimlich; Werner Stern ist zwar verheiratet, wird aber vom Vater zum Bausparvertrag genötigt. Nicht gerade ein hyperkompetentes Team, das einem als Standard durch neumodische amerikanische Krimiserien vermittelt wird. Nicht zuletzt werden die Ermittler durch die attraktive Staatsanwältin Bahar Yildirim unterstützt. Die junge Frau muss sich nicht nur in einer eher männerdominierten Position bewähren, sondern dabei oft genug ihre deutsche Staatsbürgerschaft wortkräftig betonen.

Mit seinem spritzigen, humorvollen Schreibstil fängt Schäfer seine Leser schon ab den ersten Seiten. Seine Sprache ist lebendig, im Sinne von realitätsnah, und weist vor allem ein virtuoses Gespür für Tempo und Wortwitz auf. Viele wohl eher zartbesaitete Kritiker werfen ihm eine zu derbe Sprache vor, ein Vorwurf, den sich der Autor nur schwer erklären kann, hat doch das belesene Volk eindeutig „Schlimmeres“ gesehen. Ausserdem sollte man sich heutzutage wirklich nicht mehr über den Gebrauch verschiedener Ausdrücke erregen, vor allem wenn man bedenkt, wie wenig authentisch eine forciert distinguiertere Aussprache einem Kriminalbeamten passen würde.

Gegenüber Kritik weist sich Schäfer eh gelassen: auf seiner Homepage hat er beispielsweise neben den positiven Rezensionen auch teils bösartige Verrisse veröffentlicht. Allzu viele Sorgen über Verkaufszahlen mag er sich auch nicht machen. „Das würde einen nur verrückt machen,“ meint er. Jedenfalls ist er nicht abhängig von diesen Verkäufen, arbeitet er doch hauptberuflich als Dozent an der PH, nachdem er lange Hauptschullehrer war.

Leicht prollige Sprache

Im Juni dieses Jahres ist die Theuer-Gruppe in die vierte Runde gegangen; in „Silberrücken“ muss sie den Mord an einem norddeutschen Schüler aufklären; der Junge wurde im Gorilla-Gehege des Heidelberger Zoos gefunden und der Hauptverdächtige scheint Bohomil, der mächtige Silberrücken, zu sein. Für Theuer und seine Jungs eine viel zu eindeutige Erklärung und somit begeben sich auf ihre berühmt-berüchtigten Ermittlungspfade um dem wahren Täter auf die Spur zu kommen.

Die Abenteuer des Heidelberger Ermittlerteams nähern sich leider der Zielgerade; der Autor wird im Herbst mit der Arbeit am fünften und somit letzten Buch der „Theuer-Reihe“ beginnen. Die Geschichten und besonders die Charaktere nicht durch endlose Wiederholungen zu verschleissen, liegt Schäfer am Herzen. Deswegen will und kann er nicht, wie einige seiner Zunftkollegen, zehn oder mehr Romane mit den gleichen Kommissaren schreiben. Ein Kapitel seines Lebens wird somit abgeschlossen sein, doch die schriftstellerische Laufbahn des sympathischen Heidelbergers noch lange nicht. Carlo Schäfer hat noch einige Geschichten zu erzählen.

Bisher erschienen beim Rowohlt Taschenbuch Verlag:
Im falschen Licht (2002)
Der Keltenkreis (2003)
Das Opferlamm (2004)
Silberrücken (2006)


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