KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM: Neu deuten

Danièle Wagener ist die Vize-Präsidentin der Association Internationale des Critiques d’Art – Luxembourg (Aica) und Direktorin des Geschichtsmuseums. Sie erklärt warum Kunst in der Öffentlichkeit mehr sein sollte als nur Dekoration.

Kunst als Gesamtkonzept für den öffentlichen Raum: So stellt sich Danièle Wagener die Zukunft der Stadtplanung vor.

(Foto: Christian Mosar)

woxx: Welche Bedeutung hat Kunst im öffentlichen Raum?

Danièle Wagener: Kunst ist im großen Ganzen wichtig für mich. In allen Räumen, für jeden Mensch und in jeder Situation. Kunst im öffentlichen Raum ist deshalb noch wichtiger, weil jeder ihr begegnen kann. Museen sind geschlossene Räume, in die auch nicht jeder eindringen kann oder will. Andererseits kann jedes urbane Umfeld, ob Dorf oder Metropole, davon gewinnen, dass sie interpretiert werden können. Für die Menschen die dort leben, aber auch für Besucher von außen. Die Interpretation findet immer auf verschiedenen Ebenen statt. Zum Beispiel kann ein Künstler die historische Tiefe eines Ortes neu deuten und anders sichtbar werden lassen, indem er diese Tiefe herausarbeitet. Neben der geschichtlichen Deutung kann urbane Kunst aber auch die Topographie einer Stadt behandeln. Und sei es nur um anzudeuten, dass man sich im historischen Zentrum oder in der Peripherie der Stadt befindet. Schließlich, und das ist das Wichtigste, nimmt diese Kunst öffentlich Stellung zu Themen und Problematiken unserer Zeit. So wird der Kontakt und auch der Konflikt, der aus solchen Stellungnahmen hervorgehen kann, erzwungen, da niemand dran vorbei kommt.

Öffentliche Kunst sagt immer etwas über den Ort und seine Bewohner aus. Welche Botschaft vermittelt denn die Stadt Luxemburg im Moment?

Wenn wir bei der Stadt Luxemburg bleiben, sind die meisten Kunstwerke, die es im urbanen Raum zu sehen gibt historische Monumente, wie die Statue Wilhelm des Zweiten oder die Dicks-Lentz Skulpturen. Alles Menschen, die eine politische oder kulturelle Rolle gespielt haben. Aber diese Art Kunst wird heute nicht mehr praktiziert, ab Mitte des letzten Jahrhunderts hat sie an Bedeutung verloren. Was die anderen Kunstwerke angeht, so muss man leider feststellen, dass ein bereits bestehendes Kunstwerk genommen wurde, ein geeignetes Plätzchen gesucht wurde und das Werk dort abgestellt wurde. Kunst in diesem Sinne hat aber lediglich einen dekorativen Wert, sagt also nichts über die Stadt und ihre Bewohner aus. In meinen Augen ist das die falsche Herangehensweise. Kunst kann nicht die Bausünden, die in einem urbanen Raum begangen wurden, wieder gutmachen.

Wie kann Kunst im öffentlichen Raum überhaupt eine Beziehung zu den Stadtbewohnern herstellen?

Außer über die historischen Monumente, die die Geschichte des Landes erzählen, relativ wenig. Und es ist genau das, was sich ändern muss. Deshalb arbeiten wir als Aica mit der Stadt Luxemburg und den Museen – Mudam, Casino und dem nationalen Geschichtsmuseum zusammen. Wir sind dabei ein Konzept auszuarbeiten, wie man der Kunst im öffentlichen Raum eine andere Bedeutung geben und auch mehr Qualität einbringen könnte.

Bis jetzt waren es ja eher die Banken oder Wohltätigkeitsvereine die öffentliche Kunst stifteten. Gibt es jetzt eine Verlagerung der Kompetenzen?

Ja, die Museen mit ihrer Sachkenntnis und dem Know-How ihres Personals wollen dazu beitragen, dass die öffentliche Hand – sowohl auf kommunaler als auch auf staatlicher Ebene – eine neue Politik in Sachen Urbanismus und Kunst betreibt.

Worin bestünde die denn?

Die kann eigentlich nur daraus bestehen, dass Künstler an einen Ort gerufen werden, sich diesen mit eigenen Augen ansehen und dann etwas für diesen Raum schaffen. Ob dies nun mehr Künstlerresidenzen erfordert oder nicht ist eigentlich egal, das hängt eher vom Künstler selbst ab.

Soll Kunst im öffentlichen Raum von Anfang an in die Städteplanung einbezogen werden?

Ja, absolut. Für mich muss Qualität überall hineinkommen. Um den Lebensraum besser zu gestalten und auch um die praktischen Probleme, nicht unbedingt zu lösen aber das Stadtbild eleganter zu gestalten. Da spielt die Architektur dieselbe wichtige Rolle wie Straßenschilder und Lampen, Sitzbänke und Litfasssäulen. Und da kann ein guter Designer, der nicht unbedingt teuer sein muss, Hervorragendes leisten.

Wie wollen Sie das konkret angehen? Den Gemeinden einfach ihre Mitarbeit anbieten?

Ich als Museumsdirektorin habe vom hauptstädtischen Schöffenrat den Auftrag erhalten ein Papier mit Vorschlägen auszuarbeiten. Diese betreffen lediglich die Kunst und nicht Schilder und Bänke. Ich sitze aber auch in anderen Arbeitsgruppen, und da ensteht viel Neues. Zum Beispiel arbeitet Luxemburg gerade an einem neuen Beleuchtungsplan. Das kann auch wichtig sein. Die markanten Orte unserer städtischen Topographie können durch eine andere Beleuchtung besser in Szene gesetzt werden. Und auch über eine neue Signaletik wird nachgedacht. Was jetzt die Kunst anbelangt, so behandeln meine Vorschläge vor allem die permanenten Installationen und ihren Sinn. Man muss sich ja auch fragen, ob die Stadt ein Friedhof für Skulpturen und andere Werke werden soll, oder ob es ein Gesamtkonzept braucht.

Öffentliche Kunst ist vor allem auch teuer. Kommt man überhaupt an privaten Sponsoren vorbei?

Diese Werke sind in der Tat teuer, zumal sie sehr arbeitsintensiv sind. Auch was die Instandhaltung anbelangt. Warum also nicht private Firmen als Sponsoren mit ins Boot nehmen? Aber die Entscheidungen darüber, was gekauft wird oder welcher Künstler eingeladen wird, müssen der öffentlichen Hand vorbehalten bleiben. Banken, die Skulpturen vor ihre Tür setzen, tun dies meist aus dekorativen Gründen und um ihr Corporate Image aufzubessern. Wir verstehen die Kunst im öffentlichen Raum in einem ganz anderen Sinn.

Wie spontan kann denn eine solche Kunstvorstellung sein? Normalerweise denkt man dabei doch eher an statische Werke …

Also spontan kann diese Art Kunst eigentlich fast nur sein wenn sie auch Event ist. Die Hauptquelle der Spontanität ist aber die Interaktivität mit den Menschen die der Kunst in ihrem Alltag begegnen. Wenn der Künstler sein Werk spezifisch für einen Ort erschafft, ist es ja auch normal, dass die Menschen sich damit auseinandersetzen. Das hilft auch den Unterschied aufzeigen zwischen Dekoration und Kunst: Wer ein schönes Objekt in einen Park setzt und ein paar Bänke dahin montiert, erwartet nicht unbedingt, dass die Leute einen Dialog mit diesem Werk führen. Kunst ist immer ein Ort, von dem sich Menschen angezogen fühlen, an dem sie sich wohl fühlen und an dem sie sich versammeln können.

Was kann eine Organisation wie die Aica bewirken, wenn es darum geht, Kunst überhaupt in die Öffentlichkeit zu bringen?

Die luxemburgische Sektion der Aica gibt es erst seit 2003. Uns geht es darum, eine Sensibilität für moderne Kunst zu schaffen und auch einen Dialog, eine Diskussion um und mit zeitgenössischer Kunst. Wir organisieren regelmäßig Ausstellungen im MPK-Kiosk an der Neuen Brücke und auch Kolloquien. Wie dieses Wochenende, wo wir unter anderem Daniel Buren nach Esch eingeladen haben, damit er seine Erfahrungen als Künstler, der vor allem im offenen Raum arbeitet mit uns teilen kann. Nebenbei machen wir auch Interventionen in verschiedenen Radiosendungen.

Was erwarten Sie sich von dem Kolloquium? Daniel Buren ist schließlich nicht irgendwer.

Buren hat ja schon bei dem Projekt „Sous les Ponts“ vom Casino in Luxemburg gearbeitet, deshalb kennt er unser Land. Und eines seiner Werke steht ja immer noch im Grund. Wir erwarten uns vor allem etwas über die Kontroversen zu erfahren die er immer wieder mit seinen Werken provoziert hat. Und wie man damit konstruktiv umgehen kann.

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Kolloquium
„Art & Espace Public“, an diesem Freitag, dem 13. und am Samstag,
dem 14. Oktober im Escher Pavillon Skip.

www.acia-luxembourg.lu


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