Konzert: Orthodoxer Doom Metal

von | 03.05.2023

Die griechische Metal Band „The Temple“ verbindet die Polyphonie kirchlicher Chormusik mit langsamen und schweren Gitarrenriffs. Im Mai verkĂŒndet die Bruderschaft des „True Doom“ ihre Lehre auch in LiĂšge und Trier.

Vertreten die reine Lehre des Doom Metal: The Temple aus Thessaloniki. (Fotos: privat)

Es kommt hĂ€ufig vor, dass eine Band ihre Platte mit einem Intro beginnt, das nicht von ihr selbst eingespielt worden ist. Stattdessen wird aus einer Filmmusik, einer Klaviersonate oder aus einem OrchesterstĂŒck zitiert. Die griechische Doom-Metal Band „The Temple“ geht auf ihrem neuen Langspieler jedoch viel weiter. Sie hat ein komplettes ChormusikstĂŒck des in Griechenland verehrten und 2021 verstorbenen Komponisten Mikis Theodorakis an den Anfang gesetzt. Bassist und SĂ€nger Alex Sarchosis erzĂ€hlt, wie es dazu gekommen ist: „Unser Gitarrist ist Tontechniker von Beruf und hat die Aufnahmeleitung gemacht, als der betreffende Chor eine Hommage an Theodorakis eingesungen hat“, so Sarchosis, der sich auch „Father Alex“ nennt. „Er war so begeistert von den polyphonen KlĂ€ngen des Chors, dass er nachgefragt hat, ob wir ein StĂŒck daraus verwenden dĂŒrfen.“

Die Referenz auf solch orthodox liturgische GesĂ€nge kommt fĂŒr die 2005 gegrĂŒndete Metal Band nicht von ungefĂ€hr. „Das StĂŒck reprĂ€sentiert exakt das Epische, Feierliche, das auch wir mit unserem Sound erzeugen wollen, deshalb hielten wir es fĂŒr eine gute Einleitung in unser Album“, so „Father Alex“ gegenĂŒber der woxx. Und tatsĂ€chlich wirken die eigenen Songs von „The Temple“ in vielerlei Hinsicht wie eine in Heavy Metal ĂŒberfĂŒhrte Version griechisch-orthodoxer Kirchenmusik. „Ich war immer der Meinung, dass die Vielstimmigkeit und der Sound dieser Art von Musik im Grunde ebenfalls heavy oder sogar doomig ist. Wir haben das dann einfach ausprobiert und zu der mythischen AtmosphĂ€re der orthodoxen GesĂ€nge heavy Gitarren hinzugefĂŒgt – und wir waren sehr zufrieden mit dem Resultat.“

„Doom“ nennt sich ganz allgemein der Stil, den die vier Musiker aus Thessaloniki spielen. Was sich wörtlich unter anderem als „VerhĂ€ngnis“, „Verderben“ und „Untergang“ ĂŒbersetzt, wird in diesem Genre auch musikalisch zum Programm: Auf den Hard Rock der 1960er- und 1970er-Jahre, insbesondere den Psychedelic- und Occult Rock zurĂŒckgehend, werden hier tief gestimmte BĂ€sse und Gitarren mit zumeist sehr schweren und langsamen Riffs kombiniert. Bands wie „Black Sabbath“ gehören zu den UrvĂ€tern; doch mittlerweile hat sich ein unĂŒbersichtliches GeĂ€st aus Subgenres gebildet, zu denen etwa „Death Doom“ mit dem Growl-Gesang des Death Metal zĂ€hlt, aber auch der „Funeral Doom“, der Dark Ambient-Elemente in sich aufnimmt.

Nichts fĂŒr die Vertreter der reinen Lehre um „Father Alex“, die fĂŒr sich reklamieren, den „True Doom“ zu vertreten: „FĂŒr uns kommt es vor allem darauf an, dass klar gesungen wird und nicht geshouted oder gegrowlt.“ Überbordende Hymnen und Harmonien, emporgetragen von Tremolo-Gitarren und einem vielstimmigem Gesang, werden von der Band mit so tiefer Inbrunst vorgetragen, dass sie den Vorwurf, Kitsch zu produzieren, glaubhaft von sich abprallen lĂ€sst. „Bei den Aufnahmen zu unserem Album hat uns der Produzent gesagt, dass wir zu dick auftragen und das so nicht geht“, beichtet „Father Alex“. „Wir wollten es aber so haben und haben uns durchgesetzt. Es war einfach das, was wir tun mussten. Wir haben ihm gesagt: So klingen wir, und so haben wir die Songs geschrieben, also versauÊŒ sie uns nicht.“

Wer vom rechten Glauben des Doom abfĂ€llt, darf bei „The Temple“ daher nicht mit Nachsicht rechnen – auch wenn die Band nicht mit dem Schwert die BĂŒhne betritt, um ihre orthodoxe Lehre unter die Leute zu bringen, wie etwa „True Metal“-Missionare vom Schlage der US-Band „Visigoth“ das tun. „NatĂŒrlich ist das nicht so super ernst gemeint“, schĂŒttet Alex etwas Wasser in den Wein, um seine Reformfeindlichkeit wie auch die seiner MitbrĂŒder (Stefanos und Filip, Gitarre; Pavlos, Schlagzeug) ein wenig zu kaschieren.

Keine Kompromisse

Auch inhaltlich hat sich die Band mit ihrem soeben erschienenen Konzeptalbum „Of Solitude Triumphant“ ganz der Auferstehung gewidmet, die man allerdings eher spirituell denn christlich-religiös verstanden wissen will. „Unser erster Song reprĂ€sentiert der Beginn und das, worauf das weitere Leben aufbaut: Wie man andere zu lieben, anderen zu vergeben lernt“, verkĂŒndet „Father Alex“. „Diese Tugenden werden aber bald auf eine harte Probe gestellt, wovon das zweite Lied handelt. Im weiteren geht es um den Tod und die Angst vor ihm, um VerlustgefĂŒhle. All das fĂŒhrt schließlich zum Ende der Reise; dafĂŒr steht das letzte StĂŒck der Platte, ‚The Lord of Light‘.“

FĂŒr die Band ist ihre Musik nicht zuletzt ein Appell, den Moment zu schĂ€tzen und nicht alles als SelbstverstĂ€ndlichkeit zu betrachten. „Wenn wir etwas oder jemanden verlieren, lernen wir erst wieder den Wert von vielem zu sehen“, sagt Alex auch mit Blick auf den Song „Profound Loss“, dessen Text sich aus persönlichen SchicksalsschlĂ€gen der Bandmitglieder speist: „Sei dankbar, fĂŒr alles was du hast und fĂŒr die Menschen um dich herum, du kannst dir beim Abschied nie wirklich sicher sein, dass du sie jemals wiedersehen wirst.“

Und so will die Band sich aller DĂŒsternis zum Trotz auch mit ihrem neuen Album nicht als Formation prĂ€sentieren, die nur die negativen Seiten des Lebens sieht. „Man muss immer auch die glĂŒcklichen Momente festhalten, die sich inmitten allen Leids ergeben“, sagt Alex. Auch deshalb hat man das eingangs angesprochene Theodorakis-StĂŒck mit dem Titel „Me To Lichno Tou Astrou“ ausgewĂ€hlt. Übersetzt bedeutet das „Mit dem Licht des Sterns“, und der Komponist spielte damit auf den Kummer und das Elend Griechenlands wĂ€hrend der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg an: „Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass inmitten all der Trauer immer auch das Licht der Hoffnung erkennbar bleibt.“

Eingehender ĂŒber die derzeitige politische Lage in Griechenland unterhalten will sich „Father Alex“ eher nicht. „Die Regierungen Griechenlands in den letzten 50 Jahren waren immer korrupt. Wenn man darĂŒber nachdenkt, wird man nur wĂŒtend, und das fĂŒhrt nirgends hin.“ Auch von den dortigen Parlamentswahlen am 21. Mai erwartet er sich daher nicht allzu viel. Stattdessen richtet er seinen Blick auf aus seiner Sicht weniger irdische Dinge. Denn just im Mai geht die Band zum ersten Mal seit ihrem Bestehen in Europa auf Tour, gemeinsam mit „Tortuga“ aus Polen. Zwei Termine fĂŒhren sie dabei in die NĂ€he des Großherzogtums: Am 7. Mai spielen sie im alternativen Kulturzentrum La Zone in LiĂšge, und am 11. Mai gastieren sie in Lucky’s Luke in Trier. Wer den vier Musikern einen Tag spĂ€ter in Luxemburg ĂŒber den Weg lĂ€uft, sollte sich nicht wundern: Ihren spielfreien Tag plant die griechische Band nĂ€mlich hierzulande zu verbringen.

The Temple (GR) auf Tour mit Tortuga (PL): ‹7. Mai – La Zone, Liùge; ‹11. Mai – Lucky’s Luke, Trier.

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