Im Kino: Il pleut dans la maison

von | 18.04.2024

Die Alkoholabhängigkeit einer alleinerziehenden Mutter und deren Auswirkungen auf ihre noch minderjährigen Kinder werden in „Il pleut dans la maison“ mit viel Nuance und ohne Dramatisierung in den Fokus gerückt.

Mit dem mühsam zusammengekratzten Geld kaufen sich Purdey und Makenzy vor allem Süßigkeiten. (Foto: Condor Distribution)

Von außen betrachtet führen die 17-jährige Purdey (Purdey Lombet) und ihr 15-jähriger Bruder Makenzy (Makenzy Lombet) ein unbeschwertes Leben. Es sind Sommerferien und die beiden verbringen jeden Tag am nahegelegenen See Eau-d’Heure. Purdey kann zwar nicht schwimmen, dank aufblasbarem Flamingo bleibt ihr das Treiben auf den Wellen dennoch nicht verwehrt. Das Geschwisterpaar scheint viele Freiheiten zu genießen: Sie müssen nie zuhause Bescheid sagen, wo sie sind, sie rauchen quasi nonstop, sie können auch stets essen, was sie wollen, hauptsächlich Süßigkeiten und Junkfood.

Mit jeder zusätzlichen Szene entpuppt sich diese Freiheit jedoch als Vernachlässigung. Da beide keinen Führerschein haben, müssen sie die Einkaufstüten und Cola-Sixpacks kilometerweit schleppen; das kaputte Fenster, durch welches regelmäßig Regen eindringt, bleibt unrepariert. Insgesamt ist die Wohnung sowie der dahinterliegende Garten in einem heruntergekommenen Zustand. Um finanziell über die Runden zu kommen, geht Purdey putzen, Makenzy verkauft Gras.

Wo die Vernachlässigung herrührt, erfahren wir nach und nach: Purdey und Makenzys Mutter (Louise Manteau) ist alleinerziehend, arbeitslos und alkoholkrank. Wenn sie zuhause ist, tut sie nichts anderes als schlafen und Bier trinken. Selbst wenn sie Zeit mit ihren Kindern verbringt, wirkt sie stets „ausgecheckt“. Manchmal verschwindet sie aber auch mehrere Tage am Stück, ohne Vorwarnung und ohne Info darüber, ab wann wieder mit ihr zu rechnen ist. Über die Jahre hinweg hat sich Purdey zu einer Art Ersatzmutter für ihren Bruder entwickelt, sie, die selbst noch ein Kind ist.

Das Verhalten der Mutter scheint bereits Jahre zurückzureichen, schockiert zeigen sich die Teenager davon jedenfalls nicht. „Ma mère n’est pas très présente et l’état de la maison, c’est compliqué“, erklärt Purdey regelmäßig, wenn Dritte sie auf ihre familiäre Situation ansprechen. So abgeklärt sie in solchen Momenten auch wirkt, sie macht sich ständig Sorgen über die Zukunft. Damit unterscheidet sie sich stark von ihrem Bruder. Während Makenzy sich mit der Situation abgefunden zu haben scheint und, zumindest anfangs, sogar recht unbekümmert wirkt, sehnt sich Purdey nach einem besseren Leben. Sehnsüchtig fiebert sie ihrem 18. Geburtstag entgegen. Dann will sie den Führerschein machen, ein Apartmentzimmer in der Stadt mieten und mit ihrem Bruder dorthin ziehen.

Perspektive der Kinder

Das alles vermittelt die belgische Filmemacherin Paloma Sermon-Daï in ihrem zweiten Spielfilm „Il pleut dans la maison“ äußerst differenziert. Das Leben der Teenager*innen stellt sie zwar als hart dar, lässt jedoch auch Raum für leichte Momente. Die Mutter ihrerseits wird zwar nicht verteufelt, ihr Erleben aber weitestgehend ausgeblendet. Der Fokus liegt auf der Perspektive der Kinder. Damit erinnert der Film ein wenig an Sean Bakers „The Florida Project“. In diesem waren die Kinder – allesamt von Armut und elterlicher Vernachlässigung betroffen – allerdings noch etwas jünger, ihre elenden Lebensumstände für sie noch weniger greifbar.

In „Il pleut dans la maison“ legt Makenzy anfangs noch eine gewisse kindliche Naivität an den Tag. Im Laufe des Films – vielleicht durch die zunehmende Unzufriedenheit der Schwester angeregt – neigt er zunehmend zu Wut und Aggression, Gefühle, die er an Menschen auslässt, die für sein Leid nichts können.

Sermon-Daï vermittelt auf beeindruckend vielschichtige Weise die Sackgasse, in welcher sich die Geschwister befinden. Makenzy ist um den Zusammenhalt seiner Familie besorgt, kann deren Zerfall jedoch nicht verhindern. Purdey ihrerseits kann ihre Ausbildung nur fortsetzen, wenn sie bei der Mutter wohnt, für eine eigene Wohnung müsste sie dagegen arbeiten gehen – der Traum von der Ausbildung wäre dahin. Auch die Auswirkungen, die eine solche Lebensrealität auf ein Geschwisterverhältnis haben kann, wird nuanciert eingefangen. Zumal sich die Geschwister nicht darüber einig sind, ob sie der Mutter Beistand leisten oder sich vielmehr vor ihr schützen sollen – eine Frage, mit der sich wohl die meisten Kinder alkoholkranker Eltern irgendwann in ihrem Leben befassen müssen.

Sermon-Daï verzichtet auf Dramatisierung, stattdessen erzählt sie in dokumentarisch anmutenden Bildern. Der emotionalen Wucht, mit der ihr Film die Zuschauer*innen trifft, tut das keinen Abbruch.

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