Kulturelle Praktiken von jungen Menschen: Kultur bleibt eine Frage des sozialen Backgrounds

von | 30.05.2025

Der soziale Hintergrund von jungen Menschen prÀgt weiterhin stark deren Zugang zu Kultur. Das offenbart eine vor Kurzem veröffentlichte Liser-Studie. Neben dem sozialen Umfeld beeinflussen auch das Alter und das Geschlecht die kulturellen Praktiken der 6- bis 21-JÀhrigen.

Gerade am Wochenende scrollen viele junge Menschen durch die sozialen Medien. (Foto: Unsplash)

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene spĂŒren es besonders deutlich: Soziale Ungleichheit beeinflusst weiterhin maßgeblich den Zugang zu kulturellen Angeboten sowie die AusĂŒbung kultureller AktivitĂ€ten. Das geht aus einer Studie hervor, die das Kulturministerium beim Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (Liser) in Auftrag gab und deren Ergebnisse im vergangenen April veröffentlicht wurden. In der Studie untersuchten Forscherinnen die kulturellen Praktiken von jungen Menschen zwischen 6 und 21 Jahren wĂ€hrend des Jahres 2023.

Dabei fanden sie heraus, dass sich der soziale Hintergrund der Studienteilnehmer*innen nicht nur darauf auswirkt, zu welchen technischen GerĂ€tschaften sie zuhause Zugang haben, sondern sich auch stark in ihren „audiovisuellen und digitalen Praktiken“ widerspiegelt. Sprich: Bei Kindern, die sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen angehören, lĂ€uft öfter tĂ€glich der Fernseher, außerdem verbringen sie weitaus mehr Zeit im Internet und in den sozialen Medien. An Wochenenden nutzen 90 Prozent der Kinder aus strukturell benachteiligten Familien mindestens eine Stunde pro Tag das Internet und die sozialen Medien, bei Kindern aus sozial besser gestellten Milieus sind es hingegen 66 Prozent.

Auch in allen anderen untersuchten kulturellen Bereichen finden die Forscherinnen eine an das soziale Umfeld gekoppelte Schieflage vor: Das junge Lesepublikum rekrutiert sich zum Beispiel vor allem aus Familien mit leichterem Zugang zu Bildung und kultureller Teilhabe. Ganze 87 Prozent dieser Kinder lesen BĂŒcher, 52 Prozent Comics, 24 Prozent Magazine und 19 Prozent Zeitungen. Bei der weniger privilegierten Luxemburger Jugend ergibt sich ein anderes Bild: nur 57 Prozent lesen BĂŒcher, 26 Prozent Comics, 10 Prozent Magazine und 12 Prozent Zeitungen.

Erhebliche Unterschiede

Kinder, die aus bildungsnahen Milieus stammen, gehen ĂŒberdies mehr als doppelt so oft ins Museum als Kinder aus Familien mit UnterstĂŒtzungsbedarf (76 zu 35 Prozent), sehen sich hĂ€ufiger TheaterstĂŒcke an (34 zu 13 Prozent), machen mehr Sport (82 zu 55 Prozent), gehen öfter einem Hobby oder einer kĂŒnstlerischen AktivitĂ€t nach (55 zu 38 Prozent). Sie nehmen weitaus hĂ€ufiger Gesangskurse (27 zu 12 Prozent) oder spielen ein Instrument (49 zu 21 Prozent). Auch nutzen sie Bibliotheken anders: WĂ€hrend junge Menschen aus gut situierten Familien Bibliotheken vornehmlich besuchen, um sich LektĂŒre auszuleihen, stellen sie fĂŒr ihre Altersgenoss*innen aus weniger ressourcenstarken Familien vor allem Orte dar, in denen sie alleine oder mit Freunden arbeiten können.

„Diese ersten Ergebnisse bestĂ€tigen die Bedeutung der kulturellen Sozialisation und zeigen, dass sie in erster Linie innerhalb der Familie stattfindet“, schreiben die Mitarbeiterinnen des Forschungsinstituts. „Die Unterschiede in den Gewohnheiten zwischen Kindern aus den am besten und am schlechtesten situierten Schichten können sowohl auf objektive Hindernisse, beispielsweise in Form von Kosten, als auch auf symbolische Hindernisse zurĂŒckzufĂŒhren sein, beispielsweise das GefĂŒhl der Eltern, dass es nicht legitim ist, ihr Kind in einem Schachclub, einer Musikschule anzumelden [
].“ Kinder wĂŒchsen so in unterschiedlichen, von sozialen und kulturellen Ungleichheiten geprĂ€gten Welten auf, die ihr kulturelles Verhalten von klein auf beeinflussten und meist auch ihre Gewohnheiten im Erwachsenenalter prĂ€gten.

LĂŒckenhafte Definition

Anhand ihrer Studie legen die Autorinnen offen, in welchem Ausmaß der soziale Status der Eltern beeinflusst, wie ihre Kinder an Kunst und Kultur teilhaben, sie mitgestalten und rezipieren. Dabei gilt jedoch zu beachten, dass die Forscherinnen den Begriff des sozialen Milieus ausschließlich an den Bildungsgrad und die Berufe der Eltern und nicht zum Beispiel an deren VermögensverhĂ€ltnisse knĂŒpfen. Nach EinschĂ€tzung der Wissenschaftlerinnen bewegen sich Kinder aus Familien mit akademisch gebildeten Eltern automatisch in einem privilegierten sozialen Umfeld. DemgegenĂŒber wachsen Kinder, deren Eltern nur ĂŒber einen Grundschulabschluss verfĂŒgen, in einem sozial benachteiligten Milieu auf. Das lĂ€sst die Tatsache außer Acht, dass das AusĂŒben eines einen hohen Bildungsgrad voraussetzenden Berufs nicht zwangslĂ€ufig mit großem Wohlstand einhergeht – immerhin ist, wie das Team der Wissenschaftsseite science.lu vergangenes Jahr in einem Artikel herausarbeitete, die Vermögensungleichheit deutlich ausgeprĂ€gter als die Einkommensungleichheit. Das bedeutet, dass sich sozialer Status und tatsĂ€chlicher Besitz oft erheblich unterscheiden können – Letzterer trĂ€gt aber wesentlich dazu bei, in welcher Form Kultur erlebt und mitgeprĂ€gt werden kann.

Auch in einer anderen Hinsicht verfĂŒgt die Studie ĂŒber einen blinden Fleck. So wird das Unterscheidungsmerkmal des Geschlechts, das sich ebenfalls auf die kulturellen Praktiken von Kindern, Teenagern und jungen Erwachsenen auswirkt, in der Studie insofern wenig differenziert behandelt, als dass die Forscherinnen ausschließlich zwischen MĂ€dchen und Jungen unterscheiden. Andere GeschlechtsidentitĂ€ten werden also nicht berĂŒcksichtigt. Hinsichtlich der Unterschiede zwischen MĂ€dchen und Jungen stellen die Wissenschaftlerinnen fest, dass MĂ€dchen mehr lesen wĂŒrden und hĂ€ufiger kĂŒnstlerisch tĂ€tig seien, wĂ€hrend Jungen öfter Sport treiben wĂŒrden. „Was die Nutzung kultureller Einrichtungen angeht, zeigen MĂ€dchen ein grĂ¶ĂŸeres Interesse an Museen, historischen DenkmĂ€lern, Kunstgalerien, Bibliotheken, TanzauffĂŒhrungen, Konzerten, Musikfestivals, Kino, Theater, JahrmĂ€rkten, Volksfesten und Diskotheken, wĂ€hrend Jungen eher von Sportveranstaltungen angezogen werden“, schreiben die Wissenschaftlerinnen. Insgesamt kĂ€men MĂ€dchen hĂ€ufiger und auf vielfĂ€ltigere Weise mit Kultur in BerĂŒhrung.

Auch das Alter prĂ€gt das Erleben von und die aktive Beteiligung an Kultur: Kinder in der niedrigsten berĂŒcksichtigten Altersgruppe gehen demnach mehr kulturellen AktivitĂ€ten nach als die Ă€lteren Studienteilnehmer*innen. „Die Jugend scheint eine Zeit relativ intensiver kultureller AktivitĂ€ten zu sein, doch diese IntensitĂ€t lĂ€sst mit zunehmendem Alter nach“, stellen die Forscherinnen fest. Die progressive, mit dem Alter zusammenhĂ€ngende VerĂ€nderung – und Verringerung – der kulturellen Praktiken spiegele die zunehmende Selbstbestimmung der Jugendlichen wider.

Das Kulturministerium weiß um das dringliche Problem, dass Kultur nicht fĂŒr jeden jungen Menschen auf gleiche Weise zugĂ€nglich ist, und sieht konkreten Handlungsbedarf. Auf Nachfrage der woxx schreibt eine Pressesprecherin: „Die Schlussfolgerungen der Studie bilden den Startpunkt fĂŒr den Aktionsplan ,AccĂšs Ă  la culture‘.“ Ende Juni werde sich das Ministerium im Rahmen der „Assises culturelles“ mit dem Kultursektor ĂŒber dieses Thema austauschen. Wer die Studie einsehen möchte, findet die Kurz- und Langversion auf der Website des Kulturministeriums.

Dat kéint Iech och interesséieren

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Dag vun der Lëtzebuerger Sprooch: Luxemburgisch im Fokus

Die Luxemburger Sprache soll ab diesem Jahr jeden 26. September gefeiert und gefördert werden – und zwar mit Kulturevents, AktivitĂ€ten und Diskussionsrunden. Das Programm der Erstauflage des „Dag vun der LĂ«tzebuerger Sprooch“ wurde am Montag bei einer Pressekonferenz vorgestellt. „Sprache ist der SchlĂŒssel zur Welt“, sagte bereits Wilhelm von...

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Staffelfinale „And Just Like That”: Vergessene VorlĂ€ufer

Allzu schwer fĂ€llt er nicht, der Abschied von der Serie „And Just Like That“ – sie hat den Charme des Anfangs eingebĂŒĂŸt. Interessanter ist ein Blick auf die UrsprĂŒnge: Mit Mary McCarthys Buch „The Group“ fing alles an. Und einfach so ist alles vorbei: Mit dem Staffelfinale des „Sex and the City“-Sequel „And Just Like That“ schließt das...