Im Rahmen der Filmvorführung von „Put Your Soul on Your Hand and Walk“ zeigt das Utopia im Oktober eine Ausstellung der palästinensischen Fotojournalistin Fatma Hassouna. Porträt und Hommage zugleich, gibt Sepideh Farsis Film einen Einblick in die Gedankenwelt der im April dieses Jahres getöteten Journalistin.

Mithilfe eines zweiten Handys filmte Sepideh Farsi über 200 Tage hinweg ihre Gespräche mit der Photojournalistin Fatma Hassouna . (Copyright: New Story)
In Gaza-Stadt zieht dichter Qualm aus einem Obergeschoss über die Wolken hinweg. Im Hintergrund ertönen dumpf Schreie, das Bild flackert. Dann wechselt die Sicht auf die Frontkamera und das Gesicht von Fatma Hassouna erscheint auf dem Bildschirm, lächelnd. „Durch Hassounas Augen“ wollte die Filmemacherin Sepideh Farsi die Situation vor Ort in Gaza sehen und sich ein eigenes Bild machen. Da der ausländischen Presse der Eintritt in den Gazastreifen verwehrt ist, nahm die iranische Regisseurin im April 2024 Kontakt mit der in Al Tuffah, im Norden Gazas, lebenden Fotojournalistin Hassouna auf. Sie sollte Zeugin, Ansprechpartnerin und Betroffene zugleich sein.
Die Prämisse ist simpel: Während Farsi mit ihrem Film „La sirène“ an Filmfestivals in verschieden Teilen der Welt teilnahm, rief sie zwischendurch Hassouna an. Mit einem zweiten Handy nimmt Farsi die Videogespräche auf. Ergänzt wird die Korrespondenz durch gefilmte Fernsehnachrichten sowie Fotos, die die Fotojournalistin der Filmemacherin schickt. Der Blick des Dokumentarfilms „Put Your Soul on Your Hand and Walk“ bleibt dabei meist auf die Fotografin Hassouna selbst gerichtet, nur gelegentlich zeigt er das Geschehen vor oder hinter ihr. Im Laufe von 200 Tagen lernen sich die beiden Frauen kennen und sprechen über Bomben, Sniper, getötete Nachbar*innen und Verwandte, aber auch über Kaffeetrinken, Religion, Gedichte und Hassounas Träume – erst vom Reisen, später von Hühnchengerichten.
Obschon die Bildqualität wenig überraschend gering und die Kompositionen repetitiv sind, hält sich das Interesse durch die intimen Gespräche und durch Hassounas Fotos, mit denen die Fotojournalistin in Gaza nach Alltag gesucht hat. Die Bilder, von denen einige ab dem 1. Oktober in einer Ausstellung im Utopia zu sehen sein werden, haben ein emotionales Gewicht und wirken zusammen mit ihren Erklärungen noch markanter. Aus den Antworten der Journalistin wird den Zuschauer*innen schnell ihre Lebensfreude klar, ein Optimismus, der sich auch in ihren Werken wiederfindet. Letztere bieten vor allem einen Blick auf die noch bestehende Lebendigkeit in den Vierteln Gazas: Blumen, die aus zerstörten Häusern keimen, bunte Spielzeuge inmitten der grauen Trümmer und spielende Kinder auf den Straßen.
Durch die enge Perspektive der Handykamera sieht man nur wenig von der Umgebung, in der sich Hassouna befindet. Farsi und dem Kinopublikum begegnet sie mit einem strahlendem Lächeln im Gesicht, umrahmt von kargen Wänden. Vor dem Hintergrund der Verwüstung wirken diese Szenen befremdend – sodass die Filmemacherin selbst einmal nachfragt: „Warum lächelst du?“ Obschon sie nicht oft weiter nachhakt, scheut sich Farsi allgemein im Film nicht vor Fragen – etwa wenn sie nach Hassounas Meinung zu Hamas Anführer Yahya Sinwar fragt. Langsam wird die Korrespondenz zwischen den beiden zur Dokumentation des eskalierenden Massakers: Immer häufiger drehen sich die Gespräche um den Hunger, den die Menschen verspüren, und Hassouna stehen die Trauer und die Müdigkeit im Gesicht geschrieben. Sie wirkt weniger konzentriert, erzählt, unter Depressionen zu leiden. Je knapper die Nahrung wird, desto kürzerer werden die Gespräche.
Das Gefühl von Machtlosigkeit vonseiten der Regisseurin wird auf überwältigende Weise übermittelt. Immer wieder bricht die Verbindung zwischen Farsi und Hassouna ab (die unzuverlässige Internetverbindung erinnert dabei an einen anderen Kriegsdokumentarfilm, „20 Days in Mariupol“). Nach jedem Flackern und Stocken des Bildschirms kann man nicht umhin, die Erleichterung der Filmemacherin zu spüren, wenn ihr Anruf entgegengenommen wird. Immer wieder taucht Hassounas Lächeln erneut auf, bis Mitte April 2025.
Zur der Zeit war Farsis Film bereits fertiggestellt. Am 15. April wurde der Dokumentarstreifen von der berühmente „Association du cinéma indépendant pour sa diffusion“ (Acid) ausgewählt, um im Rahmen der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes gezeigt zu werden. Das letzte Mal, das Hassouna auf Farsis Handybildschirm erscheint, besprechen die beide hoffnungsvoll logistische Details. Hassouna soll Farsi eine Kopie ihres Passes schicken. Die 25-Jährige will nach Cannes reisen, aber nur, betont sie, wenn sie danach wieder nach Gaza zurückkehren kann.
Am Morgen drauf geht Hassouna nicht länger ans Telefon. Gegen 1 Uhr schlugen in der Nacht auf den 16. April zwei Raketen in das fünfstöckige Gebäude ein, in dem die Hassouna Familie im Norden des Gazastreifens lebte. Fatma und fünf weitere Familienmitglieder, darunter Kinder, starben im Angriff, der Vater erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Nur die Mutter überlebt. Laut einer Recherche von der Agentur „Forensic Architecture“, handelte es sich angesichts des Zeitpunkts und der Tatsache, dass Fatma Hassounas Aufenthaltsort bekannt gewesen war, um einen gezielten Angriff auf die Familie und deren Wohnung im zweiten Stock des Gebäudes. Anhand von Satellitenbildern, Zeugenaussagen, Posts auf den sozialen Netzwerken und einer Videoaufnahme der WDR-Sendung „Monitor“, zeigt die Agentur, dass wahrscheinlich zwei Präzisionslenkwaffen der israelischen Armee die ersten beiden Stockwerke des Gebäudes zerstört haben, während die oberen Geschosse nahezu unbeschädigt seien. Die Familie, schlussfolgert die Agentur, sei aus politischen oder militärischen Motiven ermordet worden. Gegenüber der französischen Tageszeitung „Le Monde“ erklärte die israelische Armee, ein „Hamas-Terrorist“ sei das Ziel des Angriffes gewesen.
Der Mord Hassounas löste Reaktionen in den Medien und auf den sozialen Netzwerken aus: „[…] [E]rneut [wurde] ein palästinensischer Journalist in Gaza getötet“, schrieb etwa Francesca Albanese, die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete, am folgenden Tag auf „X“: „Ihr Verbrechen bestand darin, den Völkermord in eindringlichen Artikeln und Fotos zu dokumentieren.“ Auch verleiht er Farsis Dokumentarfilm eine neue Bedeutung. Trotz des hoffnungsvollen Titels und des strahlend lächelndem Optimismus, den Hassouna im Film immer wieder aufbringt, wird „Put Your Soul on Your Hand and Walk“ so zum Zeugnis des humanitären Grauens, das die israelische Regierung in Kauf nimmt. Der Konflikt zählt zu den tödlichsten für Pressearbeiter*innen. Seit Oktober. Seit Oktober 2023 sind laut des Committee to Protect Journalists (CPJ) insgesamt 235 Journalist*innen in diesem Konflikt getötet worden, die Mehrheit davon in Gaza, weitere in Yemen, Libanon, Israel und Iran (Stand 22. September 2025). In 59 dieser Fälle handele es sich um gezielte Angriffe vonseiten israelischen Armee, weshalb der CPJ von Morden spricht. Wie hoch diese Zahlen sind, zeigt ein Vergleich mit den vorherigen Jahren: Zwischen 2020 und 2022 sind weltweit insgesamt 165 Journalist*innen getötet worden. „Seit dem 7. Oktober 2023 werden palästinensische Journalisten ungestraft abgeschlachtet, während die Welt zusieht. Dies ist ein direkter, beispielloser Angriff auf die Pressefreiheit“, kritisierte CPJ-Regionaldirektorin Sara Qudah in einer Mitteilung.
In Farsis Film trifft Hassounas Tod das Publikum wie ein Schlag. Einige Mängel kristallisieren sich schon heraus, so bringt der Film wenige neue Fakten hervor. Auch wünscht man sich an manchen Punkten, Farsi habe mit einer*m Dolmetscher*in gearbeitet, damit Hassouna sich in ihrer Muttersprache ausdrücken hätte können. Doch der Einblick, den Farsi in Hassounas Gedanken- und Gefühlswelt bietet, ehrt die Fotojournalistin. Außerdem wirft der Film indirekt Fragen auf über die Bilder, die die Öffentlichkeit erreichen, und über die mediale Aufmerksamkeit dieses Konfliktes, dessen Massaker vor den Augen der Welt gefilmt werden. Gleichzeitig erinnern die schlechte Bildqualität und Internetverbindung immer wieder an die Distanz, die zwischen Hassouna und Farsi – und dem Publikum – liegt. Dagegen hält der Film mit seinen Bildern an, die die Erinnerung an Fatma Hassouna festhalten. Wie schon bei anderen Filmen, etwa „No Other Land“ (woxx 1829), werden die Zuschauer*innen von „Put Your Soul on Your Hand and Walk“ so zu Zeug*innen, und laufen gegen Ende selbst durch die verwüsteten Straßen von Gaza-Stadt.

