Bei der Vernissage zur Ausstellung „Ugegraff“ zerstörten Teilnehmer*innen letztes Jahr wie vorgesehen 50 Kunstwerke, um auf häusliche Gewalt aufmerksam zu machen. Jetzt wurde die einmalige Aktion in drei Kurzfilmen veröffentlicht.

Liane Felten (links) und Uyi Nosa-Odia (rechts) überreichen dem Innenminister Leon Gloden (CSV) bei der Premiere ein rekonstruiertes Kunstwerk aus der Ausstellung. (Foto: Ministère des Affaires Intérieures)
Der Minister steht von seinem Platz auf und tritt an das Pult neben der Kinoleinwand, um sich an das Publikum zu richten. Gezeigt werden sollen drei Kurzfilme, die aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte einer Vernissage erzählen, die bislang einzigartig in Luxemburg ist. Es ist jedoch nicht Kulturminister Eric Thill (DP) – es ist Leon Gloden (CSV), Minister für Sicherheit und Inneres. Spätestens jetzt ist klar: Es wird an diesem Abend nicht nur um Kunst gehen. Es geht um das, was der damalige Kurator, Uyi Nosa Odia, selbst unter dem Namen UNO in Luxemburg als Künstler aktiv, bei der Vernissage so erschreckend fassbar hat werden lassen: häusliche Gewalt.
„Es ist meine Hoffnung, dass die steigenden Zahlen auch ein Ausdruck steigender Sensibilisierung sind“, sagt Gloden und klingt dabei so, als würde er dem soeben Gesagten selbst keinen Glauben schenken. Seit Jahren steigen die Zahlen – und dieser Anstieg ist nicht allein damit zu erklären, dass durch vermehrte Aufmerksamkeit, gesellschaftlichen Wandel und auch dem Ausbau von Hilfsmöglichkeiten mehr Fälle zur Anzeige gebracht werden und diese damit vom Dunkel- zum Hellfeld übergehen. Eine Befragung von Plan International zeigte 2023 vielmehr, dass ein Drittel der männlichen Personen aus der jüngeren Generation Gewalt als legitimes Mittel zur „Lösung“ von Beziehungskonflikten betrachtet.
An der Ausstellung „Ugegraff“ haben sich insgesamt 50 Künstler*innen mit einem Werk zum Thema häuslicher Gewalt beteiligt – alle in dem Wissen, dass ihre Kunst noch während der Eröffnungsfeier zerstört werden wird. Das geschah am Abend des 25. Septembers in den Räumen des Musée national de la résistance et des droits humains (MNDR) in Esch (siehe woxx 1861, „Kunst gegen Gewalt: Der Prozess der Heilung“).
Gewalt durch Kunst begreifbar machen
Einige der Künstler*innen, darunter auch UNO, sind anwesend, ebenso Vertreter*innen von Femme en détresse, Polizist*innen und auch Gloden, der Mitte März auch zur Kurzfilmpremiere ins Utopia gekommen war. Nacheinander werden drei jeweils ca. zehnminütige Filme desselben Events gezeigt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es geht los mit der Perspektive der Zuschauenden. Ein Zusammenschnitt an eingeblendeten Statements der Ausstellungsbesucher*innen bereitet darauf vor, was zu erwarten ist. „Hoffnungslos“, „aufwühlend“, „schockierend“, „erschreckend“, dann beginnt die Aufzeichnung einer zunächst normalen Vernissage. Plötzlich ein Ausbruch von Gewalt, als sich die angeheuerten Schauspieler*innen unvermittelt daran machen, die ausgestellte Kunst zu zerschneiden, zerschmettern, zerkratzen. Nach dem ersten Schock wird es einigen Zuschauer*innen zu viel. Sie verlassen das Museum. Andere versuchen dazwischen zu gehen – zwei Kunstwerke werden gerettet, weil sie während der Aktion versteckt wurden – wieder andere helfen gar bei der Zerstörung.
„Das Geräusch reißender Leinwand und zerbrechender Keramik war so unangenehm und unnatürlich, ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen“, sagte eine der beteiligten Kunstschaffenden, Alex McKell, damals gegenüber der woxx. McKell war nicht nur bei der Eröffnung dabei, sie leitete auch einen der Rekonstruktionsworkshops, die der erschütternden Aktion folgten. Alle Teile der zerstörten Kunst wurden bewahrt und in den folgenden Monaten von Ausstellungsbesucher*innen wieder zusammengefügt, auch die woxx war an einer dieser Rekonstruktionen beteiligt. Eines dieser Gemälde, noch in Papier gehüllt, hat UNO an diesem Abend mitgebracht. Er wird es zusammen mit Liane Felten, Präsidentin des Vereins Lëtz Art, der kulturelle Vielfalt und soziale Integration in Luxemburg fördert, an Leon Gloden für das Innenministerium überreichen.
Der zweite Kurzfilm beginnt bereits vor dem Museum. Die Zuschauer*innen begleiten eine Täterperspektive in die Ausstellung und verfolgen alles, was danach geschieht, hautnah. Anders als beim ersten Film wird die Sequenz nicht durch Interview-Statements unterbrochen. Der Stil ändert sich, es ist eher Kunstfilm als Dokumentation. Noch dichter ist der dritte Film: Die Perspektive der Opfer – repräsentiert durch die Kunstwerke. Das Wüten der Aggressoren wird beinahe wortlos, der Film läuft rückwärts, zerbrochene Stücke werden wieder ganz, ohne dass man das Gefühl der Erleichterung spürt. Im Gegenteil bleibt der Eindruck, als wäre etwas unwiederbringlich zerstört worden.
Es wäre schön gewesen, wenn es noch einen vierten Film gegeben hätte, der die Rekonstruktion zeigt. So wird diese symbolhaft nur an diesem Abend gezeigt: Als UNO und Liane Felten schließlich das Bild überreichen, wird es enthüllt. Es ist das Gemälde eines Mädchens. Das Bild, dessen Rekonstruktion Ende letzten Jahres von der woxx begleitet wurde. Stück für Stück zusammengesetzt wurde es von späteren Teilnehmenden noch weiter verziert. Auch wenn Gewalt alles verändert und nichts mehr so wird, wie es war, so kann es doch wieder anders ganz werden.
Die Kurzfilmreihe steht ab sofort kostenlos auf YouTube bereit.

