Ausgehen in Luxemburg: „Ist Angela da?“

von | 17.04.2026

Terri Allington will das Nachtleben in Luxemburg mit einer einfachen Frage sicherer machen.

Eine Hand hält einen Cocktail in einer Bar.

Die „Ask for Angela“-Initiative soll das Ausgehen in Luxemburg sicherer machen. (Jessica Christian/Unsplash)

Ein Date, das aufdringlich wird, ein Ex-Freund, der plötzlich in derselben Bar auftaucht, oder ein Fremder, der Grenzen überschreitet – in Großbritanniens Bars und Clubs gibt es für solche Situationen ein einfaches „Codewort“, dass Hilfe verspricht: Betroffene können zur Bar gehen und fragen, ob „Angela“ da ist. Sofort werden sie diskret in einen sicheren Bereich geführt, von dem aus alle weiteren Schritte eingeleitet werden können. Für manche wartet ein Taxi am Hinterausgang der Location, bei anderen Vorfällen wird die Polizei eingeschaltet. Was auf der britischen Insel bereits seit einem Jahrzehnt praktiziert wird, will Terri Allington ab Juni 2026 ins Großherzogtum holen.

„In Großbritannien gibt es praktisch in jeder Bar Poster und Sticker, die auf die Initiative hinweisen“, erzählt Terri im Gespräch mit der woxx. „Wenn ich an die sexuelle und körperliche Belästigung denke, die ich früher in Bars erlebt habe, hätte ich mir so eine Hilfe gewünscht. Das Problem kennen wohl die meisten Frauen und marginalisierten Gruppen – überall auf der Welt. Da ist Luxemburg keine Ausnahme.“ Allingtons Entschluss stand damit deshalb schnell fest: „Bringen wir Angela hierher.“ Zusammen mit ihren zwei Mitstreiter*innen Elodie Lemagnen und Arne de Wal gründete die gebürtige Britin hierzu den Verein „Ask for Angela“; allerdings nicht ohne zuvor die Erfinderin, Halyey Crawford, um Erlaubnis zu fragen.
„Ich habe Terri 2025 kennengelernt“, erzählt diese auf Nachfrage der woxx, „Ich finde großartig, was sie tut, um ‚Ask for Angela‘ nach Luxemburg zu bringen und mehr Menschen zu schützen.“ 2016 war Crawford in der Grafschaft Lincolnshire für die strategische Arbeit im Bereich sexualisierte Gewalt zuständig. Dabei stieß sie immer wieder auf ein Phänomen: Menschen, zumeist Frauen, die sich online verabredet und dann sexualisierte Gewalt erfahren hatten, erstatteten keine Anzeige. „Online-Dating war damals noch stigmatisiert“, erinnert sich Crawford. „Die Fälle kamen bei den Beratungsstellen an, aber nicht bei der Polizei.“ Auch sie selbst hatte sexuelle Übergriffe innerhalb der Clubszene Großbritanniens erlebt und wollte zur Verbesserung der Situation in den Lokalen ein Sicherheitsnetz schaffen. Sie fragte bei den Pubs an, ob die bereit wären, zu helfen. „Wenn wir ein Codewort hätten, das schnell kommuniziert, worum es geht, würdet ihr dann helfen und es umsetzen? Es hat eine Weile gedauert, aber ich habe sie überzeugt. Wir haben es in Lincolnshire erprobt.“ Mit Erfolg.

Wer ist Angela?

Ein Codewort war indes schnell gefunden. „Ich konnte mir keinen besseren (Namen) vorstellen als Angela – nach Angela Phillips (Crawford verwendet den Mädchennamen – medial ist der Fall unter dem Namen Angela Crompton bekannt, Anm. d. Red.), die von ihrem Mann getötet wurde. Angela war eine enge Freundin meiner Freundin Laura, die von dem Tod sehr mitgenommen war“, so Crawford. Angela Phillips war 2012 von ihrem Ehemann nach einem Streit wegen einer Umdekorierung der gemeinsamen Wohnung erschlagen worden. Der Täter wurde wegen Totschlags zu siebeneinhalb Jahren verurteilt, von denen er allerdings nur vier Jahre in Haft verbrachte. Der Fall kam in Großbritannien im März vergangenen Jahres wieder verstärkt in die Öffentlichkeit, nachdem eine BBC-Reportage mit versteckter Kamera aufdeckte, dass nur knapp die Hälfte von 25 getesteten Bars in London richtig auf das „Angela“-Codewort reagierten. Als Reaktion auf diesen Missstand rief die Tochter von Phillips die britische Regierung dazu auf, die Umsetzung der Kampagne richtig zu implementieren. Für sie wäre die Entdeckung, dass der Name ihrer Mutter noch auf diese Weise genutzt wird, eine unerwartete Form des Trostes. „Das hilft wirklich sehr“, sagte sie gegenüber der BBC. „Als ich herausfand, dass die Kampagne nach ihr benannt wurde, war das für mich eine echte Erleichterung.“

Um Schwierigkeiten wie eine mangelnde Verbreitung unter dem Personal im Horeca-Sektor schon vor dem offiziellen Launch zuvorzukommen, setzt Terri Allington auf eine breite Öffentlichkeitskampagne. Die 44-Jährige arbeitet zurzeit in Vollzeit an diesem Projekt, obwohl es bislang komplett auf ehrenamtlicher Basis betrieben wird. Das von ihr und ihrem Team an Freiwilligen in drei Sprachen – Französisch, Englisch und Deutsch – ausgearbeitete Trainingsmaterial setzt auf Kürze und Klarheit. In nur 30-minütigen Weiterbildungen könne sich das Personal online ausbilden. Sobald 80 Prozent der Belegschaft diese Ausbildung durchlaufen hätten, könne das jeweilige Lokal dem Verein als Mitglied beitreten. Allington plant bereits eine Ausweitung der Kampagne über den Horesca-Sektor und Luxemburgs Grenzen hinaus. „Es gibt so viele Freiwillige in Luxemburg mit so vielen verschiedenen Sprachen – es braucht nur zwei Stunden, um ein Training in einer weiteren Sprache zu erstellen.“ Allington will so zur zentralen Anlaufstelle der Bewegung werden.

Ein Codewort, das keines ist

Das Codewort „Angela“ ist eigentlich keins. Zumindest nicht im Sinne eines Wortes, dessen Bedeutung nur für eine kleine Gruppe klar ist. Es geht darum, ein klares Signal zu setzen, das in den Lokalen zu einer Reihe von definierten Schritten führt und so die Sicherheit der Betroffenen erhöht. Diese müssten sich nicht weiter erklären oder begründen, weshalb sie sich in ihrer Situation unsicher fühlten – eine oft unerkannte und unsichtbare Barriere, die viele Betroffene daran hindert, in einer brenzligen Situation um Hilfe zu bitten. Das trifft häufig dann zu, wenn die Bedrohung zwar verspürt, aber noch nicht auf körperlichem Niveau ist. „Angela ist kein geheimer Code. Es ist einfach eine sehr simple Art zu sagen, dass man Hilfe braucht – ohne Erklärung“, bringt es Allington auf den Punkt. Wichtig ist ihr auch zu betonen, dass Angela „für alle da ist“. Auch wenn Frauen und marginalisierte Gruppen am häufigsten betroffen sind, können alle Personen, unabhängig von Geschlecht, Alter oder sonstigen Merkmalen Unterstützung erfahren, wenn sie nach Angela fragen. Zu diesem Zweck ist es Teil des Weiterbildungsmaterials Personen verschiedener Hintergründe den Namen „Angela“ sagen zu hören, da er zum Beispiel je nach sprachlicher Herkunft der Betroffenen deutlich anders klingen kann.

Eine der häufigsten Fragen, die Terri Allington und ihrem Team gestellt wird, ist: Was passiert, wenn tatsächlich eine Person mit dem Namen „Angela“ gerade arbeitet? „Wenn tatsächlich eine Angela im Lokal ist, behandelt das Personal die Frage trotzdem zunächst als Hilferuf.“ Alles andere kann dann im designierten Safe-Space der Location geklärt werden. Getreu dem Motto: „Better safe than sorry“.

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