Unerbittlich, intim und unbedingt lesenswert: Fleur Jaeggys biografische Skizze über ihre Freundin, die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, die am 25. Juni 100 Jahre alt geworden wäre.

(Foto: SUHRKAMP)
Es gibt viele Aufnahmen von Ingeborg Bachmann, aber selten sah man sie so gelöst wie auf einem, vermutlich im Sommer 1971 aufgenommenen Schwarzweißfoto, das sie in zarter Vertrautheit neben Fleur Jaeggy auf einer Terrasse in mediterraner Umgebung zeigt. Jaeggy, italienisch-schweizerische Schriftstellerin, fünfundachtzigjährig, hat das Foto aus ihrem Privatarchiv dem Memoir „Die letzten Tage von Ingeborg“ vorangestellt – wie zur Beglaubigung dessen, was folgt. Jeder soll sehen, wie gut es den beiden damals ging. Das Foto veranschaulicht das Leitmotiv des Buchs, einen Satz, den Jaeggy an wichtigen Stellen wiederholt: „Wir haben es schön gehabt.“
Man liest ihn als Gegenstück zu Max Frischs Feststellung „Wir haben es nicht gut gemacht“. Damit hatte er sich brieflich von der Geliebten Bachmann verabschiedet. Jaeggy überschreibt das donnernde Urteil ihres Landsmanns, der, eigene Anteile zwar anerkennend, Bachmann Beziehungsunfähigkeit attestierte.
Wie andere Romane, Erzählungen und Geschichten der in Zürich geborenen, in Mailand lebenden Autorin ist das Buch, das zum 100. Geburtstag von Bachmann erscheint, ein äußerst schmales Werk, dennoch ist es ein Ereignis. Wie es der Titel verspricht, läuft „Die letzten Tage von Ingeborg“ auf Bachmanns Tod am 17. Oktober 1973 in Rom hinaus, eine literarische Indiskretion erster Güte. Das Buch verbindet Neues mit bereits Bekanntem, harsche Offenbarungen, aber auch sphynxhaftes Schweigen.
Eine Haushälterin, die den Urlauberinnen im „Salzwasserhaus“ zu Diensten ist, erinnert sich an Bachmann als glücklichen Menschen. Dazu Jaeggy: „Zu dem Wort ‚glücklich‘ kann ich nur schweigen. Aber ich weiß schon. Geschehen ist etwas äußerst Ähnliches. Ich hätte mir gewünscht, dass es lang anhält. Und immer.“
Jaeggy offenbart auch etwas von sich. Ihr Schreiben gilt als kalt, hart, hermetisch, in dieser Skizze zeigt sie aber auch ihre sanftere, irdische Seite, immer dann, wenn es um die Freundin geht. Gegenüber Dritten agiert sie rigoros. Bachmann jedoch erscheint als ihre Vertraute, Seelenverwandte und Inspiratorin, die sie mal subtil, mal schroff verteidigt.
Der Klappentext des im „Suhrkamp Verlag“ erschienenen Buches schlägt eine weitere Rolle Bachmanns vor, setzt allerdings ein Fragezeichen dahinter: War die ältere Schriftstellerin die „große Liebe“ der jüngeren? Unzweifelhaft ist, dass Bachmanns früher Unfalltod Jaeggy in tiefe Trauer stürzte. Neu ist das nicht, aber die Freundschaft zu Bachmann und der Schmerz über den Verlust der nach einer Brandverletzung gestorbenen Mentorin werden komprimiert. Auf die vielen Feuer, die im Jaeggy-Werk lodern, wies Jeffery Renard Allen in dem Aufsatz „Up in Flames“ 2018 hin. Zufall oder Zusammenhang? Im Miniaturen-Band „Mutmaßliche Leben“, kürzlich auf Deutsch ebenfalls bei Suhrkamp erschienen, reißt der Opium-Literat Thomas de Quincey, schlaftrunken Kerzen zu Boden, setzt Haare und Schlafrock in Flammen. „Man betrachtete ihn ein wenig als Brandstifter.“ Es fällt schwer, das Schicksal Bachmanns darin nicht gespiegelt zu sehen.
Wie andere Romane, Erzählungen und Geschichten der in Zürich geborenen, in Mailand lebenden Autorin ist das Buch über Ingeborg Bachmann ein äußerst schmales Werk, dennoch ist es ein Ereignis.
1940 als Tochter eines Schweizer Vaters und einer italienischen Mutter in Zürich geboren, wuchs Jaeggy bei einer Verwandten im Tessin auf, besuchte Internate am Bodensee und in Rom. Bis zu dessen Tod war sie mit dem italienischen Schriftsteller, Verleger und Bachmann-Förderer Roberto Calasso verheiratet. Gern wird Jaeggy auch als „Ex-Model“ (für die italienische „Grazia“) und als „Mystikerin“ vorgestellt. Weitere Zuordnungen zu treffen, fällt schwer, als Autorin gehört sie keiner literarischen Schule oder Bewegung an, sie ist ein schillernder Solitär.
Das zierliche Werk wird seit ein paar Jahren wiederentdeckt. Die durch Verknappung geprägte, assoziative Erzählweise und die Unerbittlichkeit, mit der Jaeggy über Figuren, Alltagszenen, Institutionen urteilt, faszinieren. Etwas Patina haben die Texte angenommen. Das liegt weniger am Stil, der noch immer frisch wirkt, aber ein Hauch von abgestandenem Klassendünkel ist den allem Sozialen entrückten Figurenkonstellationen eigen.
Im vergangenen Jahr (und damit merkwürdig spät) erhielt sie den Schweizer „Grand Prix Literatur“. Obgleich sie auch deutsch spricht, schreibt sie ausschließlich auf italienisch. Ihre Werke betreut der Mailänder Verlag „Adelphi Edizioni“; die deutschen Übersetzungen, zunächst im „Berlin Verlag“ veröffentlicht, darunter auch der als Hauptwerk geltende Roman „Die seligen Jahre der Züchtigung“ über ihre Internatszeit, erscheinen neuerdings im Suhrkamp Verlag. Dort ebenfalls erschienen ist der Erzählband „Ich bin der Bruder von XX“ (2024), der auch den Prosatext „Das aseptische Zimmer“ enthält; eine kurze Unterhaltung zwischen Bachmann und Jaeggy über das Altern, die nun in „Die letzten Tage von Ingeborg“ Eingang fand.
Was anhebt wie eine bezaubernde Sommerkomödie vor der Kulisse des Mittelmeers mit Bachmann und Jaeggy unterwegs im ikonischen Alfa Romeo, endet zwei Jahre darauf in der bekannten Tragödie. Jaeggy verbindet den Monat Juli des Jahres 1971, den die Freundinnen in einem Ferienhaus im italienischen Küstenort Poveromo verbringen, mit Erinnerungen an zurückliegende Unternehmungen, Begegnungen und Gespräche. Auch die Rekonstruktion von Bachmanns Aufenthalt in der Klinik für Brandopfer in Rom im Oktober 1973 fließt hier mit ein; Jaeggys Gespräche mit ihr über die Sprechanlage der Intensivstation, eine letzte Begegnung, ein Kuss auf die Stirn, die Wut, die Verzweiflung darüber, dass Bachmann vermutlich nicht die für sie beste Behandlung bekommen hat.
Am Klinikbett, bald das Sterbebett, entbrennt ein Kampf nicht nur um die Frage, wie Bachmann zu retten wäre, sondern auch um den Rang der um das Krankenlager versammelten Personen auf der Skala der Freundschaft. Schlecht weg kommt eine deutsche Studentin (die spätere Mitherausgeberin der Werkausgabe Christine Koschel). Sie bekam als erste Zugang zu Bachmann. Jaeggy wirft ihr vor, nahestehende und einflussreiche Personen viel zu spät über das Unglück informiert zu haben. „Das Fräulein“ habe die Dramatik der Situation nicht erkannt, zudem keine Ahnung gehabt, wie man mit den Professoren des römischen Krankenhauses hätte reden müssen und auch nicht über die erforderlichen Italienischkenntnisse verfügt. Dennoch habe sie niemanden verständigt. Es habe der Kranken infolge dessen an Sauerstoff und spezifischem Verbandsmaterial gefehlt. Die an anderer Stelle geführte Debatte, ob man die Ärzte über eine Medikamentenabhängigkeit Bachmanns hätte in Kenntnis setzen müssen, um den kalten Entzug zu vermeiden, spielt hier keine Rolle. Die junge Deutsche beschimpft sie als „alte Hure“, unbändig vor Schmerz. „Mir war keine andere Beschimpfung eingefallen. Mein Deutsch war recht armselig. Besonders an diesem Tag.“
Wie andere Veröffentlichungen aus dem Umkreis von Familie und Freunden Bachmanns wirft auch diese die ethische Frage auf, inwieweit das Privateste und Intimste der bekanntermaßen um Diskretion bemühten Ingeborg Bachmann postum zum Gegenstand von Spekulationen werden darf. Fleur Jaeggy hat auf ihre recht unerbittliche Weise eine Antwort darauf gegeben.

