Literatur: „Wenn die Wirklichkeit versagt“

Véronique Lasars phantastische Novelle „Weg“ handelt von unserer geltungssüchtigen Provinzgesellschaft, in der den Leisen, wie sie sagt, kein Platz mehr eingeräumt wird. Ein Gespräch.

Schreiben als lebenssteigernde 
Maßnahme: 
Véronique Lasar (Foto: Privat)

woxx: „Weg” handelt von der kafkaesken Verwandlung des Kuriers Gaspard Lhose in eine geisterhafte Gestalt, die ihn nach und nach von seinen Mitmenschen trennt und schließlich unsichtbar werden lässt. Man folgt seinem irritierten Gang durch die Hauptstadt und stellt fest: Die Entfremdung ist gegenseitig. Fühlt man sich als schreibender Mensch notgedrungen unsichtbar?


Véronique Lasar: Ich glaube, ob jemand sich unsichtbar fühlt, hat wenig damit zu tun, ob er schreibt, malt, Brot bäckt oder gar nichts tut, sondern eher damit, wie und ob er sich in der Gesellschaft wiederfindet. mehr lesen / lire plus “Literatur: „Wenn die Wirklichkeit versagt“”

Diversität und Pflichtlektüre: Planloses Ministerium?

Ende 2018 kritisierte die Voix de jeunes femmes (VJF) das obligatorische Leseprogramm der Abschlussklassen. Der Abgeordnete Dan Biancalana hakte gleich bei zwei Ministerien nach, was die Regierung aus der Kritik macht.

Die Ministerien beantworten die Fragen zur Diversifizierung des Leseprogramms unzureichend. (Bildquelle: Flickr)

Der LSAP-Deputierte Biancalana reagierte mit seiner parlamentarischen Anfrage auf die Presseberichte zum offenen Brief der VJF. Die feministische Jugendgruppe hatte darin mehr Autorinnen und Bücher mit vielseitigen Frauenfiguren auf dem obligatorischen Leseprogramm der Abschlussklassen eingefordert und damit unter anderem den Philosophen Norbert Campagna verärgert. Sie richtete den Brief an das Ministerium für Bildung, Kinder und Jugend – und wünschte sich von diesem die Kenntnisnahme und die Umsetzung ihrer Anregungen. mehr lesen / lire plus “Diversität und Pflichtlektüre: Planloses Ministerium?”

Marielle Heller: Sorry Not Sorry

„Can You Ever Forgive Me?“ ist eine hervorragend inszenierte und gespielte schwarze Komödie über real begangene Verbrechen. Der Film gibt zudem Melissa McCarthy die Gelegenheit, ihr beeindruckendes Talent als Drama-Schauspielerin unter Beweis zu stellen.

Um ihre Fälschungen anzufertigen, hat sich Lee Israel zahlreiche Schreibmaschinen angeschafft. (Fotos: outnow.ch)

New York, 1991: Lee Israel liebt es nicht nur, sich als jemand anderen auszugeben, sie ist auch ausgesprochen gut darin. Privat spielt sie Telefonstreiche, professionell schreibt sie Biografien über andere Menschen.

Der Film „Can You Ever Forgive Me?“, 
der auf Israels gleichnamigen Memoiren beruht, vermittelt ohne Umschweife, weshalb die damals anfang fünfzigjährige Frau so ist, wie sie ist: Sie versteckt sich, um anderen so wenig Angriffsfläche zu bieten wie nur möglich. mehr lesen / lire plus “Marielle Heller: Sorry Not Sorry”

Joseph Kayser: „De Mann, deen ëmmer laacht“

Joseph Kayser liefert mit „De Mann, deen ëmmer laacht“, eine der unangenehmsten literarischen Figuren 2018.

Editions Schortgen

Wer nach einer Abbildung für die Redewendung „unter die Gürtellinie gehen“ sucht, kann getrost auf ein Porträt von Clement S. zurückgreifen. Der überzeugte Junggeselle ist ein Korinthenkacker. Ein Beamten-Arschloch wie es im Buche steht: kleinkariert, gehässig und fies. Jede Provokation, jedes durch ihn verschuldete Unglück, jede Entrüstung über sein unmögliches Verhalten ringt ihm ein dreckiges Lachen ab. Er ist unsympathisch bis unausstehlich und wirkt in seiner Absurdität doch so real.

Joseph Kayser gelingt es einen authentischen Charakter zu konstruieren, der durch seine Infamie besticht. mehr lesen / lire plus “Joseph Kayser: „De Mann, deen ëmmer laacht“”

Pflichtlektüre: Heldinnen aus Druckerschwärze

In einem offenen Brief an das Bildungsministerium verlangt die „Voix de jeunes femmes“ (VJF) nach mehr Frau auf dem literarischen Lehrplan. Der Philosoph Norbert Campagna schlägt Alarm.

Die Pflichtlektüre für luxemburgische Abschlussklassen braucht Heldinnen und Frauenfiguren, die weder Sexobjekte noch Sündenböcke sind. (Foto: Pixabay)

Norbert Campagna zeigte sich im Dezember 2018 im „Tageblatt“ empört über den Brief der VJF, die er gleich im ersten Absatz mit dem „Conseil national des femmes du Luxembourg“ (CNFL) gleichsetzt. Missverständnis Nummer eins. Weitere folgen. Während die Jugendgruppe des CNFL eine egalitäre Überarbeitung des festgelegten Leseprogramms für die Abschlussklassen des „enseignement secondaire“ fordert, schreit Campagna Zensur und Fanatismus. mehr lesen / lire plus “Pflichtlektüre: Heldinnen aus Druckerschwärze”

Nochmal von vorne

Anja Di Bartolemo beobachtet und beschreibt in ihrem letzten Buch den Farbwechsel der Chamäleons. Ob sie mit dem gleichnamigen Kurzgeschichten-Band überzeugt? Jein.

Op der Lay

An irgendwas fehlt es den Geschichten, die Anja Di Bartolomeo in „Chamäleons“ erzählt. Was genau, das wird erst auf den letzten 14 Seiten des Buches deutlich. Der Rest gleicht mehr der Aneinanderreihung klischeehafter Charaktere, in deren Leben es früher oder später zum „plot twist“ kommt. Sie sind Chamäleons, die sich an ihre Umgebung anpassen bis ihnen die Farbe ausgeht.

Es gibt den ausrangierten Bürohengst, den Krisenmanager kurz vorm Burn-out, den erfolgsgeilen Anwalt, die Journalistin auf der Suche nach der besten Coverstory – alles Menschen, die auf dem Karussell der Arbeitswelt festsitzen, das sich ohne Rücksicht auf Verluste dreht und dreht und dreht bis eine*r runterfällt. mehr lesen / lire plus “Nochmal von vorne”

Georges Hausemer: Kleine luxemburgische Literaturgeschichte

In seinem posthum erschienenen Episodenroman beschäftigt sich Georges Hausemer mit der hiesigen Literaturszene und teilt kräftig aus – am meisten aber gegen sich selbst.

„Und ich hatte mich ausgerechnet für die Literatur entschieden. Warum großer Gott? Aber warum, zum Teufel, eigentlich nicht?“ – so quält sich der Ich-Erzähler in Hausemers letztem Roman, als er schlussendlich eine Stelle als Verlagsvertreter beim angesehenen „Luksbuks“-Verlag annimmt. Und das ohne die leiseste Ahnung vom luxemburgischen Literaturbetrieb zu haben. Ziemlich schnell wird der Protagonist feststellen müssen, dass die Szene nicht so sehr ein Wespennest ist, als vielmehr einer Kriegszone nahekommt – wenn auch auf ziemlich provinziellem Niveau. mehr lesen / lire plus “Georges Hausemer: Kleine luxemburgische Literaturgeschichte”

Elise Schmit: Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen

Lange musste sich das Publikum gedulden bevor es das erste Buch von Elise Schmit in den Händen halten konnte. Der Band mit Kurzgeschichten, der bei Hydre Editions publiziert wurde, kann durchaus überzeugen.

Elise Schmit ist in der luxemburgischen Literaturszene längst keine Unbekannte mehr: Bereits zwei Mal wurde sie beim Concours littéraire national ausgezeichnet – unter anderem wegen einem der in dem nun erschienenem Band veröffentlichten Texte. Der Titel „Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen“ ist denn auch Programm, denn in jedem der insgesamt sieben Texte geht es um einen Versager, einen Sturz oder einfach nur um ein Verlassen der üblichen Wege. Am besten illustriert dies „Im Zug“ wo ein vermeintlich verlassener Liebhaber sich auf eine Irrfahrt quer durch Deutschland begibt, um sich Stück für Stück selbst aufzulösen. mehr lesen / lire plus “Elise Schmit: Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen”

Nicole Sahl : Kleines ABC der Pseudonyme in Luxemburg

Le dictionnaire des pseudonymes au Luxembourg dévoile, outre les identités, l’envergure de la pratique d’écriture anonyme au grand-duché.

« Ceci est un travail de curiosité littéraire » – la citation de Charles Joliet, auteur en 1867 des « Pseudonymes du jour », où il révéla les véritables identités derrière des noms de plume, donne le ton dès les premières pages.

Et curieuse, elle l’est, Nicole Sahl, conservatrice au Centre national de littérature à Mersch depuis 2006 et coéditrice du « Luxemburger Autorenlexikon ». Rien qu’amasser les tonnes d’informations nécessaires demande beaucoup de temps et de patience – sans parler du travail de compilation et de classification des pseudonymes. mehr lesen / lire plus “Nicole Sahl : Kleines ABC der Pseudonyme in Luxemburg”

Samuel Hamen : V wéi vreckt, W wéi Vitess

Dem Samuel Hamen seng éischt Erzielung beweist, datt een net muss en ale Granzert si, fir béis a granzeg lëtzebuergesch Literatur ze schreiwen.

Et schéngt e Fluch op der lëtzebuergescher Literatur ze léien: Vu lauter Äifer an hirer Mammesprooch ze schreiwen, vergiesse vill Schrëftsteller*innen, datt se och nach e Schluss fir hir Geschicht musse fannen. Dat gëllt och fir „V wéi vreckt W wéi Vitess“ vum Samuel Hamen. Mee dat ass dann awer och quasi dat Eenzegt, wat een dësem Buch ka virgeheien.

Den Auteur geet nawell zimlech gerass vir, fir säi Wierk an der heiteger Literaturlandschaft anzebrennen. Dat andeems en aner bekannte Schrëftsteller*innen einfach abënnt: Sou emmerdéiert den Haaptpersonnage ëmmer nees de Guy Helminger iwwer Voicemail, versteet näischt vum Tullio Forgiarini sengem Franséisch a probéiert sech net virun der Claudine Muno (Uff! mehr lesen / lire plus “Samuel Hamen : V wéi vreckt, W wéi Vitess”

Jean Back: Trakl Blues

Eine Prise Nostalgie, serviert mit einer guten Dosis-Selbstironie – Jean Backs „Trakl Blues“ fällt nicht in die Klischees der Alt-68er Memoirenschreiber.

Wenn Alt-68er (oder wie in diesem Fall Alt-78er) ihre Memoiren schreiben, ist meistens Vorsicht geboten. Schnell wird die Vergangenheit verklärt, nur um besser auf die „Jugend von heute“ einzudreschen, die ja keine Werte mehr kennt und sich nicht auflehnt. Dass es sie selbst waren, die ihre Ideale von einst verrieten und dem Neoliberalismus Tür und Tor öffneten, kommt dabei den wenigsten in den Sinn.

Daran gemessen ist Jean Backs „Trakl Blues“ ein vergleichsweise harmloses Buch. Die Geschichte einer Bande von Jugendlichen, die 1978 gegen die erzkonservative Gesellschaft rebellieren, indem sie ein Gedicht des expressionistischen Poeten und Meister der Fäulnis und des Verfalls Georg Trakl auf Zelluloid bannen (und dafür sogar Geld aus dem eben gegründeten Kulturministerium absahnen) enthält zwar eine gehörige Portion Eigenlob. mehr lesen / lire plus “Jean Back: Trakl Blues”

Jean Schoos: Schaarf Munitioun

Am zweete Band vum Jean Schoos senger Saga, déi d’läscht Joer ënnert dem Titel „Den drëtte Schlëssel” ugefaangen huet, gëtt  schaarf geschoss.

Bei engem Nato-Manöver am Oste vum Land gëtt e lëtzebuergeschen Zaldot schwéier blesséiert – an dat obwuel bei sou Exercice just mat blanne Patroune geschoss soll ginn. Wéi duerno de Chalet an deem Zaldote souzen och nach an d’Luucht flitt, huet den Oberleutnant Fischbach vun der Sûreté (dee mer schonn aus dem éischte Band kennen) alt nees e knëfflege Fall op der Box. Intrigen tëscht der Arméi, dem Srel, der Gendarmerie an der Police maachen him d’Liewen net onbedéngt méi einfach. mehr lesen / lire plus “Jean Schoos: Schaarf Munitioun”