„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“: Blut, Sex und Gummibärchen

von | 25.09.2026

Der neuste Film von Jane Schoenbrun, Meister*in des queeren Horrors, ist eine Liebeserklärung an das Slasher-Genre, die dennoch mit Kritik nicht spart – und viel ernster über Sex redet, als man hätte erwarten können.

Zwei Frauen stehen total blutverschmiert in der Süßigkeitenabteilung eines Tankstellen-Supermarkts und sehen sich verliebt an. Ihr Einkaufswagen ist gefüllt mit Snacks und Süßem.

Billy (Gillian Anderson) und Kris (Hannah Einbinder) verbindet eine große Liebe zu Süßigkeiten. (FOTO: MUBI)

Regisseurin Kris Williams (Hannah Einbinder) soll einen Reboot von „Camp Miasma“, einem Slasher-Film aus den 1980ern, drehen. Als junge queere Frau wird von ihr erwartet, eine „woke“ Version des Horrorklassikers zu realisieren, um das Franchise für ein jüngeres und kritischeres Publikum aufzufrischen. So besucht sie die zurückgezogen lebende Schauspielerin Billy Presley (Gillian Anderson). Der ehemalige Star spielte im ersten Film das „Final Girl“, die einzige Überlebende des Gemetzels. Kris will Billy überreden, eine Rolle in ihrem neuen Film zu übernehmen. Es beginnt ein Prozess der gegenseitigen Verführung.

Im Vorspann wird die Geschichte von „Camp Miasma“ erzählt: Der erste Teil des fiktiven Franchises ist ein großer Erfolg auf der Leinwand und zieht nicht nur Fortsetzungen, sondern auch allerhand Merchandise und Videospiel-Adaptationen mit sich. Im Laufe der Jahre sinkt die Qualität der Fortsetzungen jedoch, zuletzt erscheinen diese direkt auf Videokassette statt im Kino. Große Hoffnung für ein Neuaufleben des Franchises ist Williams, die sich als junge Regisseurin beim „Sundance“-Filmfestival einen Namen gemacht hat.

Die Protagonistin ist demnach in einer ähnlichen Situation wie Filmemacher*in Jane Schoenbrun vor dem aktuellen Film. Der*die konnte mit „We’re All Going to the World’s Fair“ (2021) und „I Saw the TV Glow“ (2024) Erfolge bei Festivals und Filmkritiker*innen feiern. In Interviews betont Schoenbrun immer wieder, dass diese Filme – wie auch das neuste Werk – als Reflexion auf seine*ihre Transition entstanden sind. In „We’re All Going to the World’s Fair“ geht es um eine Teenagerin, die bei einer Online-Mutprobe mitmacht und sich dann immer mehr in dem okkulten „Spiel“ verliert. Alle Teilnehmenden erleben merkwürdige Veränderungen an ihren Körpern, was laut einem „Variety“-Interview mit Schoenbrun ein Versuch war, das für cis Personen schwer nachvollziehbare Gefühl der Genderdysphorie filmisch darzustellen.

Nahaufnahme von Little Death, einer Person in einem weißen, blutverschmierten Plastikanzug und einem Lüftungsschacht auf dem Kopf. Er hält einen Speer in beiden Armen, der nach unten, zu einem nicht auf dem Bild sichtbaren Opfer, gerichtet ist.

Camp Miasma-Killer Little Death kann auch als queerer Racheengel gedeutet werden. (FOTO: MUBI)

In „I Saw the TV Glow“ geht es um Teenager*innen, die Fans der Fernsehserie „The Pink Opaque“ sind, die große Ähnlichkeit mit „Buffy the Vampire Slayer“ hat. Sie identifizieren sich so sehr mit der Serie und ihren Protagonist*innen, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Eigentlich wollen sie in der Welt des „Pink Opaque“ leben und jemand anderes sein. Obwohl das vielen cis Zuschauer*innen vielleicht nicht auf den ersten Blick auffällt, ist dies auch eine Metapher für Transgeschlechtlichkeit und den Kampf dafür, die eigene Wahrheit leben zu können.

„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ bildet das letzte Kapitel dieser Trilogie, die alle aus einer trans Perspektive heraus auf Medien, insbesondere Filme, schauen.“

„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ bildet das letzte Kapitel dieser Trilogie, die alle aus einer trans Perspektive heraus auf Medien, insbesondere Filme, schauen. So ist es kein Zufall, dass das Horrorgenre der Dreh- und Angelpunkt des filmischen Schaffens Schoenbruns ist: Nicht nur, dass er*sie seit der Kindheit ein Fan von Horrorfilmen ist, es gibt auch seit jeher eine Verbindung zwischen Horror, Monstern und Queerness – das Monströse wird mit sexueller Devianz gleichgesetzt. Diese Tradition ist so alt wie das Genre selbst. Bereits in „Carmilla“ von Joseph Sheridan Le Fanu, einem der ersten Vampirromane, kommt eine explizit lesbische Vampirin vor, die versucht, die Hauptfigur zu verführen. Auch Bram Stokers Graf „Dracula“, der wohl wie keine andere Figur das Genre geprägt hat, lässt sich mit seinen Gelüsten zur männlichen Hauptfigur des Romans, Jonathan Harker, als bisexuell lesen. Dass Monster oft als Metapher für Abweichungen von der vermeintlichen Norm gelesen werden können, macht sie auch zu Identifikationsfiguren für queere Menschen. Wenn man sich schon nicht in den Protagonist*innen wiederfinden kann, dann wenigstens in den monströsen und absonderlichen Widersacher*innen. Vom Trost, den Horrorfilme – auf den ersten Blick absurderweise – spenden können, erzählen queere Personen zum Beispiel in dem Essayband „It Came from the Closet: Queer Reflections on Horror“, der 2022 von Joe Vallese herausgegeben wurde.

So ist auch der zentrale Antagonist der fiktiven „Miasma“-Filme zweideutig. Klar wird dies in einem Moment, in dem den Zuschauer*innen einen Blick auf das Filmmaterial des Kult-Franchise gewährt wird. Erst lernen sich aber Billy Presley, die Gillian Anderson bezaubernd als Hollywood-Diva alter Schule mit einem grandiosen Südstaaten-Akzent verkörpert, und die verkopfte Regisseurin Kris näher kennen. Letztere muss durch einen Schneesturm in ein ehemaliges Ferienlager – den Drehort des ersten „Camp Miasma“-Films – fahren, um die in einer luxuriösen Waldhütte abgeschottete Schauspielerin zu besuchen. Den Vergleich zu Norma Bates aus „Sunset Boulevard“ macht der Film selbst. Anderson – Älteren als Dana Scully aus „The X-Files“, Jüngeren als Sexualtherapeutin Jean Milburn in „Sex Education“ bekannt – geht in der Rolle, die in gewisser Weise beide Charaktere verknüpft, mehr als auf. Auch Einbinders Darstellung der verklemmten und verkopften Regisseurin ist äußerst glaubhaft. Ihre Kris ist zwar schnell davon überzeugt, dass Billy nicht nur ein Cameo, sondern die Hauptrolle in ihrem Film übernehmen soll, doch Andersons Schauspielerin ist sie sogar nach einem Joint noch zu akademisch.

Dennoch zeigt sie Kris ihre Privatkopie von „Camp Miasma“, und als Zuschauer*innen dürfen wir ihn als Film-im-Film mitansehen. Was wir zu sehen bekommen, ist nicht nur eine großartige Hommage an Slasher wie „Nightmare on Elm’s Street“, „Friday the 13th“ oder „Halloween“, sondern auch eine Kritik an den queerfeindlichen Botschaften, die diese oft – vermutlich nicht mal bewusst – transportieren. Der Bösewicht der „Camp Misma“-Reihe, Little Death (Jack Haven), ist einerseits ein typischer Killer aus einem Slasher: Er trägt einen Belüftungskasten auf dem Kopf und ist ein Plastikgewand gehüllt – ein Outfit, das es durchaus mit denen anderer Slasher-Antagonisten der 1980er-Jahre wie Freddy Krueger (Fedora und rot-grün-gestreifter Pullover) oder Jason (Hockeymaske) aufnehmen kann. Der Kunststoffanzug ist dabei eine Hommage an die in Plastik gehüllte tote Laura Palmer in David Lynchs „Twin Peaks“, den Belüftungskasten wählte Schoenbrun nach einer schlaflosen Nacht bei den Eltern seiner*ihrer Ex aus, erzählte der*die Filmmacher*in dem sozialen Filmnetzwerk Letterboxd im Interview.

„ So ist es kein Zufall, dass das Horrorgenre der Dreh- und Angelpunkt des filmischen Schaffens Schoenbruns ist.“

Doch Little Death ist auch eine queere Figur, wie aus der tragischen Hintergrundgeschichte, die erklären soll, warum er zum Killer wurde, ersichtlich wird: Seine Eltern waren, erfahren die Zuschauer*innen im Film-im-Film, „Hermaphroditen“ und zwangen ihn, jeden Tag als ein anderes Geschlecht zu leben: einen Tag als Jungen, den nächsten als Mädchen. Die Camper*innen mobbten ihn deswegen und hatten „keine andere Wahl“, als ihn im See zu ertränken. Jahre später steigt er, bewaffnet mit einem Speer, aus diesem wieder empor und tötet die neuen Teenager*innen, die Kinder im Ferienlager betreuen sollen. Die Transfeindlichkeit, die Little Death entgegenschlägt, ist eine direkte Anspielung an „Sleepaway Camp“. Dessen Killer hatte eine ähnliche Hintergrundgeschichte, die als besonders schockierend wollender Twist am Ende des Films präsentiert wird. Besonders deutlich wird die Kritik an dieser Verteufelung von trans Menschen in der Szene, als die Camp-Betreuer*innen um ein Lagerfeuer sitzen und sich die Gruselgeschichte von Little Death erzählen. Eine Punkerin tut sich dabei besonders hervor, Little Death als „Freak“ darzustellen. Schoenbrun zeigt so, dass die Filmemacher*innen der 1980er weder Punk noch Queerness verstanden haben.

In einer blutigen Sequenz, die mehr einem Musikvideo als einem Slasher ähnelt, lässt sich Little Death durchaus als queerer Racheengel lesen, der alle heteronormativen Teenager*innen, die sich über ihn lustig gemacht haben, auf brutalste Art und Weise tötet: Die Kamera nimmt seine Perspektive ein, Blut spritzt in hohen Fontänen. Ironischerweise verwehrt sich der – echte – Film einer solchen Lesart. Billy hält Kris eine Standpauke, da sie zu akademisch an das Thema herangeht: „In ‚Camp Miasma‘ ging es nicht um kulturelle Darstellungen von Monstrosität oder Gendertrouble oder so etwas. Es ging um zwei sehr einfache Dinge: Fleisch und Körperflüssigkeiten.“

„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist eben auch eine Hommage an die einfache Freude, die das Schauen von vermeintlich schlechten Horrorfilmen sein kann. Das verdeutlichen auch die Berge an Gummi-Süßigkeiten, zwischen denen sich Einbinder und Anderson räkeln: Filme müssen nicht immer intellektuelle Höhenflüge sein, sondern dürfen auch einfach Spaß machen. Zudem können Slasher paradoxerweise eine gewisse Sicherheit darstellen – sie lassen eine*n sich fürchten, aber in einem sicheren Rahmen. Schoenbrun verglich das in einem Interview mit „Numéro Netherlands“ mit Achterbahnfahren und erklärte, wie er*sie die Formelhaftigkeit deutet: „Es ist so ein ritualisiertes Genre. Wenn ich einen Slasher-Film sehe, weiß ich nicht nur, was passieren wird, ich weiß in welcher Reihenfolge es passieren wird; und ich weiß, wer zuerst getötet wird und wer überleben wird. Das sagt mir, dass es etwas libidinöses im Genre gibt, fast wie ein Paarungsritual. Für mich ist es Angst und Verlangen.“

Anders als jene Filme, die es behandelt, ist Schoenbruns Werk kein Slasher und hat damit die Chance, sich viel tiefgehender und ernster mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Könnte man im ersten Drittel noch bei manchen Szenen das Gefühl bekommen, bald würde es gruselig werden oder ein Jump-Scare eine*n erschrecken, so wandelt sich alsbald die Stimmung: Die sexuelle Anziehung zwischen Kris und Billy macht schnell vergessen, dass erstere eigentlich ein Konzept für ihren Film erstellen und diesen den Studiobossen vorlegen sollte.

„Schoenbrun liefert keine einfache Liebeserklärung ab, sondern schafft es, in vielen Nuancen und Schichten das Genre auseinanderzunehmen und in einer Art und Weise neu zusammenzusetzen, die wahrlich meisterhaft ist.“

Der „Camp Miasma“-Killer trägt seinen Namen nicht aus Zufall, wie er auch seine Opfer mit einem Speer penetriert. Die Verbindung zwischen Sexualität und Todestrieb, die auch Kris äußert, als sie sich endlich gegenüber Billy öffnet, ist keine Neuigkeit. Neu ist aber die Perspektive, aus der Schoenbrun dies präsentiert und die Offenheit, mit der ihre Figuren nicht nur über sexuelle Übergriffe, sondern auch über Fantasien berichten. „Es gibt kein ‚schlecht beim Sex sein‘“, erklärt die Hollywood-Diva der Regisseurin, als wäre es das Einfachste auf der Welt. Die beiden Schauspielerinnen zeigen gekonnt, warum es dennoch eben nicht immer so einfach ist. Und wie schwierig es sein kann, die eigenen Traumata, aber auch Fantasien anzuerkennen und zu verbalisieren. Eine Schlüsselszene, in der Little Death in den Augen der jungen Billy (Amanda Fix) gespiegelt zu sehen ist, spielt dabei eine besondere Rolle und bringt das Gefühl des Dissassoziierens gekonnt auf die Leinwand. Der Fakt, dass der Film laut Regisseur*in mehrere Höhepunkte hat, ist ebenfalls kein Zufall.

Zwei Frauen sitzen in einem Kino, hinter ihnen leuchtet ein Projektor. Die junge Frau links, locker gekleidet schaut etwas verzweifelt, während die ältere Frau rechts von ihr, gekleidet wie eine Filmdiva mit Turban, konzentriert auf die Leinwand sieht.

Sowohl Hannah Einbinder (links) als auch Gillian Anderson (rechts) brillieren in ihren jeweiligen Rollen. (FOTO: MUBI)

„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist ein schillernderes, postmodernes Werk, das sich selbst nicht ernst nimmt, aber seine Charaktere und Themen dafür umso mehr. Immer wieder lässt Schoenbrun ihre Zuschauer*innen darüber im Dunkeln, welche Szenen sich in der Realität oder der Fantasie abspielen. So ist das gesamte Ferienlager stets so gefilmt, dass die gemalte Kulisse im Hintergrund als künstlich zu erkennen ist und die Jahreszeiten wechseln magisch von Winter zu Sommer, Elemente des „Camp Miasma“-Films scheinen in der Wirklichkeit aufzutauchen und Schoenbrun setzt die gleichen Filmtricks ein, die Kris zuvor noch auf der Meta-Ebene kommentiert hat. Das alles passiert unprätentiös, sodass man als Zuschauer*in nicht das Gefühl hat, Schoenbrun zeige, wie toll er*sie als Regisseur*in ist, sondern lediglich seine*ihre Liebe zum Medium teilt.

Die Filmmusik besteht neben einem Großteil aus eigens komponierten Songs des Singer-Songerwriters Alex G, der auch schon die Musik für Schoenbruns vorherige Filme schrieb, auch aus perfekt eingesetzten Songs. Besonders die blutrünstige Szene, die mit „A Long December“ der Rockband „Counting Crows“ untermalt wird, wirkt wie ein Musikvideo und erinnert an den (ähnlich blutigen) Höhepunkt des Anime-Klassikers „End of Evangelion“. Interessant ist, dass keins der Lieder tatsächlich aus den 1980er-Jahren stammt, sondern vielmehr den Musikgeschmack von Millenials abbildet.

„Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ ist nicht der queere Slasher, den vielleicht einige erhofft haben. Ganz im Gegenteil zu den Konventionen dieses Genres ist es überhaupt nicht möglich, am Anfang des Filmes zu erraten, wer wann stirbt und wer überlebt – aber zum Glück geht es auch gar nicht darum. Stattdessen stehen die Liebe zum Film, zu Horror allgemein und zum Slasher im Speziellen, im Fokus. Schoenbrun liefert keine einfache Liebeserklärung ab, sondern schafft es, in vielen Nuancen und Schichten das Genre auseinanderzunehmen und in einer Art und Weise neu zusammenzusetzen, die wahrlich meisterhaft ist.

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