EUROKRISE: Auch Mister Euro kennt Europas Grenzen

von | 22.12.2011

Jean-Claude Juncker ist ein beliebter Interviewpartner bei ARD und ZDF. Dort schlägt der Chef der Eurogruppe europäischere Töne an als manch anderer Regierungschef. Doch dies entspricht nicht immer der Politik, die der Premierminister in EU-Gremien vertritt. Auf der europäischen Tribüne bahnt sich für die Luxemburger Polit-Nummer Eins der Abschied an.

Die Kommission an der Spitze einer europäischen Wirtschaftsregierung?
Jean-Claude Juncker hat seine Zweifel: „Brüssel hat der Chamber nichts zu sagen.“

Ob im Interview im Heute-Journal oder in der Debatte mit Europa-Parlamentariern: Jean-Claude Juncker ist der etwas „andere“ EU-Politiker. Das liegt nicht nur an seiner unkonventionellen und zuweilen schnoddrigen Ausdrucksweise, die sich vom gestelzten und geglätteten Politikersprech manch anderer Regierungschefs abhebt. Als Repräsentant eines kleinen Staates gilt der Luxemburger Premier eher als andere als „unparteiisch“, ihm kauft man eine authentische, nicht von nationalen Interessen getrĂĽbte, europäische Denke ab. Sein Vermögen, Live-Interviews mĂĽhelos in mehreren Sprachen zu geben, macht ihn bei der ausländischen Presse besonders beliebt und unterstreicht das Bild des Muster-Europäers. Ein Chef der Eurogruppe, der alles andere als unnahbar und meist bereit ist, ĂĽber die komplizierte Welt der Eurofinanzen auch fĂĽr Nicht-Wirtschaftsjournalisten halbwegs verständliche Statements abzugeben. Dabei setzt die seit langem in Luxemburger Politbarometern unschlagbare Nummer eins durchaus europäische Prioritäten: Nicht selten kommt die nationale Presse bei Interviewanfragen an zweiter Stelle.

Hört man genau hin, argumentiert Jean-Claude Juncker längst nicht immer europäischer als seine KollegInnen. „Sie beschreiben mich hier als Täter und als Opfer“, stellte der Chef der Eurogruppe Ende September im StraĂźburger Europaparlament fest, als er den Abgeordneten Rede und Antwort zur Situation des Euro stand. Der Chef der europäischen Sozialdemokraten hatte ihm eine Frage als „Premierminister von Luxemburg“, und als solcher als „Mitglied des Clubs der Intergouvernementalisten“ gestellt. „Wir wissen von Ihnen, dass sie keiner sind“, schmeichelte Martin Schulz seinem Opfer, „aber ich muss Sie zunächst einmal in Haftung nehmen fĂĽr ihre liebenswerten Kollegen und Kolleginnen, mit denen sie ja regelmäßig zusammensitzen.“ Die Staats- und Regierungschefs der Eurozone seien es schlieĂźlich, welche die gemeinschaftliche europäische Methode des Regierens derer zwischen einzelnen Staaten vorziehen wĂĽrden. „Was sagt denn der Premierminister Luxemburgs dazu, dass der Chef der Euro-Gruppe ausgebootet werden soll?“, fragt Schulz ganz direkt. Solchen Fragen weicht Juncker wie so oft diplomatisch aus. „Ich trage den Vorschlag von Frau Merkel und Herrn Sarkozy mit, Herrn van Rompuy zum Präsidenten der Euroformation des Europäischen Rates zu ernennen“. Herr von Rompuy sei es als Präsident des Europäischen Rates gewohnt, eine Gruppe von 27 zu betreuen und könne dies sicher ohne groĂźe Umstellung fĂĽr 17 tun. Muskeln zeigen gegen das Duo Merkozy? Diese Performance ĂĽberlässt der Premier seinem Finanzminister, der sich weniger auf der europäischen TribĂĽne produziert, sondern vorwiegend zu Hause vor dem landeseigenen Publikum. Erfahrungsgemäß trifft dort Kritik am deutsch-französischen Diktat auf fruchtbaren Boden.

Eine solche personelle Arbeitsaufteilung in der Kommunikationspolitik bringt Vorteile: Das, was auf der europäischen Tribüne nach außen verkündet wird, kann der heimischen Wählerschaft zu Hause auf andere Art und Weise nahegelegt werden. Als nach dem sommerlichen deutsch-französischen Gipfel der Vorschlag einer europäischen Wirtschaftsregierung Einzug in die Debatte hielt, wetterte Luc Frieden anders als der Chef der Eurogruppe zunächst einmal dagegen. Da schien es in der Luxemburger Regierung auch niemanden zu stören, dass der Luxemburger Finanzminister mitten im Land des Erfinders der viel diskutierten Eurobonds in dieser Sache Vorsicht und Zurückhaltung predigte. Europäische Staatsanleihen seien kein Instrument gegen die Krise, so Frieden, der damit ganz auf der Linie der zuvor kritisierten deutschen Kanzlerin lag.

Merkozy braucht Mister Euro nicht mehr

Dass Jean-Claude Junckers Visionen fĂĽr eine „mĂ©thode communautaire“ der europäischen Union deutliche Grenzen gesetzt sind, zeigte sich in einer weiteren Debatte im Europaparlament. Mit Fassung trugen es die Parlamentarier, als sie vom Präsidenten der Eurogruppe zu einer ihrer zentralen Forderungen fĂĽr den Weg aus der Finanzkrise einen Korb bekamen. „Die Kompetenz einer europäischen Wirtschaftsregierung liegt bei der europäischen Kommission“, hatte der Kommissionspräsident in StraĂźburg unter viel Beifall festgestellt. Demzufolge liege die Verantwortung des Vorsitzes einer solchen Regierung beim Wirtschaftskommissar, so JosĂ© Manuel Barroso. Dasselbe unterstreichen seit Wochen Liberale, Sozialdemokraten und GrĂĽne im Parlament. Sollte man so weit gehen? „Je m´interroge“, lautete Junckers Reaktion auf diesen Vorschlag. Man brauche sich nicht einzubilden, dass die Regierungen eines Tages vollkommen aus dem Entscheidungsfeld der Eurozone oder der Europäischen Union verschwinden werden. „Sie können dieses GerĂĽst nicht zerstören.“ Im Interview mit der Luxemburger Presse wird der Eurogruppenchef, jetzt wieder ganz Premierminister, noch deutlicher: „Ein EU-Kommissar hat kein Recht, einen nationalen Haushaltsplan umzuschreiben und es nicht die Aufgabe BrĂĽssels, der Chamber Vorschriften zu machen.“

Junckers Argument, die Kommission könne schlieĂźlich nicht gleichzeitig Gesetze vorschlagen und auch darĂĽber entscheiden, ist indessen wenig ĂĽberzeugend. Dasselbe Szenario spielt sich immerhin seit Jahren in den Ministerräten und im europäischen Rat ab. Dass Jean-Claude Juncker als langjähriger Regierungschef des Finanzplatzes Luxemburg maĂźgeblich mitverantwortlich ist fĂĽr die traditionelle Politik des Festhaltens an heute europaweit kritisierten Instrumenten wie Bankgeheimnis und SteuervergĂĽnstigungen, stand seinem guten Ruf als Muster-Europäer erstaunlicherweise nicht ĂĽberall im Wege. Etwa im Europaparlament, wo Martin Schulz dem Luxemburger Premier attestiert, „exakt der richtige Mann“ fĂĽr den Posten des permanenten Chefs der Eurogruppe zu sein. Junckers Mandat läuft im Juni aus. In der deutsch-französischen EU-Kaderschmiede steht der einstige Zögling von Helmut Kohl heute nicht mehr hoch im Kurs. Als vor drei Jahren Franz MĂĽntefering publikumswirksam Soldaten in Steueroasen wie Luxemburg entsenden wollte und der frĂĽhere deutsche Finanzminister Peer SteinbrĂĽck das GroĂźherzogtum auf eine Stufe mit Ouagadougu stellte, begann Jean-Claude Juncker aus dem Kreis derer auszuscheiden, die in dieser europäischen Union fĂĽr höhere Jobs gehandelt werden. Sein nicht immer sehr ĂĽberzeugendes Management der sich zuspitzenden Eurokrise tat ein Ăśbriges. „Ich bin absolut nicht an diesem Posten interessiert“, versicherte der Staatsminister der heimischen Presse in einem eilig anberaumten Briefing nach einer weiteren Debatte im Parlament. Sein Desinteresse kommt nicht zur Unzeit, denn seine Kandidatur wĂĽrde heute wohl kaum mehr BerĂĽcksichtigung finden.

Martin Schulz rang dem Premierminister Jean-Claude Juncker vor der StraĂźburger Vollversammlung dann doch noch ein „europäisches“ Versprechen ab. Sollte Herman van Rompuy tatsächlich zum Vorsitzenden der europäischen Wirtschaftsregierung ernannt werden, mĂĽsse sichergestellt sein, dass er in seiner neuen Funktion auch dem Europäischen Parlament gegenĂĽber verantwortlich gemacht wird „Sind Sie bereit, als Premierminister Luxemburgs den Beschluss nur dann mitzutragen?“, fragte Schulz. Unter groĂźem Beifall lautete Junckers knappe Antwort: „Ja!“ Ob dieses Versprechen eingelöst wird oder nicht, steht derzeit noch nicht fest. Die jĂĽngsten GipfelbeschlĂĽsse lassen noch viel Interpretationsspielraum im Hinblick darauf, ob das Parlament gestärkt oder geschwächt wurde. Welche Meinungen und Vetos neben David Cameron die anderen 26 Regierungschefs in der EU-Runde jeweils vertreten haben, bleibt weiterhin hinter den geschlossen TĂĽren der Verhandlungsräume auf BrĂĽsseler Gipfel verborgen. Dies liefert somit fĂĽr spätere Stellungnahmen den nötigen nationalen und europäischen Spielraum.

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