RELIGIONSUNTERRICHT: Freiheit, die ich glaube

von | 15.03.2012

Den Religionsunterricht abschaffen? Das fordern seit Jahrzehnten laizistisch eingestellte Organisationen – und befinden sich damit auf Konfrontationskurs zur katholischen Kirche. An der protestantischen Kirche haben sie dabei allerdings keinen Verbündeten.  

Der Religionsunterricht ist der einzige Bereich, „in dem Kirche und Staat eng zusammenarbeiten“, so Volker Strauß, Pfarrer der protestantischen Gemeinde der Dreifaltigkeitskirche, gegenüber der woxx. In allen anderen Belangen sieht er die Trennung von Kirche und Staat als gegeben an, da das Erbe des napoleonischen Konkordats sämtliche religiöse Gemeinschaften dem Staat unterordnet. Außerdem werde in Luxemburg niemand gezwungen, ein Glaubensbekenntnis abzulegen. Zwar kämen die Gehälter der christlichen Pfarrer vom Staat, doch sei dies kein Exklusivrecht der christlichen Kirchen. 

„Wenn ich etwas bedauere als Protestant, dann ist es die Tatsache, dass wir keinen Zugang zum nationalen Religionsunterricht haben“, führt der Pfarrer aus. Er plädiert damit nicht für eine von den Religionsgemeinschaften getragene separate Unterrichtsform wie beispielsweise die Sonntagsschule, sondern wünscht sich eine Beteiligung seiner Gemeinschaft an der Gestaltung des bestehenden Religionsunterrichts. Den Sonntagsunterricht der protestantischen Kirche in seiner gegenwärtigen Form gibt es nur, weil diese Beteiligung bisher nicht zugestanden wird. Ein Religionsunterricht nach den Vorstellungen des Pfarrers sollte, neben der Beschäftigung mit den heiligen Schriften, den Akzent auf den interreligiösen Dialog legen, um beispielsweise „den medialen Karikaturen, die über Muslime verbreitet werden“, entgegenzuwirken. Darüber hinaus würde Strauß auch eine Auseinandersetzung mit agnostisch oder atheistisch argumentierenden Philosophien nicht ausschließen.

Wo der protestantische Pfarrer Religionsunterricht mit freier Meinungsbildung verbindet, sieht die laizistisch eingestellte Studentengewerkschaft Unel nur „Indoktrination“ und tritt für die gänzliche Abschaffung des Religionsunterrichts ein. Philippe Schumann, Generalsekretär der Unel, bemängelt vor allem „die Monopolstellung der katholischen Kirche bei der Vermittlung christlichen und nicht-christlichen Gedankenguts“. Außerdem bezweifelt er, dass christliche Lehrkräfte die Geschichte des Christentums und nicht-christliche Weltanschauungen unvoreingenommen darstellen können. „Deshalb sind wir dafür, den Religionsunterricht abzuschaffen und ausschließlich den Fomos-Unterricht beizubehalten, der die Schüler in verschiedene politische, philosophische und religiöse Lehren und ihre geschichtliche Entwicklung einführt.“ Zusätzlich wünscht sich die Unel „einen Civique-Kurs, in dem demokratische Wertevermittlung und Diskussionskultur gezielter problem- und gesellschaftsorientiert unterrichtet werden.“

Obwohl die „Formation morale et sociale“ (Fomos) als Alternative zum Religionsunterricht angeboten wird, besuchen Schüler des Secondaire doch zu 60 Prozent den letzteren. Während Religionslehrer – unter anderem mit Verweis auf diese Abstimmung mit den Füßen – die Beibehaltung des Religionsunterricht zu legitimieren versuchen, spricht sich die Unel, etwas widersprüchlich, im Namen demokratischer Werte für eine Trennung von Kirche und Staat bei der öffentlichen Schulbildung aus. Religiöse Bildung sollte „im Rahmen der religiösen Gemeinschaft, in deren Räumlichkeiten und auf deren Kosten“ stattfinden. 

Man kann sich auch fragen, ob die Vermittlung nicht-christlicher Theologie, wie sie Volker Strauß vorschlägt, ausreicht, um den angestrebten interreligiösen Dialog voranzubringen. Angesichts der vielfältigen anderen Zugänge zu finanziellem und kulturellem Kapital, die nicht auf Religion beruhen, sondern auf Geschlecht, Alter, Ethnizität, Alphabetisierung, Mobilität und Klasse, scheint eine zu einseitige Einteilung von Menschengruppen nach religiöser Zugehörigkeit wenig hilfreich für das Verständnis gesellschaftlicher Dynamiken. Anders gesagt: Die Lebensrealität einer jungen muslimisch-marokkanischen Studentin an einer Londoner Uni ähnelt womöglich mehr der einer deutsch-christlichen Studentin aus Köln als der eines muslimischen Ziegenhirten aus dem ländlichen Bangladesch.

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