Glaube, Liebe, Hoffnung? Nein. Es sind vor allem Sehnsucht und Verlust, die in Paul Sax‘ Roman „U5“ die Menschen – drei gestrandete Berliner ĂśberlebenskĂĽnstler – zusammenfĂĽhren. Was gar nicht als BĂĽhnenstĂĽck konzipiert war, funktioniert im Kasemattentheater dank groĂźartiger Besetzung.

Fleisch gewordene Romanfiguren bevölkern die Bühne des Kasemattentheaters : Germain Wagner als Clochard Heinrich und Julia Marik als Gelegenheitsprostituierte Barbara.
Jeder stirbt fĂĽr sich allein. Dennoch versuchen wir, im Alltag unserer Einsamkeit zu entfliehen, klammern uns verzweifelt an vermeintlich Sinnstiftendes, suchen RĂĽckhalt bei anderen. Und manchmal erscheint wie aus dem Nichts eine Person, auf die wir unsere SehnsĂĽchte und WĂĽnsche projizieren. So wie bei Barbara, Paul und Heinrich. Die drei treffen zufällig aufeinander. Nach und nach entspinnt sich ein Beziehungsgeflecht zwischen ihnen, das schnell Abhängigkeit(en) erzeugt …
Die Anonymität einer GroĂźstadt bietet viel Raum, um als Individuum in ihr unterzugehen – ein GegenstĂĽck zur provinziellen Luxemburger Promiskuität? Zugleich hat jedes Viertel, ob in New York, Paris oder Berlin sein eigenes Gesicht, jeder Kiez seine eigene Sozialstruktur und seinen eigenen Charme. Wie einst „Linie 1“, das Kult-Musical des Berliner Gripstheaters, das die Geschichten unterschiedlicher Menschen entlang der U-Bahn-Linie 1 im ehemaligen Westen erzählte, verfolgt Pol Sax in seinem Roman die Lebenslinien dreier gestrandeter GroĂźstadtexistenzen entlang einer gleichen Achse im ehemaligen Ostteil der Stadt, der U-Bahn-Linie 5 im Bezirk Friedrichshain. Im Herzen Berlins, dem einstigen Szene-Kiez Mitte, in einer Gegend rund um den Alexanderplatz und die Hackeschen Höfe – einem Viertel, das durch Zuzug und BaumaĂźnahmen durchgreifend gentrifiziert wurde und sich in den letzten Jahren immer noch weiter gewandelt hat. Das Stadtbild ändert sich, die Mieten steigen. Wer Berlin-Mitte kennt, liest den Roman des 2009 mit dem Prix Servais ausgezeichneten Luxemburger Autors denn auch wie einen nostalgischen Spaziergang durch die StraĂźen des einstigen Szene-Viertels.
Prä-Gentrifizierungsnostalgie
„U5“ ist ursprĂĽnglich nicht als BĂĽhnenstĂĽck angelegt, eignet sich jedoch hervorragend als solches. Denn der Roman besteht im Grunde aus drei prägnanten Ich-Protokollen, aus denen sich wie aus zahlreichen Puzzle-Teilen sukzessive ein groĂźes Ganzes zusammenfĂĽgen lässt. Man erahnt die Charaktere erst und bekommt sie durch ihre persönlichen Geschichten nach und nach zu fassen. So verwundert es nicht, dass Sabine Mittereckers BĂĽhnenfassung nah am Ursprungstext bleibt. Die Ă–sterreicherin, die bereits zahlreiche StĂĽcke Thomas Bernhards umgesetzt hat – unter anderem am Schauspielhaus Wien unter dem verstorbenen Hans Gratzer – hat fĂĽr die Besetzung des StĂĽcks eine gute Wahl getroffen: Die beiden männlichen Figuren, Heinrich und Paul, werden von Schauspielern verkörpert, die in der Luxemburger Theaterszene längst zu den alten Hasen gehören. Luc Feit spielt – wiewohl etwa blass – den Bohemien Paul, Germain Wagner gibt ĂĽberzeugend den verwirrten, herumstreunenden Obdachlosen Heinrich. Die Dritte im Bunde, die gebĂĽrtige Triererin Julia Malik, spielte auf deutschen BĂĽhnen schon einmal „Die JĂĽdin von Toledo“ und stand neben Kurzauftritten in dem einen oder anderen Tatort oder der Seifenoper „Verliebt in Berlin“ auch schon in Luxemburg vor der Kamera – etwa in dem Kurzfilm „Ibijazi“ mit Luc Spada unter der Regie von Luc Feit. Dank ihrer starken BĂĽhnenpräsenz und ihrer Ausstrahlung zieht vor allem sie die Blicke der Zuschauer auf sich: Barbara ist eine schillernde Gestalt. Lasziv, mondän, verlebt und hingebungsvoll fĂĽllt sie die weibliche Roman-Figur mit Leben. Es ist das Protokoll einer abgeklärten Frau, die trotz zahlreicher Schicksalsschläge noch Träume hat. Dass es Mitterecker bei einigen Passagen bei der Urfassung belässt und den Text nicht unnötig zerpflĂĽckt, zahlt sich hier aus: „Ich war nicht in Paul verliebt, aber ich mochte ihn sehr gerne. Und vor allem, weil es im Bett immer schön mit ihm war, wollte ich nichts riskieren. Wenn Männer zu einer Prostituierten gehen, dann reden sie sich gern ein, dass sie von ihr geliebt werden. Aber wenn eine Prostituierte einen Mann liebt, denkt er ständig daran, dass er mit einer Hure schläft. Da sind Männer nun mal eigen.“
Tod und Verlust eines geliebten Menschen beherrschen den Raum. Gerade deshalb scheinen sich die drei Gestalten verzweifelt aneinander zu klammern. Barbara geht auf den Strich, was sie Paul verheimlicht, um Geld für eine teure Therapie zu sparen, die ihren krebskranken Bruder retten könnte. Paul schleppt die Last der Schuld mit sich herum, seit seine Frau bei einem Straßenbahnunfall ums Leben kam. In Barbara meint er, seine verstorbene Frau Tina wiederzuerkennen, von der er Barbara freilich nichts erzählt.
Auf Streifzug durch den Kiez
Pauls Protokoll schlieĂźlich liest sich wie das eines gescheiterten KĂĽnstlers und ist damit prototypisch fĂĽr Berlin. Als er noch Träume hatte und auf der Suche nach einer klaren Linie in der Kunst war, begegnete er einst Tina, „erst als ich [sie] kennenlernte, wurde mir deutlich, woran es meinen Skulpturen mangelte: an NatĂĽrlichkeit. Alles, was ich machte, war angestrengt und ĂĽberkĂĽnstelt.“ Nach ihrem Tod wechselt er von Holz zu Lehm, zu totem Material. Das Zusammentreffen mit Barbara scheint ihn schlieĂźlich aus dem Sumpf zu ziehen – ihre kindliche Begeisterung bei den gemeinsamen Kinobesuchen wirkt auf ihn, er fasst neuen Lebensmut, sieht sie als „Sedativ seiner verwirrten GefĂĽhle“. Ă„hnlich ergeht es Heinrich. Seine Vergangenheit bleibt schemenhaft, irgendetwas hat zu einem Bruch in seinem Leben gefĂĽhrt und dazu, dass er nun in Hochwasswerhosen auf Jobsuche durch Berlin streunt. „Frei sein wie ein Vogel“ – davon träumt Heinrich. Das Protokoll seiner Arbeitssuche liest sich wie das eines klassischen Berliner Hartz IV-Empfängers und ĂśberlebenskĂĽnstlers. Eher schmunzelnd als beklommen folgt man seinen Monologen – der sinnlosen betreuten Jobsuche mit Hilfe von Kleinanzeigen aus dem glamourösen Stadtmagazin „Zitty“, in der unterbezahlte Jobs, wie Prospekte falten und Kugelschreiber zusammenschrauben, angeboten werden. Brotlose Kurzzeitjobs als Statisten fĂĽr TV-Serien, Models, Masseure oder Stripperinen. Irgendwann erscheint ihm Barbara wie ein vom Himmel gefallener, verheiĂźungsvoller Engel, aber irgendwann wird er auch auf der Suche nach der Weite der Steppen in einer MĂĽlltonne landen.
Ă„hnlich wie in dem surrealen Film „La vida es silbar“ (Das Leben ist Pfeifen, 1998), in dem drei Schicksale von Menschen in Kuba erzählt werden, die auf der Suche nach ihrem persönlichen GlĂĽck sind und deren Lebenslinien einen gemeinsamen Ausgangspunkt haben, fĂĽhren die drei Schauspieler mit ihren perspektivischen Erzählungen gestrandeter GroĂźstadtexistenzen durch das pulsierende Herz der GroĂźstadt. Die Fäden dieser drei Erzählungen laufen nebeneinander her und verknĂĽpfen sich schlieĂźlich irgendwann. Mitterecker konzen-triert sich auf das Beziehungsgeflecht der drei und spart allzu grundsätzliche Sinnfragen, wie sie in Pol Sax‘ Roman gestellt werden, wohl bewusst aus. Zum GlĂĽck, denn so vermeidet sie die Ăśberfrachtung ihres StĂĽcks und lässt dem Zuschauer die Chance, auch ohne LektĂĽre des Romans die BĂĽhnenfassung mitzuerleben. Was bleibt, sind die sinnlich vorgetragenen Protokolle dreier prototypischer ĂśberlebenskĂĽnstler aus Berlin-Mitte, die die dichte Atmosphäre des Szene-Kiezes aus prekärer Existenz, Sex und GroĂźstadttreiben fĂĽr eine gute Stunde ins Kasemattentheater transportieren.
U5 im Kasemattentheater: Weitere Vorstellungen am 22., 23. und 24. Mai sowie 7. und 8. Juni, jeweils 20 Uhr.

