KURDISTAN: Zwischen allen Fronten

von | 29.11.2012

Neben der Konfrontation mit dem türkischen Staat sehen sich die Kurden auch in Syrien härter werdenden Konflikten ausgesetzt.

Unangefochtener Anführer: Der Vorsitzende der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Abdullah Öcalan, sitzt seit 1999 in türkischer Haft. Unser Bild zeigt eine Solidaritätskundgebung im Libanon lebender Kurden im September in Beirut.

Der tĂĽrkische Staat hatte nicht nachgegeben, dennoch genĂĽgten wenige Worte, um den längsten Hungerstreik der jĂĽngeren tĂĽrkischen Geschichte schlagartig zu beenden. 68 Tage lang hatten Hunderte Kurden in zunächst 38, später dann 66 tĂĽrkischen Gefängnissen die Nahrungsaufnahme verweigert. Neben einer weiteren Entkriminalisierung des Gebrauchs des Kurdischen forderten sie vor allem, die „Gesundheit, Sicherheit und Freiheit“ des PKK-Vorsitzenden Abdullah Ă–calan sicherzustellen.

Seit Mitte 2011 hatte der tĂĽrkische Staat niemanden mehr zu Ă–calan auf die Gefängnisinsel Imrali gelassen – weder Verwandte noch Anwälte. Die regierende islamische AKP fĂĽrchtete, jede von Besuchern kolportierte Ă„uĂźerung des KurdenfĂĽhrers könne die PKK zu neuen Aktionen anspornen. Umgekehrt nährte die lange Isolation den von den Kurden seit jeher gehegten Verdacht, der seit 1999 inhaftierte Ă–calan werde auf Imrali gefoltert oder gar vergiftet.

FrĂĽh erklärten die Hungerstreikenden, dass jeder Versuch, sie zur Aufgabe zu bewegen, aussichtslos sei. „AuĂźer auf die Stimme unseres Vorsitzenden und unserer Bewegung hören wir auf niemanden“, sagte der Streiksprecher Deniz Kaya. Zuvor hatten Exilkurden mit einem Hungerstreik in BrĂĽssel und etlichen Demonstrationen in Europa versucht, Druck auf die TĂĽrkei auszuĂĽben – vergeblich. Der tĂĽrkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verhielt sich vielmehr konfrontativ. Während eines Deutschland-Besuchs Ende Oktober behauptete er, es gebe gar keinen Hungerstreik, obwohl die Lage einiger Gefangener da bereits von Ă„rzten als kritisch eingestuft worden war. Kurz darauf bezeichnete er die Aktion als „Show“ und „Erpressungsversuch“.

Einige Tage später, als die AKP den zehnten Jahrestag ihrer MachtĂĽbernahme feierte, erinnerte Erdogan daran, dass Ă–calan 1999 zum Tode verurteilt worden sei. Die beiläufige Erwähnung dieses allgemein bekannten Umstands war wohlkalkuliert. Im August 2002 hatte das tĂĽrkische Parlament die Abschaffung der Todesstrafe in Friedenszeiten beschlossen, Todesurteile wegen terroristischer Straftaten – wie bei Ă–calan – wurden in lebenslange Haftstrafen ohne Bewährung umgewandelt. Der Beschluss war Teil von Reformen zur Vorbereitung des Landes auf die EU-Mitgliedschaft. Doch die ist fĂĽr die TĂĽrkei seither nicht näher gerĂĽckt, und der durch den wirtschaftlichen Aufschwung der TĂĽrkei gestärkte Erdogan fĂĽhlt sich nun offenbar selbstbewusst genug, um der EU zu signalisieren, dass sein Land nicht auf ihr Wohlwollen angewiesen sei. Die tĂĽrkische Zeitung Zaman zitierte ihn kĂĽrzlich mit den Worten, man „könnte darĂĽber diskutieren, die Todesstrafe bei Verbrechen wie Terror und Mord“ wieder einzufĂĽhren. Damit, das weiĂź Erdogan genau, wären alle Debatten um einen EU-Beitritt beendet. Darauf angesprochen sagte er: „Die internationale Gemeinschaft besteht nicht nur aus der EU.“ Einen entsprechenden Gesetzentwurf gibt es bislang aber offenbar nicht. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AKP, Ayse Nur Bahçekapili, sagte, in den Parteigremien sei darĂĽber nicht diskutiert worden. Dennoch war in der TĂĽrkei jedem klar, bei wem die Justiz als erstem von ihren neuen Freiheiten Gebrauch machen wĂĽrde: bei Ă–calan.

Drei Tage später gestattete die Justiz dessen jĂĽngerem Bruder Memet, ihn im Gefängnis zu besuchen. Nach seiner RĂĽckkehr verlas Memet Ă–calan eine Depesche seines Bruders, in der es hieĂź, die Hungerstreikenden hätten „das ĂĽbernommen, was die Leute drauĂźen hätten machen sollen“. Im Ăśbrigen habe der Hungerstreik „sein Ziel erreicht“ und mĂĽsse demnach unverzĂĽglich abgebrochen werden. Noch am selben Tag erklärten die Gefangenen ihre Aktion fĂĽr beendet. Ă–calans Entscheidung, die Eskalation zu stoppen, dĂĽrfte auch dem BemĂĽhen geschuldet sein, den Kurden keine zwei Fronten gleichzeitig zuzumuten. Denn im sĂĽdlichen Nachbarland Syrien spitzt sich der Konflikt zu.

Den Kurden droht mittelfristig ein gefährliches, kaum auflösbares strategisches Dilemma.

Während die kurdische Minderheit auf der tĂĽrkischen Seite durch Massenverhaftungen ihrer Funktionäre vor rund zwei Jahren in die Defensive gedrängt worden ist, konnte sich die syrische Schwesterpartei der PKK, die PYD, im Zuge der BĂĽrgerkriegswirren konsolidieren und Gebiete im Norden des Landes unter ihre Kontrolle bringen. Das geschah zum Preis eines unausgesprochenen Stillhalteabkommens mit dem Regime Bashar al-Assads: Die PYD hält Distanz zu den oppositionellen Kämpfern der Freien Syrischen Armee (FSA), der sie ohnehin nicht zutraut, in einem postrevolutionären Syrien die Kurden freiwillig an der Macht zu beteiligen. Im Gegenzug fĂĽr die militärische ZurĂĽckhaltung verschont die Regierungsarmee seit Monaten die Gebiete der PYD weitgehend von Angriffen. Kritiker werfen der PYD vor, ihre Einflussgebiete mit autoritären Methoden von Sympathisanten der FSA zu säubern. Die sunnitisch-arabischen Gegner Bashar al-Assads halten die Weigerung der PYD, an ihrer Seite gegen die verhasste Ba’ath-Partei zu kämpfen, fĂĽr Verrat. Und den TĂĽrken ist das Erstarken der Alliierten der PKK im Nachbarland ein Dorn im Auge: Den Kurden droht mittelfristig ein kaum auflösbares strategisches Dilemma.

An dem Tag, an dem Ă–calan den Hungerstreik fĂĽr beendet erklärte, starben in Nordsyrien 20 Kämpfer der PYD bei Gefechten mit arabischen Rebellen. Noch sind die kurdischen Milizen stark genug, um solche ScharmĂĽtzel zu ĂĽberstehen, ob das kĂĽnftig so bleibt, ist jedoch fraglich. „Wir sind in keiner Weise an der Teilung Syriens interessiert“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der PYD, Asia Abdullah Osman, im November im Gespräch mit der woxx. „Wir sind strikt gegen Assad, aber um die Bevölkerung zu schĂĽtzen, haben wir mit Erfolg versucht, die Kämpfe aus unseren Gebieten fernzuhalten.“ Der Kampf gegen Assad, wie ihn die FSA fĂĽhre, bedeute „unendliches Leid fĂĽr die Bevölkerung“. Deswegen habe sich die PYD „fĂĽr einen dritten Weg entschieden“ und wolle dazu „weder mit Assad noch mit der FSA zusammen arbeiten“. Die FSA sei „intransparent, in sich zerstritten“ und habe „im Gegensatz zu uns kein politisches Konzept fĂĽr das Land nach dem Sturz Assads“, sagt Osman. „Ihr bislang einziges politisches Mittel ist die Gewalt. Zudem hat sie sich bislang nicht zur Kurdenfrage positioniert.“

Deshalb strebten die Kurden in Syrien fĂĽr die Zeit nach dem Sturz Assads eine „Selbstverwaltung in Form einer demokratische Autonomie an“, sagt Osman. Gemeint ist: Die Partei wolle das sozialistische Rätesystem einfĂĽhren, das Ă–calan entwickelt hat. Damit hätten die tĂĽrkischen Kurden nicht nur einen RĂĽckzugsraum, sondern neben dem Nordirak ein zweites Experimentierfeld fĂĽr politische Selbstverwaltung. Die TĂĽrkei dĂĽrfte dieses Szenario nicht dulden. Wahrscheinlich ist, dass sie von der FSA, die sie seit einigen Monaten stark unterstĂĽtzt, nach der MachtĂĽbernahme verlangen wird, mit den Kurden im Norden aufzuräumen – oder sie wird gleich selbst ihre Offensive gegen die Kurden auf syrisches Gebiet ausdehnen. Auch die FSA dĂĽrfte keine Hemmungen haben, allein oder mit den TĂĽrken gegen die PYD zu kämpfen, um dieser so ihre unterstellte UnterstĂĽtzung Assads heimzuzahlen. „Es kann sein, dass es in der FSA solche BedĂĽrfnisse gibt. Aber sie ist nicht stark genug, um das ganze Land zu beherrschen“, sagt Osman dazu. Bislang gebe es „keinen Beschluss, gegen die FSA zu kämpfen. Aber wir werden die Freiheit, die wir uns erkämpft haben, nicht wieder hergeben. Wir haben jahrzehntelang unter der Ba’ath-Partei gelitten, und wenn es sein muss, werden wir uns verteidigen.“ Der Krieg in Syrien könnte so auch nach dem Sturz Assads noch lange nicht beendet sein.

Christian Jakob ist freier Autor der in Berlin erscheinenden Wochenzeitung „Jungle World“.

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