GEWERKSCHAFTEN: Kein Aufschwung unter dieser Nummer

von | 19.09.2014

Für die beiden großen Gewerkschaften ist klar: Das Maß ist voll, die Kaufkraft darf nicht weiter belastet werden. Doch die Regierungspläne sehen wahrscheinlich anderes vor.

„Aufschwung entsteht, wenn der Druck auf die Kaufkraft nachlässt.“ (FOTO: DOMIBREZ/FLICKR)

„Die Grenzen des Zumutbaren sind erreicht“, stellte Jean-Claude Reding, scheidender Präsident des OGBL, anlässlich seiner wohl letzten „RentrĂ©e“-Pressekonferenz fest. „Es ist nicht so, dass hier in Luxemburg alles in Butter ist und die Menschen die Krise nicht gespĂĽrt haben.“ Die wirtschaftlichen Prognosen fĂĽr Luxemburg sowie fĂĽr die Eurozone, vor kurzem noch ziemlich optimistisch, wĂĽrden nun schon weitaus zurĂĽckhaltender ausfallen. Das Damoklesschwert der wirtschaftlichen Stagnation, ja gar der Rezession und einer möglicherweise mit ihr einhergehenden Deflation, schwebe ĂĽber Europa, und damit ĂĽber Luxemburg. Die Politik der budgetären Austerität, gepaart mit einer Null-Defizit-Politik, und die Strukturreformen mit dem Ziel, die öffentlichen Ausgaben und die Lohnentwicklung drastisch zu bremsen, seien ein „gefährlicher Mix“, so Reding. Dass die Wachstumsprognosen noch vor einigen Monaten so positiv ausgefallen sind, sei keineswegs Resultat der europäischen Sparpolitik. Im Gegenteil: „Aufschwung entsteht, wenn der Druck auf die Kaufkraft nachlässt.“

Gingen die Prognosen der EU-Kommission fĂĽr das Jahr 2014 noch von einem Wachstum von 1,2 Prozent fĂĽr die Eurozone aus, so stellt sich die Lage in der zweiten Jahreshälfte schon wieder anders dar: In seinem „Flash conjoncture“ vom August dieses Jahres geht der Statec von einem Wachstum von unter einem Prozent aus. So ging das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland und in Italien im ersten Semester sogar um 0,2 Prozent zurĂĽck, in Frankreich stagnierte es. Luxemburg hatte im ersten Trimester ein Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent vorzuweisen. FĂĽr das laufende Jahr rechnet der Statec fĂĽr Luxemburg mit 2,9 Prozent; fĂĽr 2015 gar mit 3,5 Prozent Wachstum.

„Wenn der Statec fĂĽr das Jahr 2015 von einem zunehmend starken Wachstum ausgeht, dann ist das – laut Statec – der Zunahme der Binnenachfrage geschuldet“ erklärte Jean Claude Reding, „dabei wurde bisher immer das Gegenteil behauptet“. Es sei also richtig, den Druck auf die Kaufkraft zu verringern, um so den Binnenmarkt zu beleben. Er fĂĽr seinen Teil sei gespannt, wie die Regierung auf die Empfehlungen des Europarates reagieren werde.

„Keine weiteren einseitigen KĂĽrzungen“

Der EU-Ministerrat schlägt in seinen Empfehlungen fĂĽr Luxemburg unter anderem vor, die „ermäßigten und stark ermäßigten Mehrwertsteuersätze“ – also den „taux rĂ©duit“ und den „taux super-rĂ©duit“ – fast gänzlich durch den Regelsteuersatz zu ersetzen. Angesichts der zu erwartenden EinbuĂźen bei den Mehrwertsteuereinnahmen aus dem elektronischen Handel erscheint dem Rat weiterhin die Anhebung des Steuersatzes um zwei Prozent als nicht ausreichend. Auch die Rentenausgaben Luxemburgs werden kritisch unter die Lupe genommen: Die Rentenreform von 2012 sei „in ihrem Umfang begrenzt“ gewesen, eine weitere Anhebung des Rentenalters sei hingegen wĂĽnschenswert. AuĂźerdem „sollten die Möglichkeiten fĂĽr die Inanspruchnahme von Vorruhestandsregelungen eingeschränkt“ und „der kĂĽnftige Bedarf an Leistungen und die damit verbundenen Kosten verringert“ werden. Im Hinblick auf die zunehmende Arbeitslosigkeit schlägt der Rat vor, die „AktivierungsmaĂźnahmen“ zu verstärken und die Leistungen fĂĽr Arbeitslose weniger attraktiv zu gestalten. „Ich hoffe, die Regierung hält sich nicht an die Empfehlungen“ bemerkte Jean-Claude Reding dazu.

Auch fĂĽr den LCGB ist das MaĂź voll. „Wir tragen keine weiteren einseitigen KĂĽrzungen im Privatsektor!“, verkĂĽndete Präsident Patrick Dury mit Blick auf die am 18. September stattfindenden Gespräche zwischen den Sozialpartnern. In einem Brief an Premierminister Bettel stellt der christliche Gewerkschaftsbund im Vorfeld der Verhandlungen seine Vorschläge und Forderungen vor. In puncto Index seien keine weiteren Modulationen vonnöten, wird darin erklärt. „Der Index ist die einzige Garantie fĂĽr Kaufkraft und sozialen Frieden“ äuĂźerte Patrick Dury. Die Regierung plane, bis 2018 eine Milliarde einzusparen, um den Wegfall der Einnahmen aus dem elektronischen Handel zu kompensieren. 300 Millionen werde die Erhöhung der Mehrwertsteuer einbringen, die restlichen 700 Millionen dĂĽrften wohl durch KĂĽrzungen bei den Sozialleistungen aufgebracht werden, so der Brief des LCGB. Im Hinblick auf die zunehmende Arbeitslosigkeit, die, so Dury, dabei sei, „zu einem strukturellen Problem zu werden“, schlägt die Gewerkschaft eine ganze Reihe von MaĂźnahmen vor: Ausbau der „Formation continue“, Schaffung eines neuen „Contrat initiation emploi“ fĂĽr wenig qualifizierte Jugendliche und Ă„nderungen im Arbeitsrecht zur Verstärkung des KĂĽndigungsschutzes sind nur einige davon.

Die geplante Familiensteuer von 0,5 Prozent wurde sowohl vom OGBL als auch vom LCGB kritisiert. „Statt den Arbeitnehmern und den Haushalten eine zusätzliche Last aufzubĂĽrden“ schlägt der LCGB in seinem Brief an Bettel vor, „ĂĽber eine Aufwertung des Kindergelds zu diskutieren“, das seit seiner Desindexierung im Jahr 2006 18,86 Prozent seines Wertes verloren habe. Jean-Claude Reding ging einen Schritt weiter: „Infrastrukturen und soziale Leistungen sind ĂĽber das Gesamtbudget zu finanzieren. Wenn wir anfangen, einzelne Leistungen durch Extra-Abgaben zu finanzieren, wird ein demokratisches Prinzip auĂźer Kraft gesetzt. Seit der französischen Revolution ist es so, dass alle Steuern in einen Topf flieĂźen und dass demokratisch gewählte Volksvertreter dann entscheiden, wo was hinflieĂźen soll.“ Als problematisch erscheine die Abgabe vor allem dann, wenn Grenzgänger zwar die Steuer zahlen, aber keine Leistungen in Luxemburg erhalten sollten. „Entweder sie zahlen die Abgabe und beziehen dann dafĂĽr auch die Leistung, oder aber sie mĂĽssen keine Abgabe zahlen und erhalten keine Leistung“, so Reding.

Nachhaltige Schwächung der Kaufkraft

Nach Ansicht von Patrick Dury vom LCGB „sind wir mit einer Politik der einseitigen Budgetlogik konfrontiert“, die vor allem auf dem RĂĽcken der im Privatsektor Beschäftigen und der Familien Einsparungen vornehmen will. Die KĂĽrzung der Studienbeihilfen, die Erhöhung der Mehrwertsteuer, die Kindergeldabgabe, alle diese MaĂźnahmen wĂĽrden die Kaufkraft der Haushalte nachhaltig schwächen. FĂĽr Jean-Claude Reding tragen viele kleinere SparmaĂźnahmen dazu bei, den Druck auf die Kaufkraft zu erhöhen. So zum Beispiel eine am Montag bekannt gewordene Ă„nderung: Studierende sollen nicht mehr, wie bisher, fĂĽr die Fahrt zur Uni und zurĂĽck den öffentlichen Transport umsonst nutzen können, sondern zum Kauf einer Jumbokarte Ă  75 Euro jährlich gezwungen werden. „Eine von vielen kleineren MaĂźnahmen, die die Kosten fĂĽr die Haushalte hochtreiben“, so Reding, der aber ĂĽberzeugt ist, dass die Regierung sich zu verrechnen riskiert: „Wenn die Lage sich verbessern soll, kann das nur ĂĽber den Binnenmarkt gehen. Wenn das Bruttoinlandsprodukt nicht zunimmt, dann nehmen auch die Steuereinnahmen nicht zu. Da kann die Regierung sparen, so viel sie will.“

FĂĽr den OGBL bot die Pressekonferenz auch die Gelegenheit, der Ă–ffentlichkeit die anstehenden personellen Veränderungen vorzustellen. Jean-Claude Reding soll nach nun zwei Mandatsperioden beim Kongress Anfang Dezember durch den bisherigen Generalsekretär AndrĂ© Roeltgen ersetzt werden. Roeltgen, ein langjähriger Gewerkschaftsfunktionär, war von 2011 bis 2013 Präsident des „Conseil Ă©conomique et social.“ Zum ersten Mal wird ein Mann an der Spitze der größten Gewerkschaft des Landes stehen, der nicht Mitglied der LSAP ist.

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