THEATER: Nach dem Absturz schwerelos

von | 23.01.2004

Der Schweizer Regiestilist Christoph Marthaler karikiert in „Groundings“ nicht nur gescheiterte Manager, sondern verarbeitet auch seine Zeit als Intendant in ZĂĽrich.

Der Schock saĂź tief. Die Pleite der Schweizer Fluggesellschaft Swissair hatte im Jahr 2001 am Selbstbewusstsein der Eidgenossen gekratzt. Und schnell war ein neuer Begriff in aller Munde: „Grounding“ wurde zum Synonym fĂĽr Pleiten, Pech und Pannen – und zum Stoff fĂĽr die BĂĽhne.

Kurze Zeit später erlebte auch die helvetische Theaterlandschaft ein Erdbeben, als Christoph Marthaler im Herbst 2002 einen blauen Brief erhielt. Missmanagement und Verschwendungssucht warf man dem Intendanten des ZĂĽricher Schauspielhauses vor. Er habe das Stammpublikum vergrault und das Theater an den Rand des Konkurses gebracht, wetterten seine Kritiker, und aus der rechten Ecke des politischen Spektrums wurde das Haus als „Porno- und Unterhosentheater“ beschimpft.

Dabei war die Heimkehr des schweizerischen Regiestars 1999 noch frenetisch gefeiert worden, als dieser seinen Posten angetreten hatte. Marthaler erregte damals gleich mit seiner ersten Inszenierung „Hotel Angst“ Aufsehen. Das StĂĽck wurde größtenteils auf SchwyzerdĂĽtsch aufgefĂĽhrt. Und er machte in kurzer Zeit zusammen mit der Dramaturgin Stefanie Carp und der BĂĽhnenbildnerin Anna Viebrock die zuvor in gepflegter Routine dahin dämmernde Traditionsspielstätte zu einer der erfolgreichsten deutschsprachigen BĂĽhnen. Zwei Mal in Folge wurde sie zum „Theater des Jahres“ gewählt.

Marthaler setzte radikal auf Gegenwartstheater, mit Regisseuren wie Stefan Pucher, Andreas Kriegenburg, Frank Castorf und Jossi Wieler. Christoph Schlingensiefs „Hamlet“-Inszenierung mit jungen Neonazis, die sich in der Resozialisierung befinden, avancierte 2001 zum Stadtgespräch und sorgte fĂĽr zahlreiche ausverkaufte Vorstellungen. Doch gleichzeitig sank die Zahl der Abonnenten um 40 Prozent. Die bĂĽrgerlichen Klassikerfans fĂĽhlten sich in Marthalers Welt nicht mehr zu Hause.

Für die Gegner des Theaterstars war dies ein Signal zum Handeln und für den Rauswurf des Intendanten. Angeblich soll dieser von seiner Entlassung aus der Zeitung erfahren haben. Doch der Verwaltungsrat des Hauses hatte die Rechnung ohne die Marthaler-Sympathisanten und jene Züricher gemacht, denen etwas an innovativem Theater liegt. Nachdem es aus der kulturellen Szene Proteste gegen die Entscheidung und Solidaritätsbekundungen für Marthaler gegeben hatte, nahm das Gremium seine Entscheidung zurück und gewährte dem Theaterleiter eine weitere Saison: mit verkleinertem Repertoire, mehr Wiederaufnahmen und weniger Stargästen.

Nach seiner verhinderten Absetzung widmete sich Marthaler dem Thema kollektiven Scheiterns. VordergrĂĽndig handelt „Groundings – eine Hoffnungsvariante“ von der Swissair-Pleite und ist ein ironisch-subversiver Abgesang ĂĽber entlassene Manager, die per Entlassungsschreiben aus dem Karussell der freien Marktwirtschaft heraus gefallen sind und die mit hohen Abfindungen ihre Mitgliedschaft im erlauchten Kreis zu sichern glauben. Anna Viebrocks minimalistisches BĂĽhnenbild besticht einmal mehr in seiner Aussagekraft: auf dem Boden eine Luftaufnahme ZĂĽrichs, im Hintergrund zwei Wandtafeln, auf denen „Verantwortungabgabe rechts“ und „Abfindungsabgabe links“ steht. „Ich habe nur eine Million Abfindung bekommen“, jammert einer der Wirtschaftsbosse und bekommt als Antwort: „Wer die Million nicht ehrt, ist der Milliarde nicht wert.“

Marthaler verarbeitete mit dem StĂĽck auch sein eigenes „Grounding“ (mit dem Luxemburger AndrĂ© Jung). Der Dauerstreit hatte an ihm gezehrt. So verwundert es nicht, dass er das Handtuch warf und zum Ende dieser Saison das Schauspielhaus verlässt, ein Jahr vor Ablauf seines Vertrags. Seine Entscheidung rechtfertigte er mit gesundheitlichen GrĂĽnden und der „nicht mehr tragbaren Belastung“. Die „Weltwoche“ zitierte ihn mit dem Satz „Ich mag nicht mehr. Ich bin nicht der richtige Intendant. Die Belastung ist zu groĂź.“

Der 1951 in Erlenbach im Kanton Bern geborene Marthaler erlebt ausgerechnet in jener Stadt eine bittere Niederlage, wo er in den 70er und frĂĽhen 80er Jahren als Performance-Musiker begonnen hatte. Nach einem abgebrochenen Musikstudium und zwei Jahren an der Pariser Lecoq-Schauspielschule veranstaltete er in ZĂĽrich Happenings. Unter anderem spielte er zusammen mit einem Freund 26 Stunden lang ununterbrochen ein StĂĽck seines Lieblingskomponisten Eric Satie – in einer Apotheke.

Später ging er ans Basler Theater und veranstaltete dort Liederabende. Einer davon trug den Titel „Wenn das Alpenhirn sich rötet, tötet, freie Schweizer, tötet“. Als der Basler Intendant Frank Baumbauer die Leitung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg ĂĽbernahm, folgte ihm Marthaler nach und landete an der Alster Erfolge mit „Kasimir und Caroline“ und „Stunde Null oder Die Kunst des Servierens“. AuĂźerdem inszenierte er bei Frank Castorf an der VolksbĂĽhne Berlin: In „Murks den Europäer, murks ihn! Murks ihn! Murks ihn ab!“ (1993) konfrontierte er sein Publikum mit der deutschen Geschichte. Das KultstĂĽck des Jahrzehnts blieb jahrelang im Programm der VolksbĂĽhne.

In den Inszenierungen Marthalers scheint die Zeit still zu stehen, die Welt verwandelt sich in eine Wartehalle. Es geschieht so gut wie nichts, keine Konflikte und keine ganze Geschichte, stattdessen zahllose kleine Geschichten und Spielchen. Wie bei Beckett scheinen die Figuren des Schweizers immer auf etwas zu warten, ohne genau zu wissen, auf was. Das Warten vertreiben sie sich mit seltsamen Beschäftigungen und Ritualen, Ticks und autistischen Übungen. Ihre Handlungen werden routiniert und halb gelangweilt absolviert. Ein Ende ist nicht abzusehen. Selbst nach gelegentlichen Ausbrüchen und Amokläufen bleibt alles beim Alten, von Entwicklung keine Spur.

Wiederholung und Variation verleihen Marthalers Inszenierungen eine Struktur. Die Zeit verläuft nicht linear, sondern im Kreis. Dadurch entsteht ein geschlossenes System ohne Kontakt zur AuĂźenwelt – ein Eindruck, der durch Viebrocks triste BĂĽhnenräume verstärkt wird: In „Murx“ fĂĽhrt eine gewaltige SchiebetĂĽr nur in einen Waschraum, in „Faust Wurzel 1+2“ wirft eine DrehtĂĽr Faust und Mephisto immer wieder auf die BĂĽhne zurĂĽck und in der Shakespeare-Bearbeitung „Shakespeare vor dem Sturm“ gelangen die SchiffbrĂĽchigen durch die TĂĽren nur in einen winzigen Flur, aber nicht nach drauĂźen. Es gibt kein Entrinnen.

Marthaler misstraut den Fortschrittseuphorien und Beschleunigungen. Die Figuren versinken oft in einen Halbschlaf oder sind Schlafwandler. Einmal sitzt im Hintergrund ein alter Mann, der gelegentlich von der rechten in die linke Ecke schlurft und ansonsten vor sich hin döst. Details gewinnen somit an Bedeutung, ein Gang ĂĽber die BĂĽhne wird zum dramatischen Moment. Dem Spiegel sagte Marthaler einmal: „Wenn im Zuschauerraum geschlafen wird, haben auch die Schauspieler das Recht, auf der BĂĽhne zu schlafen. Das Schlafen ist bei mir eine Art Obsession, weil ich selber sehr schlecht schlafen kann. Also ich sehe es sehr gerne, wie Menschen auf einer BĂĽhne schlafen.“

Als Erfinder der Langsamkeit begreift sich Marthaler jedoch nicht. „Die Langsamkeit kommt bei mir sicherlich nicht nur daher, weil ich etwas gegen die Beschleunigung der Zeit setzen will“, sagt er. „Bei mir liegt der Grund fĂĽr die Langsamkeit nicht in der Provokation. Ich beobachte gerne Menschen, die Zeit haben.“

Marthaler scheint das ZĂĽricher Fiasko zumindest kĂĽnstlerisch bewältigt zu haben. Mit „Groundings“ landete er einen weiteren Erfolg und wurde im vergangenen Jahr einmal mehr zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Als Intendant hat er zwar sein persönliches „Grounding“ erlebt, aber als Regisseur befindet sich „die Entdeckung des Jahrzehnts im europäischen Theater“, wie ihn der Theaterkritiker Peter von Becker nannte, immer noch im Zustand der Schwerelosigkeit.

Dat kéint Iech och interesséieren

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Assises sectorielles du chant choral: Junge Chorsänger*innen gesucht

Die „Assises sectorielles du chant choral“ vom vergangenen Samstag offenbarten, wo den Chören hierzulande der Schuh drĂĽckt. Es mangelt an Sichtbarkeit, pädagogischem Know-how und vor allem an Nachwuchs.   Wie bei Rundtischgesprächen ĂĽblich, boten die „Assises sectorielles du chant choral“ vergangenen Samstag einen Morgen voller leiser...

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Dag vun der Lëtzebuerger Sprooch: Luxemburgisch im Fokus

Die Luxemburger Sprache soll ab diesem Jahr jeden 26. September gefeiert und gefördert werden – und zwar mit Kulturevents, Aktivitäten und Diskussionsrunden. Das Programm der Erstauflage des „Dag vun der Lëtzebuerger Sprooch“ wurde am Montag bei einer Pressekonferenz vorgestellt. „Sprache ist der Schlüssel zur Welt“, sagte bereits Wilhelm von...

KULTUR AM ALLGEMENGEN

Staffelfinale „And Just Like That”: Vergessene Vorläufer

Allzu schwer fällt er nicht, der Abschied von der Serie „And Just Like That“ – sie hat den Charme des Anfangs eingebüßt. Interessanter ist ein Blick auf die Ursprünge: Mit Mary McCarthys Buch „The Group“ fing alles an. Und einfach so ist alles vorbei: Mit dem Staffelfinale des „Sex and the City“-Sequel „And Just Like That“ schließt das...