Serien-Empfehlung: Gösta

Der schwedische Regisseur Lukas Moodysson hat mit „Gösta“ seine erste Serie abgedreht – das Resultat ist nervtötend brillant und eine Abrechnung mit der Boomer-Generation.

Heiliger Gösta, wir beten für dich! (© ARD_ONE_Degeto)

Raus aus der Stadt, rein ins Berufsleben: Der 28-jährige Gösta hat Stockholm hinter sich gelassen, um sich ganz auf seinen Job als Kinderpsychologe in einer schwedischen Provinzklinik zu konzentrieren. In seinem gemieteten Landhaus lebt er zusammen mit dem schwer traumatisierten irakischen Kriegsflüchtling Hussein, während seine Freundin Melissa in der Hauptstadt bleibt und versucht Medizin zu studieren. Schnell wird klar, dass vor allem ein Charakterzug Gösta ausmacht: Er will immer der Beste, der Hilfreichste und Empathischste sein. Das Wort „Nein“ gehört nicht zu seinem Repertoire.

So verschenkt er schon mal sein Rad an Kleinkriminelle, verpasst den Zug zu seiner Freundin, weil er einer alten Frau die Einkaufstaschen trägt und fügt sich auf seinem neuen Arbeitsplatz den absurdesten Macken seiner Kolleg*innen. Doch durch diese Einstellung gerät seine Existenz nach und nach aus den Fugen. Als ob Gösta Hilfsbedürftige magisch anzieh, verwandelt sich sein Wohnsitz bald in ein Tollhaus. Permanent muss er auf die Bedürfnisse all jener achten, denen er nicht die Tür vor der Nase zuschlagen kann, auch wenn diese noch so verschieden sind.

Und da kommt einiges zusammen: Sein Vater, der schon wieder von seiner Frau rausgeschmissen wurde, eine Patientin, die nicht mehr in der Klinik bleiben kann, ein völlig talentfreier Kumpel, der Musiker werden will, und dann auch noch seine Mutter – eine Künstlerin auf der Suche nach Inspiration. Wird es Gösta gelingen, sie alle unter seinem Dach zu vereinen oder wird sein Versuch, Schwedens nettester Mensch zu sein, scheitern?

Dies ist die zentrale Frage und das Spannungselement der Serie. Und wie bei Moodysson üblich, müssen die Zuschauer*innen die Nerven behalten, wenn sie bis zum Schluss durchhalten wollen. Der Regisseur, der sich einen Namen mit Filmen wie „Fucking Åmål“, „Lilya 4 Ever“ oder dem sehr pornografischen „A Hole in My Heart“ gemacht hat, ist für seinen kompromisslosen Stil bekannt. Seine Nähe zur Dogma-Bewegung um Lars von Trier, die in den 1990er-Jahren die internationale Filmlandschaft aufmischte, ist nicht von der Hand zu weisen. Auch wenn Moodysson weit weniger auf Provokation aus ist als sein dänischer Kollege, so spielt das Element des Unerträglichen doch eine immer wiederkehrende Rolle in seinem Werk.

„Gösta“ ist da keine Ausnahme. Vor allem die Figur des Vaters, ein egomanischer Borderliner, dem es nicht gelungen ist, die 1970er-Jahre hinter sich zu lassen, der unstabil, herrschsüchtig und zugleich hilfsbedürftig ist, wirkt beständig wie eine Sprengstoffladung, die die Balance jederzeit zum Kippen bringen kann. Interessant an dieser Figur ist nicht nur, dass sie innerhalb weniger Folgen vom Alt-Hippie zum Trump-Anhänger mutiert, sondern auch der grenzenlose Egoismus, mit dem deren Generation gezeichnet wird. Hier kommen diejenigen, die grenzenlose Freiheit leben wollten, um schlussendlich vor ihrer Verantwortung fortzulaufen, gar nicht gut weg. Denn auch die Mutter ist keinen Deut besser: Sie ist keineswegs am Wohlergehen ihres Sohnes interessiert, sondern delektiert sich an den Dramen, die sich bei ihm abspielen, um ihre Karriere wieder in Schwung zu bringen.

Diese Vielschichtigkeit betrifft alle Charaktere, jede*r kann von einer Minute zur anderen vom Hilfsbedürftigen zum Tyrannen mutieren und Göstas Leben noch komplizierter machen. Eine Serie, bei der man sich schon mal nach einer Handgranate sehnt, um sie gewissen Bildschirmpersonen an den Kopf zu schleudern.

Letztendlich stellt „Gösta“ auch spirituelle Fragen, nach dem Sinn der Empathie etwa, in einer Welt, in der sich die Individuen nur noch in sich selbst verschanzen. Für Moodysson nicht ungewöhnlich, denn der linke Filmemacher ist auch bekennender Christ. Trotzdem bleibt den Zuschauer*innen die Frage nach Gott erspart und auch kein Terrence-Malick-Mystizismus ergießt sich pathetisch über den Bildschirm. Moodysson erzwingt nämlich kein Einverständnis seines Publikums, sondern gibt ihm die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie es sein Werk verstehen will.

Das allein ist schon eine Stärke, die viele Serien heute nicht haben. Dass der Regisseur, wie viele andere, den Weg von der großen Leinwand ins Serienformat gewählt hat, ist in dem Sinne sicher eine gute Sache.

Auf ARD One (mit einem VPN-Netzwerk).

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