Auf Netflix: If Anything Happens I Love You

von | 29.04.2021

Mit simplen Animationen und ohne Dialog fängt der Kurzfilm von Will McCormack und Michael Govier den Alltag und die Erinnerungen von zwei trauernden Menschen ein. Am Sonntag wurde die beiden dafür mit einem Academy Award ausgezeichnet.

Die Trauer um ihr Kind eint und trennt die Figuren in „If Anything Happens I Love You“ zugleich. (Foto: Netflix)

„I hated when dudes tried to chase me, but I love it when you try to save me, ‘cause I’m just a lady.“ Wenn im Animationsfilm „If Anything Happens I Love You“ „1950“ von der US-amerikanischen Musikerin King Princess erklingt, wirkt es für einen Moment so, als werde die Geschichte eines lesbisches Mädchens erzählt. Immerhin singt die queere King Princess in ihrem Pop-Hit aus dem Jahr 2017 von ihrem ersten gleichgeschlechtlichen Crush.

In dem elfminütigen Film nimmt das Lied viel Raum ein, insgesamt mehr als ein Viertel der Laufzeit. Anfangs ist es diegetisch, das heißt, dass auch die Figuren es hören. Dass das Lied beginnt, ist eher Zufall: Ein von einem Kleiderschrank heruntergefallener Fußball stößt gegen einen Plattenspieler und die Stimme von King Princess ertönt. Auf den Fan im Haushalt wird zunächst nur durch Gegenstände hingedeutet: Der Ball, die Platte, das frischgewaschene T-Shirt – sie alle scheinen einem Mädchen zu gehören. Oder gehört zu haben. Der Mann und die Frau im Haus hat man recht schnell als die Eltern identifiziert, die Trauer, die sie offenbar empfinden, hat ohne Zweifel etwas mit dem Mädchen zu tun.

Trotz King Princess und queerer Kodierung des Mädchens – neben dem Fußball zählen dazu auch ihre Outfits – geht es im Film aber keineswegs um Eltern, die schlecht mit dem Coming-out ihrer Tochter zurechtkommen. Diese taucht nämlich auf, aber nur als Geist, der die Erinnerungen oder Imagination der Eltern visualisiert. Schnell hat man sich zusammengereimt, dass das Kind wohl gestorben sein muss – woran, das wird erst ganz am Ende verraten.

Vorerst dominiert das „Danach“. Wir sehen die Eltern schweigend und mit gesenkten Köpfen beim Abendessen. Im Hintergrund werden sie in Schattenform während eines Streits gezeigt – auf diese Weise werden den ganzen Film über Erinnerungen verbildlicht. Die beiden Erwachsenen scheinen kaum miteinander zu interagieren, meist sind sie allein im oder ums Haus zu sehen. Immer wieder werden sie an ihre Tochter erinnert, meist stimmt sie das unfassbar traurig, ab und zu vermag eine Erinnerung es aber auch, ihnen ein Lächeln abzuringen. Auch wenn der Film hauptsächlich in der Gegenwart spielt, so wird auch die ein oder andere frühere Erfahrung eingeblendet: die dreiköpfige Familie im Auto, beim Essen, auf der Geburtstagsparty beim Fußballspielen im Garten.

Die Animationen im Film ähneln Bleistiftzeichnungen, die Farben sind meist matt oder wurden ganz weggelassen. Einzig bei besonders schönen Erinnerungen wird es bunter. Dass man geneigt ist, „1950“ eine derart große Bedeutung beizusteuern, liegt nicht nur daran, dass die Zuschauer*innen nur in Häppchen erfahren, was passiert ist. Es hat auch damit zu tun, dass der Film völlig ohne Dialog auskommt. Abgesehen von „1950“ ist auch jede Musik im Film ohne Gesang. Lesbisch scheint die Tochter tatsächlich nicht zu sein, das Lied fanden die Macher*innen Will McCormack und Michael Govier wohl einfach nur schön.

Als die Eltern sich gen Ende hin einmal morgens von ihrer Tochter verabschieden, die zur Schule aufbricht, ahnt man noch nicht, wie es weitergeht. Doch schon wie zuvor im Film liefern die Macher*innen immer wieder Hinweise. „If Anything Happens I Love You“ ist gerade aufgrund seiner Simplizität so berührend. McCormack und Govier wurden am Sonntag für ihr Werk mit dem Oscar für den besten animierten Kurzfilm ausgezeichnet.

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