Auf Netflix: L’incredibile storia dell’Isola delle Rose

Sydney Sibilias Film „L’incredibile storia dell’Isola delle Rose” basiert auf historischen Begebenheiten. Die wahre Geschichte der Mikronation Isola delle Rose hat jedoch mehr zu bieten als ihre Verfilmung: Dort werden Tatsachen verdreht, die vor allem die weibliche Hauptrolle herabwürdigen.

Sydney Sibilia macht in „L’incredibile storia dell’Isola delle Rose” aus einer spannenden, historischen Kuriosität eine flache romantische Komödie – immerhin mit gutem Soundtrack. (Bildquelle: Netflix)

Warum Giorgio (Elio Germano) und Maurizio (Leonardo Lidi) fernab der Adriaküste eine Insel auf Stahlpfosten errichten? „Aus demselben Grund, aus dem ein Hund sich seine Hoden leckt: weil er es kann“, lautet Maurizios Antwort. Das gibt den Ton an, in dem der Regisseur Sydney Sibilia die Geschichte der Roseninsel erzählt: In seinem Film „L’incredibile storia dell’Isola delle Rose”, der im Dezember 2020 auf Netflix erschien, geht es um Trotz und „Kann ich wohl“. Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten und die sind spannender als das, was der Regisseur daraus gemacht hat.

1958 begann der italienische Ingenieur Giorgio Rosa, über den Bau einer Insel fernab von Territorialgewässern nachzudenken. In diesem Kontext gründete er zusammen mit seiner späteren Ehefrau Gabriella Chierici (Matilda De Angelis) die „Società sperimentale per iniezioni di cemento“ (Spic), was frei übersetzt soviel heißt wie „Versuchsgesellschaft für Betoninjektionen“. Chierici war Präsidentin der Gesellschaft. Im selben Jahr unternahm die Spic erste Bodenuntersuchungen, rund 12 Kilometer von der Küste Riminis entfernt. Die ersten Stahlpfosten wurden 1964 im Meer versenkt. Vier Jahre später erklärte Rosa die 400 m2 große Insel, auf der Esperanto als Amtssprache galt, für unabhängig und sich selbst zum Präsidenten.

Sibilias Film beginnt in der Lobby des Europaparlaments in Straßburg, wo Giorgio auf einer Bank ausharrt, um seine Insel als Präsident vor Angriffen der italienischen Regierung zu schützen. Ein Besuch, der historisch gesehen nie stattfand. Während Chierici in Wahrheit in das Projekt involviert war, reduziert Sibilia sie auf ihre Beziehung zu Rosa. Sie tritt als grantige Ex-Freundin auf, die Giorgio für dessen Experimente und Illusionen belächelt. Zwar ist sie im Film eine erfolgreiche Juristin für internationales Recht, doch macht der Regisseur davon nur wenig Gebrauch. Lieber spinnt er seine Interpretation der Geschichte um ihre Abneigung zu Giorgio: Das Publikum erfährt in Rückblicken, dass er die Insel gebaut hat, weil Gabriella ihn für einen unverbesserlichen Träumer hält. Er will sie mit dem Bau vom Gegenteil überzeugen und sie zurückerobern, trotz ihrer Verlobung mit einem anderen Mann. Platt ausgedrückt: Er eröffnet einen Hahnenkampf auf offener See.

In Wahrheit arbeiteten Rosa und Chierici nicht nur zusammen, sondern waren auch schon seit sieben Jahren verheiratet, als die ersten Besucher*innen die Insel 1967 betraten. Warum also eine toxische Romanze an den Haaren herbeiziehen, bei der vor allem die weibliche Protagonistin schlecht wegkommt? Das ist genauso unnötig wie die homofeindliche Komik und die Diskriminierung gegen Süditaliener*innen, die Sibilia hier und da einfließen lässt.

Giuseppe Musilli, der das Buch „Isola delle Rose, la libertà fa paura“ über die Roseninsel veröffentlichte, sagte Anfang des Jahres im Gespräch mit „La Stampa“, der Film hätte die wahren Begebenheiten eins zu eins übernehmen sollen: Die Geschichte und ihre Protagonist*innen seien dafür außergewöhnlich genug. Sibilia deutet interessante Lebensgeschichten an, führt sie aber nicht weiter aus – wie die der schwangeren Barfrau (Violetta Zironi) oder des Deserteurs Neumann (Tom Wlaschiha), der vom Soldaten zum Marketing-Experten für Strandbars wurde. Die weiblichen Charaktere nehmen bis auf die Barfrau passive Nebenrollen ein, geprägt vom Blick männlicher Figuren. So auch Giorgios Mutter, die von ihrem grummeligen Ehemann bevormundet wird.

Nimmt man Sibilias Film kritisch auseinander, bleibt er am Ende eine durchschnittliche romantische Komödie, die Urlaubsgefühle und Nostalgie weckt. Mit Songs von Jimi Hendrix, Barry McGuire oder von Dik Dik weht an Sibilias Adriaküste der Wind der 1960er-Jahre. Die Zeiten der Aufruhr werden romantisiert und die Illusion einer freien Welt 1969 mit Kanonenschüssen im Meer versenkt.

Auf Netflix.

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