Auf Sky Go: Run

von | 29.04.2020

Wie wäre es wohl, ohne Vorwarnung sein aktuelles Leben – Job, Familie, Hobbys, Freund*innen –, für eine Woche komplett hinter sich zu lassen und diese Zeit mit einer Person zu verbringen, mit der man vor 17 Jahren zusammen war? Wer findet, dass das nicht besonders prickelnd klingt, dürfte Gefallen an der neuen Serie „Run” finden.

Billy und Ruby hatten seit 17 Jahren keinen Kontakt miteinander. (Quelle: HBO)

Zunächst scheint es sich bei „Run” um einen Thriller zu handeln. Ruby (Merritt Wever) sitzt in ihrem Auto auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums, als sie plötzlich eine SMS erhält: „RUN“. Sie packt das Handy erschrocken in ihre Handtasche und bleibt wie versteinert in ihrem Auto sitzen. Begleitet wird die Szene von einem unangenehm quietschenden Soundeffekt. Ruby will aus dem Auto aussteigen, als sie plötzlich innehält. Einfach zu ihrem Yogakurs zu gehen, als ob nichts wäre, ist auf einmal keine Option mehr. Sie starrt auf ihr Handy, klickt auf die Textnachricht. Da ist er wieder, der unangenehme Soundeffekt. Schwer atmend tippt sie die Buchstaben „R“, „U“ und „N“ und drückt anschließend auf „Senden“.

Wie wir später erfahren, stammte die SMS von Rubys Ex, Billy (Domhnall Gleeson). 17 Jahre zuvor hatten sie miteinander vereinbart: Falls einer der beiden „Run“ schreibe und die andere Person antworte, würden sie sich in der Grand Central Station in New York treffen und zusammen eine Woche lang durch Amerika reisen. Ungeachtet ihrer gegenwärtigen Lebenslage versteht sich.

Als die beiden sich im Zug zum ersten Mal nach all diesen Jahren wiedersehen, scheint sich zunächst eine intensive, wenn auch kurze Affäre anzudeuten. Die Anziehung, die die beiden einst zueinander verspürten, ist nach wie vor da. Doch eine sorglose Stimmung will nicht so recht aufkommen. Dafür würden sie einfach zu gerne wissen, wie das Leben des jeweils anderen mittlerweile aussieht. Und was sie zum Verschicken der ominösen drei Buchstaben getrieben hat. Ein weiterer Spaßverderber: Rubys Ehemann macht sich große Sorgen. Die SMS, die er von seiner Frau erhalten hat, erklärt nicht, weshalb sie auch am Abend immer noch nicht zu Hause ist. Auch Billy fällt es zunehmend schwer, seinen alltäglichen Verpflichtungen aus dem Weg zu gehen.

Mehr sei an dieser Stelle nicht zur Handlung gesagt, das würde nur den Sehspaß verderben. Manche dürften sich beim Lesen der Serienprämisse an Richard Linklaters „Before Sunset“ erinnert fühlen. In den drei bisher erschienenen Folgen lässt sich aber ein wesentlicher Unterschied feststellen: In „Run“ können die beiden Turteltauben sich nicht ungestört mit sich selbst und ihren Bedürfnissen auseinandersetzen. Viel zu dominant sind dafür die negativen Auswirkungen ihres plötzlichen Abtauchens. Indem „Run“ Elemente wie Fremdgehen und Verantwortungsflucht einbringt, wird ein düstererer Ton angeschlagen, als dies etwa bei „Before Sunset“ der Fall ist. Die beiden gingen zur Uni, als sie diese Vereinbarung trafen. Diese muss damals wahnsinnig romantisch auf sie gewirkt haben. Die Realität sieht allerdings ganz anders aus.

Nachdem Merritt Wever letztes Jahr in der Netflix-Serie „Unbelievable“ zu begeistern wusste, zeigt sie sich hier in einer weniger ernsten Rolle. Wer ihren kurzen Auftritt in Noah Baumbachs „Marriage Story“ gesehen hat, weiß um das außerordentliche komödiantische Talent der US-Amerikanerin und dürfte nicht überrascht sein, sie hier ihre erste Hauptrolle mit Bravour meistern zu sehen. Domhnall Gleeson seinerseits überzeugt in der Rolle eines Mittdreißigers, der sich zwar beruflich alle Träume erfüllt hat, jedoch alles andere als glücklich ist.

Alles in allem ist „Run“ ein unterhaltsamer, eskapistischer Spaß.

Auf Sky Go.

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