Backcover: „Ich brauche das Alleinsein, um Ideen zu sammeln“

von | 01.08.2025

Zwischen Kunst und Gestaltung entwirft Emma Bervard im Stillen Illustrationen und häkelt Mützen. Wieso das Alleinsein die Voraussetzung für ihr Schaffen ist.

Oft allein: Viele der von der Künstlerin entworfenen Figuren finden sich auf den Seiten alleine wieder und leben in ihrer eigenen Welt. Wieso dies für Emma Bervard positiv ist, erzählt sie im Gespräch mit der woxx. (© Emma Bervard)

woxx: Emma, Sie interessierten sich ursprünglich für Architektur, entschieden sich aber dann für die visuelle Kommunikation. Warum?

Emma Bervard: Ich denke, das liegt vor allem an der Materialität, die ich mit Architektur verbinde. Es fällt mir schwer, diese Disziplin mit dem Streben nach Nachhaltigkeit, auf die ich Wert lege, zu vereinen. Ich versuche nämlich, in meiner Arbeit so wenige Materialien wie nur möglich zu benutzen. Sicherlich gibt es Methoden, um das auch in der Architektur zu tun. Doch ich habe mich letztendlich für einen Bereich entschieden, der weniger Material verbraucht.

Auf welche Weise integrieren Sie Nachhaltigkeitsprinzipien in Ihre Arbeit?

Das Thema beschäftigt mich viel in meinem Alltag, vor allem seit ich nach Berlin gezogen bin. Ich versuche, so viel wie nur möglich aus zweiter Hand zu kaufen und die genutzten Materialien zu minimieren. In der Illustration verbraucht man viel Papier, beispielsweise wenn man ein Buch herausbringt. In diesen Fällen versuche ich deshalb, einen Verlag zu finden – meist sind es die kleineren – die meine umweltbewusste Haltung teilen. Generell passe ich auf, mit wem ich zusammenarbeite und welche Werte der Kundschaft wichtig sind. Als Beispiel kann etwa meine Bachelorarbeit gelten: Ich hatte eine Zeitung entworfen rund um das Alleinsein. Da kam natürlich die Frage auf, wie und wo drucke ich sie. Wie viele Exemplare sollten es werden? Es wird zwar billiger, wenn man in Massen produziert, doch auch die Frage nach dem Interesse der Öffentlichkeit stellt sich bei mir dann. Wie viele werden realistisch gesehen eine dieser Zeitungen lesen wollen?

Im Fokus des Zeitungsprojektes steht das Alleinsein. Wie kamen Sie auf die Idee?

Als ich nach Berlin zog, lebte ich alleine. Von einem Leben mit meiner Familie bin ich sofort auf einen Einpersonenhaushalt umgestiegen. Das war jedoch nie negativ für mich, ganz im Gegenteil. Natürlich gab es einige schwierige Momente. Ich brauche aber das Alleinsein, um Ideen zu sammeln. Manchmal schalte ich beispielsweise das Handy einige Tage lang aus, um ablenkungsfrei arbeiten zu können. Als die Corona-Pandemie kam, hat die Krise offenbart, wie viele Menschen sich einsam fühlen. Mit meiner Zeitung wollte ich den Fokus auf dieses Gefühl legen, und alle Seiten beleuchten.

„Ob meine Illustrationen jemandem gefallen, spielt während des Schaffens selbst keine Rolle “

Wie entstand das Projekt?

Ich habe viel gelesen, unter anderem das Buch „Allein“ von Daniel Schreiber. Das war sehr hilfreich. Bei meiner Recherche habe ich auch viele Filme geschaut, mit Freunden und Bekannten geredet, da ja jeder etwas über das Thema erzählen kann. Schlussendlich habe ich auch eine Umfrage durchgeführt, bei der rund sechzig Personen mitgemacht haben. Da kamen ganz unterschiedliche Antworten heraus, einige positiver als andere. Man hat gemerkt, wie sehr die Meinungen auseinandergehen. Ein interessanter Aspekt war etwa die soziale Stigmatisierung von Personen, die in keiner Beziehung sind. Die Ergebnisse und meine Gedanken dazu habe ich dann aufgeschrieben, illustriert, und zu einem Zeitungsformat zusammengefasst.

Das Projekt der Zeitung wird in einer der kommenden Ausgaben der woxx erscheinen. Was erwartet die Leser*innen auf den Rückseiten im August sonst noch?

Eine kleine Sammlung verschiedener Techniken, Ideen und Ausdrucksformen. Ich probiere sehr gerne Neues aus und lege mich nur ungern auf einen bestimmten Stil fest. Meine „Handschrift“ erkennt man trotzdem in meinen unterschiedlichen Arbeiten.

Diese Interdisziplinarität macht Ihre Arbeit aus: Sie illustrieren, designen, gleichzeitig häkeln Sie oder besticken Möbel. Was ermöglicht Ihnen die Kombination von Techniken?

Ich habe erst letzten Oktober mein Studium abgeschlossen, weshalb ich noch nicht das Gefühl habe, mich schon festlegen zu müssen. Es geht mir darum, mich nicht auf dem auszuruhen, was ich schon kann, und mich nicht einzuschränken. Momentan erlaube ich mir deshalb, mir die Zeit zu nehmen, um herauszufinden, wo meine Interessen liegen und welche Materialien mir dafür zur Verfügung stehen. Mir ist bewusst, dass das ein großes Privileg ist. Das Häkeln hat sich dabei schon fast zu einer Sucht entwickelt! (lacht) Auch hier spielt aber mein Streben nach mehr Nachhaltigkeit eine Rolle. Meine gehäkelten Mützen verkaufe ich zum Beispiel nicht in kommerzieller Absicht – auch wenn ich in einem kreativen Bereich arbeiten will. Ich habe mich erst vor Kurzem als freischaffende Illustratorin angemeldet. Nur weiß ich noch nicht, ob ich von der Illustration leben kann. Viele Leute verstehen nicht, wie viel Arbeit in einer Illustration oder so einem Projekt steckt. Das sollte angemessen entlohnt werden, was aber leider nicht immer der Fall ist. Deshalb weiß ich noch nicht, inwiefern meine Arbeit eine Haupteinkommensquelle sein kann.

Was wollen Sie mit Ihrer Kunst ausdrücken?

Gefühlswelten. Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, kleine Witze. Meist kommen die Ideen, ein Satz oder ein Bild, beim Spazieren, beim Duschen oder in der U-Bahn. Ich fange sie dann so schnell wie möglich auf Papier ein, sonst lassen sie mir keine Ruhe!

„Mit dem Kopf in den Wolken“, beschreiben Sie sich in den sozialen Netzwerken. Das Motiv der Wolke kommt in Ihrer Arbeit oft vor. Warum?

Es ist kein Motiv, das ich mir bewusst ausgesucht habe. Ich denke, ich mag die Leichtigkeit von Wolken: Sie stellen für mich positive Gefühle dar. Außerdem verbinde ich sie mit mir selbst, mit meiner Persönlichkeit und der Fähigkeit zum Träumen, und sich nicht zu viel von anderen vorschreiben zu lassen, sondern sich wohl in der eigenen Haut zu fühlen. Diese Freiheit symbolisieren sie für mich, auch in Bezug auf meine Arbeiten: Ob sie jemandem gefallen oder nicht, spielt während des Schaffens selbst meist keine Rolle – außer ich arbeite natürlich für einen Kunden und erledige einen Auftrag.

Emma Bervard ist in Luxemburg aufgewachsen und für ein Studium an der Universität der Künste nach Berlin gezogen. Seitdem lebt die freischaffende Illustratorin, Grafikdesignerin – und Häklerin – in der deutschen Hauptstadt. Neben der Arbeit an konzeptuellen Kunstprojekten und dem Leiten von Kunstateliers mit Kindern illustriert die interdisziplinäre Künstlerin auch Bücher. Zuletzt den Gedichtband „Auf eine Reise nach Limerick“ von Joachim Heyder. Mehr Informationen auf www.emmabervard.eu und auf Instagram unter @b.emmaniac

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